Scharfe Kritik von Altbundeskanzler Helmut Schmidt am NATO-Einsatz im Kosovo! In einem Interview mit der schweizer Wochenzeitung L'Hebdo am 01. April 1999 verurteilt Schmidt die NATO-Operation und bringt schwere Vorwürfe gegen die USA vor: Diese hätten keinerlei Ahnung von der Geschichte der Balkanvölker. Die USA würden nicht begreifen, was es für Konseqzenzen habe, daß diese Region über Jahrhunderte von zwei Großreichen dem Ottomanischen und der habsburgischen Österreich-Ungarn-Monarchie beherrschzt worden sei. Sie hätte keinerlei Verständnis davon, daß auf dem Balkan drei Religionen und verschiedene Ethnien als Ordnungsfaktoren fungierten. Aber auch Europa versündige sich aus Ignoranz. Im übrigen sei es eine fatale Verkennung der Sachlage, wenn sich die USA einbildeten, nach dem Niedergang des Sowjetreichs nunmehr die einzige Supermacht auf Erden zu sein eine gravierende Fehleinschätzung, deren Haltlosigkeit sich in den nächsten ein bis zwei Jahrzehnten noch herausstellen werde.
Der NATO-Angriffskrieg im Kosovo verletze sowohl das Völkerrecht als auch die Charta der Vereinten Nationen, der sich die USA ebenso wie ihre Verbündeten unterworfen hätten. Auch die Vertragsgrundlage des Nordatlantikpakts, der schließlich ein reines Verteidigungsbündnis sei, werde dadurch verletzt.
Die USA versuchten im Kosovo, ihre Rolle als Weltpolizist zu befestigen, während die Europäer damit verhindern wollten, daß die Flüchtlingsströme an ihre Haustür klopften. Es sei jedoch ungut, eine Situation zu provozieren, in der man in den Zugzwang gerate, mit Bodentruppen nachzurücken. Deutsche, Franzosen, Europäer sie alle seien durch die USA in das Balkan-Dilemma hineingezogen worden.
Deutschland und Europa müsse sich aus der Gängelung durch die USA lösen. Man dürfe die Rechnung der künftigen Weltpolitik nicht ohne Rußland machen, das mit Sicherheit nicht auf alle Zeiten in seiner gegenwärtigen wirtschaftlichen wie politischen Schwächung verharren werde. Auch andere Mächte wie China und Japan sowie die aufstrebenden Schwellenländern, beispielsweise Indien und Brasilien, würden in Zukunft eine immer wichtigere Rolle spielen. Das ergebe sich nicht zuletzt aus der weltweiten Bevölkerungsexplosion, an der weder Deutschland noch Europa partizipierten. Schon aus diesem Grund sei eine Einigung Europas zwingend geboten, da es sonst in die Bedeutungslosigkeit versinken würde. Allerdings deckten sich europäische Interessen nicht immer mit amerikanischen, japanischen oder chinesischen. Es habe freilich ein halbes Jahrhundert gebraucht, um den gegenwärtigen Stand zu erreichen: So sei zu erwarten, daß es bis zur endgültigen Vereinigung Europas noch ein weiteres halbes Jahrhundert dauern werde.
Schmidt kritisierte ferner die überstürzte Anerkennung Kroatiens und Sloweniens durch die damalige Bundesregierung, mit der man die europäischen Partner vor vollendete Tatsachen gestellt und diese erheblich verärgert habe. Dies habe auch das deutsch-französische Verhältnis bis heute belastet. Man dürfe den deutschen Schritt zwar nicht überbewerten, er sei gewiß nicht alleinursächlich für die gegenwärtige Balkankrise verantwortlich, habe aber doch dazu beigetragen. Insoweit trage die Bundesrepublik Deutschland auch eine entsprechende Mitverantwortung für die Ereignisse in der Region.
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