(ssc) Der Leitspruch Das große Ziel, um das sich alles in der Welt dreht, ist die Erhaltung der Art ist wohl den meisten Evolutionsbiologen nach akribischen und erkenntnisreichen Studien in die Forschungsbibel geschrieben. Daß nun die Objekte dieser Studien, selbst der ganz unspektakulär belesene Mensch, auch in solcherlei Wissen eingeweiht werden kann, ermöglicht dieses Buch. Hat es doch den Vorteil, den Begattungsalltag des Menschen und seine Hintergründe so allgemeinverständlich aufzurollen, daß man keiner Liebesromanze und -tragödie mehr als eben diesen Leitspruch abringen kann. Schließlich ist es die Prämisse des Werks, daß der Mensch, gleich ob Weibchen oder Männchen, trotz seiner mühsam errungenen kognitiven Prozesse von den biologischen Faktoren so heimtückisch überlagert ist, daß er sich diese überaufwendigen Schnörkel eigentlich auch getrost sparen könnte nennenswerte Verluste wären darob jedenfalls kaum zu beklagen.
Bei all dem Firlefanz geht es unterm Strich ja doch nur darum, den optimalen Genpartner zu finden, die Brutpflege zu optimieren und der Welt so viele der eigenen Gene wie nur möglich zu hinterlassen. Jeder Mensch ist außerdem schon aufgrund seiner Existenz das Resultat einer kriegerischen Handlung, wie der Autor in seinem vorhergehenden Bestseller: Krieg der Spermien erläutert hat. Und der Krieg ist angeblich allem weiteren menschlichen Tun Lehrmeister.
Zum Leidwesen derer, die es gern anders sähen, hat die natürliche Auslese den Menschen mit einer Neigung ausgestattet, stur seine egoistischen Ziele zu verfolgen; er besitzt keinen Mechanismus, der die Entwicklung eines echten Altruismus gestatten würde.
Damit Sie, lieber Leser, nicht allzu unsanft von Ihrem etwaigen Illusions-Wölkchen plumpsen und unsanft mit dem ontologischen Allerwertesten auf der Erde landen, dazu erst mal Zoologisches:
Viele werden den Film von einem Affenweibchen kennen, das am Boden nach Futter sucht, während ihr Gefährte sie von einem hohen Ast aus aufmerksam beobachtet. Ihr nähert sich ein anderes Männchen. Er setzt sich nieder und zupft unschuldig an seinem Fell, wobei er seine Erektion vor ihrem Gefährten verbirgt. Sobald die Aufmerksamkeit des Gefährten abgelenkt ist, klopft das andere Männchen dem Weibchen auf die Schulter. Im Nu steht sie vor ihm und präsentiert sich, und er besamt sie. Das geht so blitzschnell, daß sie, als der Gefährte wieder in ihre Richtung blickt, schon wieder ihren bisherigen Tätigkeiten nachgehen die Unschuld in Person.
Nun aber können wir nicht mehr umhin, Sie einzuweihen beim Menschen verhält es sich um keinen Deut anders. Sie finden im Buch ein Paradebeispiel für eine im Grunde gleichrangige menschliche Geschichte. Da bemüht sich ein Ehepaar (beide fruchtbar) redlich und furchtbar aufwendig zwei Jahre hindurch ein bis zweimal täglich in den einfallsreichsten Positionen und mit äußerst umständlichen spermienschonenden Maßnahmen dennoch vergeblich um Nachwuchs. Und da kommt dann eines Tages so ein männlicher Unschuldsengel in die Nähe der an sich treuen Ehefrau und schwupps, innerhalb von nicht mal drei Minuten wird sie erfolgreich besamt, trotzdem der Großteil der kostbaren fremden Spermien am Küchenfußboden landet. Daß der fleissige Ehemann nie erfahren wird, daß der langersehnte Sprößling nicht der seine ist, liegt am Brutpflegeinstinkt der Frau. Frauen haben aufgrund des ihnen zugeteilten größeren Aufwands der Brutpflege dafür zu sorgen, einen Partner zu wählen, der ihnen als Nesterhalter vertrauenswürdig erscheint. Diesen Test hat obiger Ehemann zwar bestanden. Das geht aber nicht immer zwingend einher mit dem gleichrangigen weiblichen Wunsch, den besten Gen-Partner (z.B. unseren Unschuldsengel) zu besitzen. Gene sind da schneller ausgetauscht, als jahrelange Pflege und bestmögliches Brutverhalten in Anspruch nehmen. Und die optimalen Gen-Partner sind nicht immer diejenigen, die ausdauernde Nesterhalter sind oder wenn, dann sind sie oft schon vergeben.
Die weibliche Devise lautet also: Nesterhalter warm halten und ran an den Samen des optimalen Gen-Partners. Die biologischen Mechanismen der Frauen gehen da mindestens so raffiniert vor, wie ein mit allen Wassern gewaschener Geheimdienstler. Oft in Doppeltarnung also so, daß nicht einmal das Medium Frau etwas davon erfährt. Der Eisprung legt da ein beredtes Zeugnis davon ab. So sehr ihm alle möglichen Wissenschaftler auch auf der Spur sind er trickst sie alle aus. Zwar wissen Frauen meist mehr, als sie den Männern verraten, aber Eisprünge, bzw. weibliche Gene sind nicht bereit, da Risiken einzugehen. Damit Frauen auch nachhaltig und wirksam schwindeln können, greifen weibliche Gene zu folgender Maßnahme: Was sie (die Frau) nicht weiß, macht mich (das Ei) nicht verdächtig. Also springe ich (das Ei), wenn sie (die Frau) es nicht bemerkt. Da hilft auch kein Fieberthermometer.
Für den Autor spricht ganz eindeutig die Statistik:
Rund zehn Prozent aller Kinder wurden nicht von demjenigen gezeugt, den sie für ihren Vater halten. Die Chancen, Hörner aufgesetzt zu bekommen, sind ungleich unter den Männern verteilt; diejenigen mit geringem Besitz und Status sind am schlimmsten dran Männer von Besitz und Status haben daher unter allen Aspekten die größeren Aussichten auf Fortpflanzungserfolg als ihre Zeitgenossen von geringerem Status
Also: Sich allein auf biologischen Vorteile auszuruhen, das ist Männern nicht anzuraten. Das erfolgreiche Erklettern der Sozialleiter ist erst mal Voraussetzung dafür, erfolgreich besamen zu können. Frauen haben es da angeblich einfacher: Ebenmäßige Züge, wallendes Haar, glänzende Haut, leuchtende Augen und vor allem (allen Gesellschaften gemeinsam) eine Taille, die in etwa 70 Prozent des Beckens ausmacht, und schon ist sie ein begehrter Brutkasten so hat es Robin Baker akribisch erforscht. Aber spätestens dann, wenn die erfolgreich besamten Frauen den ersten optimalen Voraussetzungen der Brutpflege (Stillen) an öffentlichen Plätzen nachkommen wollen, bekommen sie den kriegerischen Instinkt der menschlichen Umwelt zu spüren. Kann es doch nicht im Sinne eines noch so gutmütigen Richters oder einer noch so postuliert-altruistischen Ökobewegung und schon gar nicht den Feministinnen darum gehen, fremden Gendatenbanken zum Wohlsein zu verhelfen
Bevor wir jetzt offenbarer kritisch werden, sei noch erwähnt, daß dies nur ein minimaler Ausschnitt der raffinierten Fortpflanzungsstrategien des Menschen ist. In diesem Buch erfahren Sie so grundlegende (nämlich biologische) Dinge des menschlichen Überlebens, Strebens und Familienlebens, daß wir Ihnen die Lektüre empfehlen können. Die Nüchternheit, mit der Sie danach den vielversprechenden sozialen Angeboten ihrer Umgebung Paroli bieten, die kann immerhin verhindern helfen, daß Sie Ihre Ressourcen unnötig strapazieren. Lediglich die Liebesroman- und Schmalzfilmindustrie sowie die Boulevard-Presse hat zu fürchten, Ihre gewinnbringende Kundschaft zu verlieren. (Seit Erscheinen des Buchs Krieg der Spermien haben Boulevard-Blätter mit einer tatsächlich rigorosen Abnahme der Abonnenten zu tun wenn das nicht hämischer Anreiz genug ist, mal ein Buch zu lesen )
Dennoch: Unsere Kritik gilt, und zwar vor allem dem einen Punkt, mit dem der Autor nur allzu leicht darüber hinwegstreift, daß Mißhandlungen von Kindern durch ihre Stiefväter auch biologisch vorprogrammiert seien. Ja, daß selbst Zeugen des Geschehens (oft die Mütter der Opfer) aus fortpflanzungstechnischen Gründen gar nicht anders können, als wegzusehen. Angeblich nehmen solche Mütter blind in Kauf, daß eines ihrer Kinder mißhandelt wird, nur um ihre restlichen Gendatenbanken gut versorgt zu wissen. Da wäre es schon angebracht, die menschliche Fähigkeit, Erfahrungen anderer zu nützen, unumstößlich zu verlautbaren. Genmanipulierten Verbrechen zur bio-ethischen Gültigkeit zu verhelfen das ist nur die logische Vorstufe zur geklonten Menschheit. Das hat der Autor vielleicht nicht im (biologischen) Sinne es entspringt vielleicht ja nur seinem Wissenschafts-Gen? Das hat er aber in der Schönen neuen Welt erworben und sollte nicht unhinterfragt übernommen werden. Ebenso der angebliche Drall des Menschen, Nachkommen zu zeugen. Als ob die Fruchtbarkeit nur auf den Körper beschränkt sei ganze Bibliotheken von ausgestorbenen Genproduzenten sind ein vielseitiges Beispiel dafür, daß der Mensch auch ganz anders fruchtbar sein zu kann.
Überhaupt eignet dieser ganzen, sich jeder fundamentalen Reflektion verweigernden Liebe zur vorgeblichen Wahrheit der Genetik und ihres theoretischen Überbaus etwas unverhohlen Zeitgeisthaftes, Modisches, das bei der Lektüre nicht nur immer wieder befremdet sondern auch einen unverkennbar schlechten Geschmack im Mund hinterläßt. Da wird mal wieder in aller pseudo-naiven Treuherzigkeit das Hohelied vom Gemendel gesungen, wie es dereinst schon Adolf und seine Schergen taten, allerdings nicht nur diese. Ein infamer, weil ungerechter Vergleich? Keineswegs, denn biologistisch begründeter Fatalismus stellt nun mal unbestreitbar einen der denkbar bequemsten Ideologismen dar, mit denen hervorragend menschenverachtender Bevormundungsstaat gemacht werden kann und mittlerweile, in den Anfangswehen der Epoche des Dritten Weltkriegs, ja auch wieder weidlich gemacht wird.
Schließlich sei noch anzumerken, daß der Verfasser seine Hausaufgaben in Sachen Sozialbiologie ganz eindeutig nicht gemacht hat: Dort gilt die wohlfeile These vom egoistischen Gen schon seit geraumer Zeit als reichlich überholt, weil einfach nicht mit den Ergebnissen dieser noch vergleichsweise jungen Disziplin in Deckung zu bringen. Nun gut, das muß man ja nicht unbedingt glauben aber es hätte doch wenigstens erwähnt und kritisch gewürdigt gehört, anstatt den Leser wissenschaftstechnisch mit dem Schnee von vorgestern einseifen zu wollen.