StartseiteSTART Portalseite PORTALE HotNews hier! Nur für Abonnenten ABO Suchen SUCHE Wir über uns - nebst Impressum WIR Online bestellen kinderleicht ORDER Email an uns EMAIL USA Shopping Center  Shopping USA
    Gesamtindex [ver. 03.04.03) vom [2005-11-23]  © 1996-2007 copyright by Verlag Ralph Tegtmeier Nachf. URL: http://confidenz-depesche.com Seitenende






    Rezensionen

    Alles über “Moerder-Räuber-Kirchen-Marckt-Tag- und Nacht-Dieben, Falschen Geld-Müntzer, Wechsler, Spieler und Brief-Trageren, auch anderen herum gehenden Liederlichen Gesinds”


    Buch gleich hier portofrei ordern!

    Heiner Boehncke/Hans Sarkowicz (Hrsg.:
    BAYERNS BÖSE BUBEN.
    Von Wildschützen und Räubern zwischen Main und Königssee

    Frankfurt/M.: 1997, 210 S., Eichborn GmbH & Co. Verlag KG
    DEM 16,80
    ISBN: 3821814411

    Hier können Sie das Buch gleich portofrei bestellen!

    Buch gleich hier portofrei ordern!

    Heiner Boehncke/Bettina Hindemith/Hans Sarkowicz:
    DIE GROSSEN RÄUBERINNEN.
    “Und wenn der Kopf fällt, sag ich hoppla”

    Frankfurt/M.: 1994, 224 S., Vito von Eichborn GmbH & Co. Verlag KG
    DEM 29,80
    ISBN: 3821811714


    Jetzt als Heyne-Taschenbuch: nur DEM 16,90

    Hier können Sie das Buch gleich portofrei bestellen!

    (mp) Heiner Boehncke (Professor der Literaturwissenschaften, der die schriftlichen Ausdrucksformen der “unteren Schichten” zu seinem Lieblingsthema gemacht hat und schon das “Buch der Vaganten” veröffentlichte) und Hans Sarkowicz (der sich als Rundfunkredakteur vor allem mit dem Problem der Gewalt in Kultur und Gesellschaft befaßt) sind bereits mit “Die deutschen Räuberbanden” als Autorenteam in Erscheinung getreten und gelten seitdem als ausgewiesene Räuberexperten. Bettina Hindemith studierte in Berlin Literatur und Philosopie und arbeitet als freie Journalistin. Sie scheint für die sogenannte “weibliche” Seite hinzugekommen zu sein.

    Daher auch in Würdigung ihres Beitrags: Ladies first!

    Stehlen, Morden und Brandschatzen waren schon im 18. und 19. Jahrhundert keineswegs eine reine Männersache, wie die Schand- und Heldentaten von Störtebeker, Schinderhannes und auch vom bayerischen Hiasl eigentlich vermuten lassen könnten.

    Die vorliegende Sammlung von Verhörprotokollen, Geständnissen und Lebensbeschreibungen über die zum Teil spektakulären Schicksale der weitgehend in Vergessenheit geratenen großen Räuberinnen (vor allem aus Deutschland, Österreich und der Schweiz) beleuchten ein Stück Sozialgeschichte, das bisher nicht allzu viel Beachtung gefunden hat. In ihrem Vorwort weisen die Autoren auf die besonders schwierige Lage der Frauen hin, die nicht nur beim Räuberhandwerk besser sein mußten als ihre männlichen Kollegen, um sich durchsetzen zu können. Aber dieser feministische Tonus verliert sich schnell, denn es geht nicht allein um einzelne Frauenschicksale. Vielmehr geht es um Menschen, die nicht wegen ihres Verbrecherseins am Rande der Gesellschaft stehen, sondern aus purer Not aus dem Abseits heraus einen Weg zum Überleben suchten und fanden.

    Die meisten von ihnen überlebten allerdings nicht lange: Die “Alte Lisel”, Oberhaupt einer weitverzweigten Räuberbande, wurde am 17. August 1732 in Salem am Bodensee zusammen mit ihrem vierten Mann hingerichtet. Die drei vorherigen “Beischläfer” hatte sie schon durch Schwert oder Strick verloren.

    Die als “Schwarze Lies” berühmt gewordene Diebin, Trickbetrügerin, Wanderhure und Mehrfachausbrecherin hatte ausgerechnet den am meisten gefürchteten Häscher Süddeutschlands bestohlen. In ihrem Prozeß wurde sie zum Ungeheuer hochstilisiert und danach kurzerhand aufgeknüpft.

    Die Mordbrennerin Friederike Delitz wurde 1813 in Berlin bei lebendigem Leib verbrannt. Anders – aber keineswegs besser – erging es Clara Wendel, der Räuberkönigin der Schweiz. Sie hatte nach zahlreichen brutal und ausdauernd geführten Verhören (über zwei Jahre lang dauerte diese “Untersuchung”) viele der mit ihr herumziehenden Sippenmitglieder verraten und sich selbst zu 20 Morden, 14 Brandstiftungen und 1588 Diebstählen bekannt. Da sie sich aber in ihren Aussagen immer mehr in Widersprüche verstrickte, schenkte man ihr keinen Glauben. Sie wurde wegen 126 “amtlich anerkannten Diebstählen” zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt. Gestorben ist sie im Alter von 80 Jahren in der Irrenanstalt von St. Urban im Kanton Luzern.

    Das Räuberleben war keineswegs so romantisch, wie es in der Unterhaltungsliteratur so gern beschrieben wird. Die meisten Frauen in den Räuberbanden waren Sackgreiferinnen und Marktdiebinnen, die mit Unterstützung der Kinder für den Unterhalt der ganzen Familie zu sorgen hatten.

    Wer das Buch nicht nur als Krimi-Ersatz-Bettlektüre liest, dem werden nicht nur die Lebensumstände der damaligen Zeit vor Augen geführt, sondern auch die Entwicklung in den Strategien der Verfolger. Schon im Jahre 1510 erschien das “Liber vagantorum” (Buch der Fahrenden), in dem die bekannten Tricks der Schwindler und Simulanten beschrieben wurden, auf daß die Unterscheidung zwischen echten und falschen Bettlern gelänge. Die “Geheimsprache” der Unterwelt, das Rotwelsch, wurde darin erstmals in einem Glossar ins Deutsche übersetzt. (Einen Ausschnitt daraus findet der interessierte Leser auf den Seiten 50f und 82f.) Von diesem Gaunerbüchlein wurde reger Gebrauch gemacht, und es wurde auch immer wieder überarbeitet. Sogar Martin Luther – als strenger Armenfreund bekannt – brachte eine Ausgabe heraus.

    1738 erschien erstmals eine umfangreiche “Gaunerliste” (heute als Fahndungslisten bekannt) in gedruckter Form. Das war ein Register, das die Beschreibung von “Moerder-Räuber-Kirchen-Marckt-Tag- und Nacht-Dieben, Falschen Geld-Müntzer, Wechsler, Spieler und Brief-Trageren und anderen herum gehenden Liederlichen Gesinds” und ihrer Vorgehensweise lieferte. Peinlich genau wurde da unter anderem das Aussehen und die Beschaffenheit der Kleidung beschrieben, da die wenigsten Gesuchten mehr besaßen, als was sie am Leib trugen.

    Jeder kennt im Gegensatz dazu die realitätsfremden Schilderungen der romantisierten, tapfer leidenden und verführerisch sinnlichen Räubergeliebten aus der Trivialliteratur. Deshalb fragt sich der Leser zu recht, was die 50 Seiten, die einen Zusammenschnitt aus Rinaldo Rinaldinis “schauerlich-schönsten Stellen” darstellen sollen (mit seiner Geliebten Dianora, der Gräfin Martagno), überhaupt in diesen Buch verloren haben. Diese Passage kann nur als grober Schnitzer in einer ansonsten durchaus lesenswerten und aufschlußreichen Lektüre gewertet werden.

    Im “unverschämten Lesebuch” über die bösen Buben Bayerns finden wir einen neuen Aspekt der Räuberei und der Wildschützerei. Die 15-seitige Einführung bietet hier aufschlußreiche Informationen über die immer drastischeren Einschränkungen der bäuerlichen Bevölkerung beispielsweise durch das Jagdrecht. Da scheint es oft genug nicht allein ums Überleben zu gegangen zu sein, sondern nicht zuletzt um den Widerstand gegen die königlich-bayrische Obrigkeit.

    So gilt noch heute der Wildschütz Jennweiler, der 1877 von einem Jagdgehilfen hinterrücks ins Jenseits befördert wurde, als Volksheld. Ohne die Unterstützung eines Großteils der Bevölkerung wären auch die wilden Räuber Bayerns (Mathias Kneissl, Michl Heigl) nicht zu ihrem noch immer ungebrochenen Ruhm gelangt.

    Letztlich ist es aber allen an der Kragen gegangen, weil sie verraten wurden. Die Rache der Obrigkeit war grauenvoll, auch wenn der Betroffene, der zwar wußte, was ihn erwartete, nicht mehr alles miterlebte. Mathias Klostermayr, der Bayrische Hiasl, wurde 1771 in Dillingen zuerst erwürgt, dann gerädert und anschließend geköpft. Zu guter Letzt wurde der Rumpf gevierteilt und die zerstückelte Leiche entsorgt und zur Schau gestellt. “Der Kopf wurde auf den Dillingschen Galgen aufgesteckt, die Eingeweide aber unter demselben begraben und nicht weit davon das obere rechte Viertel an einem Schnellgalgen aufgehänget. Das linke obere Viertel befindet sich zu Schwabmünchen, das rechte untere zu Oberndorf und das nämliche linke bei Füssen.”

    Als Gute-Nacht-Lektüre für Schauermärchenliebhaber ist auch dieses Räuberexpertenwerk nur bedingt geeignet. Die oft verherrlichenden Darstellungen der Helden mögen vielleicht einem Bayerngemüt entsprechen, jedem “ausländischen” Leser hingegen sträuben sich angesichts solcher Selbstgefälligkeit die Nackenhaare. Aber, wie schon Tiedge weise geworden in seinen Memoiren bemerkt, lautet in Bayern das Motto: “In dubio pro Bavaria.”

    Für beide Bücher aber gilt: Wer bereit ist, zwischen den Zeilen zu lesen, dem sei versichert, daß er das damalige soziale Umfeld, in dem diese armen, mittellosen Leute zu Vaganten, Mordbrennern, Piratinnen, Sackgreiferinnen, Räubern, Mördern und Wildschützen wurden, genau unter die Lupe nehmen kann. Und der Konnex zur heutigen Verfolgungsmethodologie wird dem aufmerksamen Leser gewiß nicht entgehen.



    Seitenanfang Roter Faden Kategorie-Index Kategorie-
    Index

    [Datei: cd9903rez03.html]