Kevin Kelly:
DAS ENDE DER KONTROLLE.
Die biologische Wende in Wirtschaft, Technik und Gesellschaft
Mannheim: 1994, 629 S., Bollmann Verlag
DEM 58,
ISBN: 3927901873
Meldung 04/99: TITEL RESTLOS VERGRIFFEN / KEINE NEUAUFLAGE!
(as)
Der Autor Kevin Kelly, geboren 1952, ist Chefredakteur von Wired, dem führenden US-Magazin in Sachen Computer- und Netzkultur; er gehört zu den Initiatoren der Hackers Conference und des legendären Online-Salons Well. Als Mitglied des Global Business Network berät er weltweit Unternehmen und Regierungen.
Das Buch soll ein Beleg dafür sein, daß Natur und Maschinen verschmelzen. Die Zukunft der Maschinen heißt Biologie, die Zukunft der Wirtschaft heißt Netzwerk. Dies läßt sich nicht nur an der Weiterentwicklung von Computern und Robotern beweisen sondern auch an Gesellschaftsstrukturen wie Firmen, Städten, Kommunikationsnetzen. Kevin Kelly möchte zeigen, daß der größte Nutzen für die Menschen dann entsteht, wenn man den verschiedenen Strukturen ein Höchstmaß an Eigenentwicklung und -regulierung erlaubt, und daß der daraus entstehende Verlust an Kontrolle kein Nachteil sein muß.
Das Buch beginnt mit einem Szenarium Testmodul für das Leben im Weltall. Der Erzähler befindet sich in einer gläsernen, luftdicht abgeschlossenen Behausung. Die Luft zum Einatmen ist die gleiche, die ausgeatmet wurde, aber durch Ventilatoren aufgefrischt. Urin und Exkremente werden recycelt. Die Hälfte der dort befindlichen Pflanzen dienen der Nahrungszubereitung. Leben (Menschen, Pflanzen, Mikroben) und Maschinerie (Ventilatoren und Recycler) sind miteinander verbunden, arbeiten miteinander. Dies soll das Geschehen in den letzten Jahren im großen Maßstab auf der Erde sein: Die Sphäre des Geborenen (die Natur) verbindet sich mit der Sphäre des Gemachten (dem, was vom Menschen konstruiert wurde). Maschinen werden biologisch, Biologisches wird zur technischen Konstruktion, Ergebnis: neobiologische Zivilisation.
Der Verfasser zeigt, daß diese Entwicklung von Anfang an so angelegt war und durchaus stringent verläuft. Die Herleitung beginnt damit, daß wir der Biosphäre Rohmaterialien entziehen, um neue, synthetische Materialien zu erzeugen. Danach nahmen wir biotechnische Veränderungen an Pflanzen und Tieren vor, um sie uns nützlicher zu machen. Es folgten sogar Veränderungen des Sprachgebrauchs, bei dem sich mechanische und lebensähnliche Formen zu überlappen begannen. Kelly entwickelt daraus die Theorie, daß sich die Dinge, die der Mensch hergestellt hat, selbst weiterentwickeln werden, also damit beginnen, autonom zu sein und kreativ. Wir verlieren die Kontrolle über sie, ganz wie Götter, die mitansehen müssen, daß sie die längste Zeit souverän über ihr Schöpfungswerk geherrscht haben.
Anhand verschiedener Systeme, dem eines Bienenschwarms und einer Ameisenkolonie; anhand der Funktion des Gehirns und des Aufbaus eines Computernetzwerks wird deutlich, daß sich Ansammlungen gleicher Teile anders verhalten als ihre Einzelteile, ja sogar ihre Fähigkeit im Zusammenspiel potenzieren. Der Leser erfährt von merkwürdigen Forschungsansätzen von bemerkenswerten Wissenschaftlern, die ihren Ergebnissen Regeln abzuringen versuchen, sie in Algorithmen fassen wollen, um sie danach wiederum zu simulieren. Das zeigt, daß von Kontrolle keine Rede sein kann, denn auf welche Weise sich die Dinge anders verhalten als ihre Einzelteile, läßt sich kaum vorhersagen. Anschaulich wird dies durch Computersimulationen wie Sim City, das Internet-Spiel MUD und ihre zahlreichen Nachahmungen und Abwandlungen.
Kelly führt auf, daß es auch anders geht. Wenn man die Systeme hierarchisch aufbaut, kann man sie sehr wohl kontrollieren und Führung herstellen. Das birgt jedoch auch Nachteile: Die Systeme werden schwerfällig, Entwicklungen finden nicht von sich heraus statt, durch Ausfall einer Teileinheit kann das ganze System zusammenbrechen, das System bleibt begrenzt.
Das Buch skizziert auch die verschiedenen Philosophien der Wissenschaftler aus Biologie, Physik, Evolutionsforschung, Robotik und Computerentwicklung. Um zu entscheiden, ob man die Kontrolle über die geschaffenen Systeme weitgehend abgeben soll, ist zu überlegen, ob das Hergestellte für den Menschen da ist oder für sich selbst. Diese Überlegungen wirken teilweise recht abstrus, wenn es sich beispielsweise um intelligente Maschinen handelt.
Kevin Kelly stellt sich dabei auf die Seite der Technik-Philosophie schnell, billig und außer Kontrolle. Die Vorteile: Die Systeme sind anpassungsfähig, denn nur ein Ganzes, das viele Teile enthält, kann einem Ganzen erlauben fortzubestehen, während Teile absterben oder sich verändern. Die sogenannten Schwarmsyteme sind entwicklungsfähig, die Verlagerung der Anpassungsfähigkeit von einem Systemteil auf ein anderes ist möglich. Sie sind unverwüstlich, kleine Fehler verlieren sich im allgemeinen Tumult. Sie sind zumindest theoretisch unbegrenzt, denn durch eine zunehmend sich ausweitende Struktur über die Anfangsstruktur hinaus kann ein neues Gerüst zum Bau weiterer Strukturen erstellt werden, wie es beim Internet geschehen ist. Ein weiterer Vorteil ist das Entstehen von Neuerungen, denn die Größe der Wirkung verhält sich nichtproportional zur Größe der Ursache. Neue Möglichkeiten sind wegen der exponentiellen Verkettung vieler Individuen gegeben. Die Individuen selbst zählen dabei nicht. Dadurch können Abweichungen geduldet werden. In Schwarmsystemen mit Vererbbarkeit führt das zu ständiger Erneuerung, also Evolution.
Es folgen Berichte darüber, wie sich diese Vorteile nutzen lassen. Der Leser erfährt, wie verschiedene Teams von Wissenschaftlern das Problem zu lösen versuchen, eigenständige Roboter zu bauen. Ein Roboter, mit einer Zentrale ausgestattet, die seine Steuerung übernimmt, ist viel zu groß und zu schwer, und damit zu unbeweglich. Deswegen ist man weitgehend dazu übergegangen, viele kleine dumme Roboter zu bauen, die nur jeweils einen Teil der Aufgaben übernehmen können und teilweise auch auf der Strecke bleiben.
Weitere Nutzungsmöglichkeiten bietet das industrielle Recycling. Mehrere Industriezweige schließen sich zusammen, denn der eine braucht, was für den anderen nur Abfall darstellt. Auch beim Outsourcing findet man diese Netzwerkökonomie: Unternehmen geben Arbeiten an Außenteams ab, die diese billiger erledigen können. Und sie wird eingesetzt in der Entwicklung von Computerchips, von Software, von elektronischen Kommunikationsnetzen sowie in der pharmazeutischen Forschung.
Kevin Kelly verschweigt nicht, daß auch Schwarmsysteme, also Systeme, die aus eigenständig handelnden Einheiten bestehen, ihre Nachteile haben. Anhand des Experiments der Biosphäre zeigt er, daß sich dort durch die erlangte Eigenständigkeit Teilsysteme besonders gut entwickelt haben, andere dafür aber abstarben. Zu den Teilen, die auf der Strecke blieben, zählte auch der Mensch. Bekanntlich mußte das Experiment eben deshalb auch abgebrochen werden. Die Effizienz ist nicht optimal. Ständig wird etwas mehrmals gemacht. Die Steuerbarkeit fehlt, weil es keine leitende Autorität gibt. Es wird dadurch gesteuert, indem auf entscheidende Machtpositionen Druck ausgeübt wird und natürliche Tendenzen des Systems zu neuen Zielen untergraben werden. Entwicklungen sind nicht mehr vorhersagbar und nicht mehr verstehbar, aber die Verantwortung für diese Entwicklungen wird dem Menschen deshalb nicht abgenommen.
Das Buch wurde in seiner Originalsprache bereits 1994 fertiggestellt. Erst drei Jahre später erschien es dann auf deutsch. Die Entwicklung schritt aber gerade in den letzten Jahren rasend schnell voran. Das Buch sollte damals spekulativ sein und Prognosen über bevorstehende Entwicklungen geben. Aber die Forscher und Entwickler waren schneller. So schreibt Kevin Kelly in seinem Nachwort selbst, daß, sollte er das Buch noch einmal schreiben, seine Aussagen um einiges gewagter und futuristischer wären. Und er hätte recht damit.
Kelly schlägt sich in seinem Buch eindeutig auf die Seite der Systeme ohne Hierarchie, ohne Kontrolle. Aus Sicht eines Forschers ist das selbstverständlich die interessanteste Variante. Gibt es doch ständig unerwartete Entwicklungen, die ergründet werden wollen und über die sich hervorragend philosophieren läßt. Und es ist auch nur zu natürlich in einer Welt, in der allein das Wachstum zählt.
Doch wo bleibt dabei die Effizienz? Aus der ewigen Spirale, immer mehr erzeugen und noch mehr einkalkulieren zu müssen, um das also Erschaffene dann technisch zu warten, es zu sichern und zu schützen, kommt man so nicht raus. Das Individuum bleibt auf der Strecke. Klar, daß es dem System nicht schadet, wenn ein Einzelteil ausfällt. Das System läuft halt weiter aber was ist mit dem Einzelnen?
Das Buch steckt voller interessanter Geschichten über Wissenschaftler und ihre Versuche, Entdeckungen und Entwicklungen. Man spürt geradezu die Begeisterung des Autors. Fast möchte man selbst das eine oder andere Experiment nachvollziehen oder sogar darüber hinausgelangen. Bisweilen vergißt Kelly jedoch, daß der Leser nicht mitten in der Forschung steckt und überfordert ihn teilweise auch mit technischen Tiefgründigkeiten. Es tut dem Verständnis des Buchs jedoch keinen Abbruch, wenn man mal ein Kapitel überschlägt, denn viele Abschnitte befassen sich zwar mit Beweisen weniger Theorien, beleuchten diese Theorien aber von unterschiedlichen Seiten.
Auf jeden Fall ist es gut, dieses Buch gelesen zu haben, wenn man mitreden möchte: wenn man damit glänzen möchte, daß man weiß, wer gerade welche unerwarteten Forschungsergebnisse erzielt hat; mit welchen teils verrückten Ideen sich Wissenschaftler heute beschäftigen und damit durchaus nützliche Ansätze liefern; und welche Entwicklungen in Zukunft anstehen. Auch Hintergründe lassen sich durch diese Lektüre leichter ergründen. Wenn Sie mal wieder im Internet im Datenstau stecken, wenn eine Behörde Sie mal wieder auf verschlungene Pfade zum nie erreichbar scheinenden Ziel schickt dann könnte es sein, daß Sie auf effizientere Lösungsideen kommen, weil Sie dann wissen, daß man nicht unbedingt von alten, hierarchischen Strukturen ausgehen kann und sollte, und wenn sie noch so logisch erscheinen mögen.