Konrad Kunze:
dtv-ATLAS NAMENKUNDE.
Vor- und Familiennamen im deutschen Sprachgebiet
München: 1998, 229 S., Deutscher Taschenbuch Verlag
DEM 24,90
ISBN: 3423032340
(rt) Dieses Buch ist schneller besprochen als gelesen: Wie man es von der renommierten Reihe dtv-Atlas erwarten darf, bietet es eine überaus detailreiche, wissenschaftlich abgesicherte und ungewöhnlich übersichtliche Faktensammlung zur Verbreitung der Vor- und Familiennamen im deutschen Sprachraum.
Die etymologischen Ableitungen der Namen werden knapp erläutert und historisch nachgewiesen, und das geradezu üppige mehrfarbige Kartenmaterial veranschaulicht ihre geografische ebenso wie die zeitlich-historische Streuung.
Besonders interessant: die Entstehung von Namen aus den unterschiedlichsten Zusammenhängen ob es Begriffe aus der Anatomie sind (Beispiele für diesbezügliche Ableitungen: Hartnack = Harnack, Harnecker; Kropf = Kröpfl, Kröpke, Kropp; Daum = Daume, Duhm, Duhme); Verstümmelungen und Krankheiten (Schrimpf, Gurfay, Knatz); Charakter- und Geisteseigenschaften (Wrede); Besitz (Armmann, Nothaft); Tiere (Hirsch, Worm, Ochs); Berufe (teilweise übrigens auch von Tieren abgeleitet: Buth, Karpp, Stint, Sukop); Orte (Bölkow, Lüderitz, Flatschacher) die Zahl möglicher Herleitungen ist gewaltig. Zudem wird deutlich, daß längst nicht jeder Name ursprünglich das selbe bedeutete wie heute. Verschiebungen der Aussprache haben bei der Ermittlung ein ebenso gewichtiges Wort mitzureden wie der bei vielen Begriffen nachzuweisende Sinn- und Bedeutungswandel.
Wo der Name der sozialen Festlegung und Haftbarmachung dient, gibt es erwartungsgemäß auch die Auflehnung dagegen: allen voran Pseudonyme und Künstlernamen. Manch ein berühmter Name wurde dieserart künstlich erschaffen. Das wohl herausragendste Beispiel: der Philosoph Voltaire, dessen Wahlname tatsächlich ein (weiterentwickeltes) Anagramm aus Arouet l(e) j(eune) darstellt, der aber darüber hinaus nicht weniger als 160 weitere Pseudonyme benutzte und damit den bisher bekannten Weltrekord innehält.
Spitznamen, Schleifnamen, Kosenamen, Biernamen, Ekelnamen, Satznamen, Übernamen, Patronymika, Namenmagie: Das Feld ist äußerst weit gespannt und komplex, und so bleibt es nicht aus, daß der Laie beim Stöbern manche Überraschung erleben wird. Das macht die Lektüre, entsprechendes thematisches Interesse natürlich vorausgesetzt, zu einem echten Vergnügen, und der im Nebenlauf erzielte Wissenszugewinn ist beträchtlich. Dieser führt letztlich weit über das Thema der Namen hinaus, denn nirgendwo verdichten sich historische Entwicklungen, verworfene Lebensformen, in Vergessenheit geratene Techniken und Handwerkskünste mit Lebensphilosophien und verschollenen Ansätzen der Weltbetrachtung so anschaulich wie in der Sprache im allgemeinen und der menschlichen Namengebung im besonderen.
Die Fülle des Materials, das zudem innerhalb des engen Rahmens eines sehr handlichen Taschenbuchs arg gedrängt präsentiert werden muß, bedingt natürlich, daß man sich bei der Lektüre immer wieder die eine oder andere Ergänzung oder Weiterführung gewünscht hätte. Immerhin bieten ungezählte Quellenverweise und das 255 Einträge umfassende Literaturverzeichnis jede Menge Spielraum für die weitergehende Befassung mit der Thematik. Das umfangreiche Namenregister im Anhang erleichtert die Orientierung, so daß die ganze Aufmachung insgesamt als vorbildlich bezeichnet werden darf.
Fazit: akribisch, fundiert, zitierfähig, dabei doch kurzweilig und nützlich unbedingt empfehlenswert.