Wider Pfunde und Feinde:
Hightech Food zum Abgewöhnen
Udo Pollmer/Cornelia Hoicke/Hans-Ulrich Grimm:
VORSICHT GESCHMACK:
Was ist drin in Lebensmitteln. Mit einem Lexikon der Zusatzstoffe.
Stuttgart-Leipzig: 1998, 344 S., S. Hirzel Verlag
DEM 49,
ISBN: 3777608041
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1. Vorspeise: Vegetarische Suppe
Zutaten: Klärschlamm, Sägespäne aus Australien, Preßrückstände aus der Produktion von Karottensaftherstellern (wegen der Ballaststoffe), Wasser (oder was immer da aus Ihrer Wasserleitung kommt), eine Messerspitze Nitrite (bitte nicht zuviel, sonst gleich tödlich, weil fast in allen Nahrungsmitteln schon vorhanden) und Sojaproteine. Zubereitung:
Man nehme die braune Brühe des Klärschlammes, inklusive der festen Bestandteile, verkoche und trockne die Masse so die innovative Rezeptur des japanischen Wissenschaftlers Mitsuyuki Ikeda aus Okoyama.
Gemahlen und ein paar Sojaproteine hinzugefügt fertig ist das Konzentrat, dem Sie nun nur noch die anderen Zutaten hinzufügen müssen. Die Sägespäne ermöglichen Ihnen diverse Geschmacksvariationen, je nach beigemengten anderen Komponenten (Betriebsgeheimnis), damit Ihre Opfer nicht immer dasselbe schmecken (erhältlich bei der deutschen Firma Haarmann & Reimer in Holzminden). Und trotzdem dürfen Sie noch laut Lebensmittelgesetz behaupten, daß Sie nur natürliche (weil Sägespäne bekanntlich von Bäumen stammen) Aromastoffe verwenden. Erdbeer-Joghurt & Co bedienen sich ja auch dieser Finesse. Ohne Sägespäne-Aroma schmeckt diese Suppe nach alten Hähnchen mit einem leichten Hauch von Fisch.
2. Hauptspeise: Leuchtkrebs mit ofenfrischem Gebäck
Gleich mal vorweg das Kapitel: Leckerer Leuchtkrebs:
Mancher Meeresbewohner, der bislang ein Schattendasein im Dunkel der Ozeane führte, wird jetzt herausgefischt. Der Mintai etwa, ein naher Verwandter des Dorschs. Oder der Krill, ein winziger Leuchtkrebs, der dem Bartwal als Sättigungsbeilage im Plankton dient. Die Geschmähten kommen jetzt zu neuen Ehren, werden zerlegt, gepreßt, gefärbt, und vertreten auf den Tellern vornehmste Meeresbewohner wie Hummer und Garnelen. 'Surimi' heißt das Ersatzerzeugnis, das in Deutschland meist unbemerkt verspeist wird: Bei einer Stichprobe fand die Hamburger Bundesforschungsanstalt für Fischerei 1994 in sieben von zehn angeblichen Garnelen Surimi [ ]
Dazu reichen Sie dann frisch gebackene hausgemachte Kornbeisserchen, knackig frisch und knusprig von Ihrem Bäcker nebenan, aus dessen guter alten Backstube. Sollten Sie trotzdem noch Freunde zu diesem Essen geladen haben, dann machen Sie diese doch auf das Kapitel Gesundheitsrisiko: Unbekannt aufmerksam. Hier erfährt man nämlich folgendes:
Zusatzstoffe werden nur im Rohzustand auf ihre gesundheitlichen Wirkungen geprüft. Beim Backen, also bei Temperaturen von bis zu 250°C, können aus manch einem harmlos erscheinenden Stoff ganze 'Schwärme' fragwürdiger 'Abbauprodukte' entstehen. Das trifft beispielsweise auf das in manchen Gebäcken enthaltene Antioxidans BHA zu. Für die meisten Stoffe liegen bis heute keine Untersuchungen darüber vor, was damit im Backofen passiert, noch niemand wagte es, das Sortiment des Bäckers an Versuchstiere zu verfüttern. 'Die vielfältigen Umsetzungen und Reaktionen', meint Dr. Kläui vom Chemiekonzern Hoffmann-La Roche, 'die beim Erhitzen eintreten können, die möglichen physiologischen Auswirkungen und die Bedeutung der zahlreichen neugebildeten Produkte für die gesundheitliche Verträglichkeit sind noch weitgehend unbekannt.'
Warum wir Sie hier in aller Ausführlichkeit auf bislang unerforschte Auswirkungen des Backofens Ihres Bäckers von nebenan aufmerksam machen genau darüber klärt Sie das Buch auf: Es liegt schlicht und ergreifend an den Steuererklärungen des wackeren Brotmanns. Er, Ihr lieber Bäcker, hat mit diesen dermaßen viel zu tun, daß er schon frühmorgens an den Schreibtisch muß und daher kaum noch Zeit fürs Rühren des Teigs seiner Kornbeisserchen übrig bleibt. Da hat er dann Hilfe von vielen innovativen Konzernen erhalten und greift (auch in Hintertupfingen) auf internationale Bäckerhilfsmaßnahmen zurück. Säckeweise kann er alle ofenfrischen Bäckerleckerlis in Form von Fertigmehlprodukten einkaufen. Daß er im Laufe seines Bäckerdaseins statistisch immer häufiger an Mehlasthma erkranken wird, liegt jedenfalls bestimmt nicht am Mehl (einer der am wenigsten vertretenen Bestandteile, deswegen kann es eigentlich nur einer Verschleierungstaktik entspringen, es überhaupt als Mehlasthma zu titulieren), sondern an dessen Beimischungen. Man denke sich doch all die Probleme mit den widerspenstigen Gepflogenheiten von Mehl- und Wasserkombinationen. Mal kleben sie auf der teuer errungenen Rührmaschine, bald schnurrt es (= Fachjargon für das Gebahren eines unpräparierten Teigs, nachdem er ausgewalkt wurde und noch nicht weiß, daß er in eine der teuren genormten Verpackungshüllen soll, sich aber statt dessen frecherweise millimeterweise einrollt) da ist so ein Bäcker schon froh, unter anderem eine Überdosis von Ascorbinsäure (verhindert das Ankleben) und Cystein (verhindert das Schnurren) in den zeitsparenden Konzernmischungen zu wissen. Er verrät Ihnen seine geheimen Rezepte (Bezugsquellen) nicht? Ist doch Ehrensache und nicht mal gesetzeswidrig, Hausrezepte geheimzuhalten. Das war schließlich schon zu Großmutters Zeiten so.
3. Dessert: Früchtecocktail
Kaiserin Maria Theresia soll kurz vor ihrem Ableben gesagt haben: Ich glaube, es geht mit mir zu Ende, schnell das Dessert!
Nun ja, ein solches können Sie, dank Pollmer und seinem Team, auch heute noch ebenso nüchtern anbieten (sofern Sie nicht vom Kochlöffel genascht haben) wie den Rest des Menüs:
Die Abfallverwertung zum Zwecke der Lebensmittelproduktion ist im Aufschwung (vom EU-Projekt 'Abfallfreie Lebensmittelwirtschaft' unterstützt). Zu den weitsichtigen Herstellern gehörte Unilever: Der Konzern hat, vor Jahren schon, ein Verfahren erfunden, mit dem 'die Absicht verfolgt wird, natürliche Früchte vorzutäuschen' (Patentschrift Nummer DE 2167271). Dazu werden, laut Patent, beispielsweise 'Himbeerabfälle' oder andere ausgepreßte Fruchtreste mit einem Gelee aus Algenextrakt, Geschmacks- und Farbstoffen zu einem bißfesten Etwas rekonstruiert. Diesen 'simulierten Früchten' (Patentschrift) könne weder Backhitze noch das 'Eindosen' etwas anhaben. Für das Patent hat der Konzern zwar jahrelang Gebühren bezahlt, doch in der Produktion, so beteuern die Verantwortlichen, sei es nie verwendet worden.
Nun denn, eine vielversprechende Möglichkeit für Sie, eine Gratisprobe zu bekommen. Die können Sie dann nach Belieben kochen, backen, eindosen oder was immer. Wenn etwas übrig bleibt, dann freut sich bestimmt ein Kind über den neuen Hüpfgummiball.
Und jetzt eine Frage: Wissen Sie denn überhaupt, wie man Pudding zubereitet? Fast 40 Prozent aller Deutschen können kaum mehr kochen, so hatte die Deutsche Presse Agentur gemeldet. Und bei den Deutschen zwischen 20 und 30 Jahren, so ergab eine andere Umfrage, ist nur noch jeder vierte in der Lage, einen Schokopudding ohne Hilfe von Doktor Oetker und Kollegen zuzubereiten. In den USA, Vorreiter beim modernen Leben, wird schon in 60 Prozent aller Mittelstandshaushalte überhaupt nicht mehr gekocht.
Also, stöbern Sie gefälligst das verstaubte Kochbuch Ihrer Großmutter auf und schlagen Sie mal nach. Da werden Sie bald erkennen, warum es Rindsuppe früher nur an Feiertagen gab. Denn das, was Sie sich schnell mal wochentags mit Knorrs und Maggis Hilfe zumuten, hätte Ihre Großmutter bestenfalls über ihre Leiche als Rindsuppe durchgehen lassen. Doch genug der Gewissensfragen.
Der Autor Udo Pollmer ist Lebensmittelchemiker und wissenschaftlicher Leiter des Europäischen Instituts für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften. Er ißt alles, worauf er Lust hat, antwortet er, wenn er nach einem seiner Vorträge von grün- und bleichgesichtigen Zuhörern danach gefragt wird. Daß er zu den führenden Optimisten unseres Jahrhunderts zu zählen ist, liegt nicht nur daran, daß er in seinem Buch und seinen Vorträgen schrecklichste Fakten witzig servieren kann; es ist auch darin begründet, daß er unerwähnt läßt, daß selbst Bananen und Äpfel in deren, von Mutter Natur vorgeschriebenen Originalverpackung auch bald nur noch mit Vorsicht zu genießen sein werden. Oder haben Sie sich noch nie gefragt, warum Obsthändler dazu neigen, Apothekenpreise für ihre Ware zu verlangen? Die wissen eben schon: Gentechniker kämpfen vehement darum, daß Antibiotika und andere Arzneimittel in Früchten verabreicht werden dürfen. Gentechnisch kein Problem mehr, aber leider gibt es fast nur noch bedauerlicherweise ethisch angehauchte Lebensmittelgesetze. Doch nur noch ein Puster und auch die sind weg.
Ein Verbraucherlexikon der Lebensmittelzusatzstoffe macht beinahe die volle zweite Hälfte des Buches aus. Die erste Hälfte beinhaltet so viele, hier noch unerwähnte Details, daß Sie davon ausgehen müssen, bis jetzt in Form unserer Menüempfehlung nur das Minimum erfahren zu haben. Darüber hinaus sind alle E-Nummernschlüssel hier angeführt. Dazu gibt es noch eine ausführliche Literaturangabe (alle zitierten Schrecklichkeiten können ausgiebig nachrecherchiert werden) und last not least ein sehr gutes Stichwortverzeichnis (für Verdauungsnotfälle).
Sie haben alle Ihre Supermarktbesuche überlebt? Reiner Zufall! Wieso, fragen Sie? Wenn Sie dieses Buch gelesen haben, wissen Sie warum.