(mp) Dr. phil. Franz. M. Wuketits, Biologe und Philosoph, lehrt seit 1979 an der Universität Wien und seit 1987 auch an der Universität Graz am Institut für Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsforschung. 1982 erhielt er den österreichischen Staatspreis für Wissenschaftliche Publizistik. Er ist Herausgeber und Autor zahlreicher Bücher. Allein in diesem Band nimmt er Bezug auf neunzehn seiner eigenen Veröffentlichungen, in denen er sich mit der Evolution auseinandersetzt.
Der Autor beschreibt absichtlich einfach und teilweise vereinfachend im Dienste der Lesbarkeit und damit es nicht nur für die Vertreter einer Fachdisziplin sondern auch für den Laien verständlich ist, wie er betont die Entwicklung und das Ende der Illusion, daß in unserer Welt alles langsam, aber stetig zum Besseren fortschreite. Er möchte damit den Fortschrittgedanken entlarven, der schon immer Ausdruck der Hoffnung auf Verbesserung gewesen sei und in den Bereich des illusionären Denkens gehöre. Auch die Hoffnung auf den neuen, den moralisch guten Menschen entspringe allein unserm Wunschdenken.
Der Mensch und damit sind in erster Linie Sie als Leser gemeint sollte sich nüchtern mit der Tatsache befassen, daß er in einem sinnlosen Universum lebt und nicht das Lieblingskind der Natur sein kann, weil diese gar keins hat. Wuketits würde, wie er bekennt, gern das Patent dafür erwerben, die Diskussionen über den Fortschrittgedanken in der organischen und sozialen bzw. kulturellen Evolution anzuregen, sowie für den Nachweis, daß beide Bereiche mit diesem Gedanken falsch besetzt sind, daß der Pfeil der Evolution, sofern es ihn überhaupt gäbe, in keine bestimmte Richtung fliegt.
Das Buch gliedert sich in zwei Teile, die beide den organischen wie auch den kulturgeschichtlichen Bereich beleuchten. Der erste Teil befaßt sich mit der Wurzel der Fortschrittsidee, der zweite ist eine kritische Relativierung und letztendlich die Verabschiedung der Idee vom universellen Fortschritt.
Als Grund für die Entstehung von Schöpfungs- und Wandlungsmythen, die die Menschheit seit jeher begleiten, sieht Wuketits das allgemeine Interesse am Ursprung und an der Entstehung der Dinge. Weil es aber so vieles auf dieser Welt gab, was dem Menschen, der nach Ursachen und Wirkungen suchte, nicht verständlich war, blieb ihm in seiner Hilflosigkeit und seiner Orientierungsnot letztendlich nur die Möglichkeit, die Götter entstehen zu lassen. Trotz des enormen Kenntniszuwachses in den Wissenschaften gibt es für den Menschen immer noch vieles, was er nicht begreifen kann. Deshalb seien auch heute noch Utopien und Illusionen sehr beliebt und weit verbreitet.
Der Leser wird mehr oder weniger behutsam zur Erkenntnis geführt, daß die einzige Gewißheit, die über die Zukunft der Menschheit besteht, darin besteht, daß der Mensch wie alle Organismen mit hoher Sicherheit dem Untergang entgegenstrebt. Wuketits rezitiert zur Veranschaulichung ein Gedicht von Eugen Roth:
Der Urhai schwamm noch ziemlich dumm
Im Ur-Meer urfidel herum,
Dann machte er, zuerst als Lurch,
Verschied'ne Änderungen durch.
[ ]
Denkt man sich eine Weltzeituhr,
So lebt der homo sapiens nur
Von vierundzwanzig vollen Stunden
Auf dieser Erde fünf Sekunden!
Die Kultur, die hier als dünne Haut beschrieben wird, kann nicht verbergen, daß der Mensch noch immer das Verhalten seiner frühen Vorfahren in sich trägt. Wo sich damals die Hominiden in Konfliktsituationen die Köpfe mit Keulen eingeschlagen haben, bekämpfen sich heute die Menschen mit einem enormen Waffenarsenal, das in seinem Zerstörungspotential jegliches Vorstellungsvermögen übersteigt. All die beachtlichen intellektuellen Fähigkeiten, die mit der Entwicklung und Vergrösserung des Gehirns (vom Schreiber nicht unberechtigt Hypertrophismus genannt) einhergingen, hat die Menschheit vor allem für die Zerstörung eingesetzt. Der Mensch hat nichts dazugelernt; er läuft zwar im Frack herum, trägt aber noch immer den Neandertaler im Kopf. Der Umgang mit seinen Artgenossen und mit seiner Umwelt zeugt von einer Destruktivität, die in der Natur ihresgleichen sucht. Die Verheerungen, die er an seinen Artgenossen (durch Kriege) und an der Umwelt (durch Klimaerwärmung, Tankerunglücke, Raubbau, usw.) anrichtet, nehmen immer gewaltigere Ausmaße an und sind, meint Wuketits, unumkehrbar und nicht mehr aufzuhalten.
Was uns bleibt, ist der Augenblick, das Hier und Jetzt, die Möglichkeit, Dinge zu erleben, uns an ihnen zu erfreuen solange sie noch nicht zerstört sind. Und vielleicht die Freude, einige dieser Dinge zu bewahren, hier und jetzt, ohne daran zu denken, daß sie mit uns eines Tages verschwinden werden.
Es ist ein umfassender und stellenweise trotz der Hoffnungslosigkeit in der Perspektive auch durchaus amüsanter Streifzug durch die Geschichte der Evolutionsbiologie, verknüpft mit Alltagsbeispielen und wohltuender Kritik an der Administration, die fleißig an der fortschreitenden Entmündigung des Bürgers arbeitet. Von der ersten bis zur letzten Seite ist dieses Buch gespickt mit interessanten Beispielen und wissenswerten Zitaten von Biologen, Paläontologen, Ökologen, Physikern, Historikern, Genetikern, Anatomen, Theologen, Teleologen: von Platon über Linné, Leibnitz, Voltaire, Kant, Goethe, Bölsche, Haeckel, Freud, Huxley (Thomas H. und James nicht Aldous), Skinner, Monod, Popper, Ditfurth und, unvermeidlich natürlich, Darwin und Lamarck um nur einige wenige der hier zu Rate gezogenen Autoren zu nennen.
Kurz gesagt ein gewiß gekonnter und geschickt geordneter Zusammenschnitt der 340 in der Bibliographie aufgelisteten Werke.
Wuketits sagt dabei selbst von seinem Unterfangen, es sei von den Grundsätzen her nichts Neues, er füge sich lediglich ein in eine lange Tradition zerstörerischer Ideen. Es gehe ihm nicht darum, sich in Wiederholungen und Unterstreichungen zu erschöpfen. Doch wo, bitteschön, bleibt hier das Neue? Daß mit unserer Welt nicht alles zum Besten steht, pfeifen die Spatzen schon längst von den Dächern, und daß der Mensch daran nicht ganz unschuldig ist, erfahren unsere Kinder spätestens im Kindergarten.
Hier hält der Autor eindeutig nicht Wort, was seinem Vorhaben leider unvermeidbar den Anstrich des Unseriösen verleiht da wäre ein Titel wie Warum ich meine Gattung verachte vielleicht treffender, sicher aber um einiges unprätentiöser und ehrlicher gewesen.
Für viele archaische Elemente, die heute nach wie vor in der europäisch-amerikanischen Gesellschaft enthalten sind und damit meint Wuketits nicht den Neandertaler in unseren Köpfen sondern den Brauch, daß einige wenige sich anmaßen, über das Schicksal vieler zu entscheiden nennt er ein Beispiel:
In den sogenannten primitiven Gesellschaften wurde und wird dem Magier als dem fähigsten Mann die Aufabe übertragen, die Angelegenheiten in der Sozietät zu regeln, über Gut und Böse zu entscheiden. Wir übertragen diese Aufgabe den Richtern, die - im Talar und mit dem Kruzifix auf dem (Richter-)Tisch - sich auch als Magier gebärden, ihre Urteile allerdings auf der Basis unverständlicher Gesetzestexte begründen. Ob sie zu den fähigsten Männer (und Frauen) unserer Gesellschaft gehören, ist nicht so wichtig, denn es genügt, daß sie dem einzelnen Furcht einflößen können, so wie die Magier primitiver Gesellschaften.
Als grobfahrlässiges Strickwerk, und nicht etwa nur als didaktisch vertretbare Vereinfachung, ist dieser Vergleich zwischen dem Magier und einem Richter zu werten. Es mag zwar richtig sein, daß beide auf ihre Art über Gut und Böse entscheiden, aber die Akzeptanz des Richtspruchs allein auf die Furcht zurück zu führen, die dem einzelnen vom Magier wie vom Richter eingeflößt werden, ist, gelinde ausgedrückt, dilettantisch. Was den Richter betrifft: Wenn's nur der allein wäre! Hinter und über ihm steht der ganze Administrationsapparat der Herrschenden, der allein dazu dient, das Volk zu regulieren. (Nicht nur böse Zungen nennen dies freilich knechten.)
Der Magier hingegen (um nur einen allerding nicht unwesentlichen Aspekt herauszugreifen) stand keineswegs für Unterdrückung da, er hatte keine Herrscher hinter oder über sich. Man darf plausiblerweise davon ausfegen, daß er um Hilfe gebeten wurde, und das wahrscheinlich auch nur dann, wenn wirklich Not am Mann war. Gewiß, auch ihm dürfte man ob seines unheimlichen Tuns mit gewaltiger Furcht begegnet sein, doch zeigt das historisch relativ späte Beispiel institutionalisierter magischer Ämter, etwa das Regen- oder das Regen- und Erntekönigtum, daß hier auch von einer Bringschuld in Sachen Effizienz ausgegangen wurde: Klappte es nämlich nicht mit dem Regen oder Ernte, wurde der auf dem Thron sitzende Magier kurzerhand den Göttern geopfert.
Da ihm zudem die Aufgabe des Heilers, Seelsorgers und Archivars, gelegentlich sogar des militärischen Oberbefehlshabers zukam, steht jeder Vergleich mit dem Richteramt auf äußerst wackligen Füßen.
Von Fachwissen unbelasteten Lesern, Misanthropen und solchen, die es werden wollen, bietet sich dieses Buch aber trotz allem unbestritten als unterhaltsame und sogar lehrreiche Bettlektüre an.
Hingegen suchen Fachleute (und für die war dieses Werk ja immerhin auch gedacht) hier beim besten Willen vergeblich nach neuen Erkenntnissen und Zusammenhängen, wenn sie dieses Buch nicht schon beim ersten Umblättern in der Buchhandlung als in Argumentation und Darstellung viel zu grob gestrickt beiseite legen.
Wenn sich der Autor seitenlang über die enorme Destruktivität des Menschen ausläßt und dabei betont, daß kein anderes Lebewesen so mit seiner eigenen Art verfahre was hier grundsätzlich gar nicht bestritten werden soll , unterschlägt er dabei doch auch die Tatsache und die Gründe dafür, daß es aber auch eben dieser Mensch ist, der sich wie kein anderes Lebewesen um Angehörige seiner eigenen Art (und keineswege nur um seine näheren und entfernteren Verwandten und Bekannten), ja sogar um fremde Arten kümmert. Oder wer hätte schon mal von einem Löwen gehört, der mal schnell dem Reviernachbarn, weil dieser bei der Jagd keinen Erfolg hatte, oder dem Krokodil unten am Fluß, nur weil dieses alt und gebrechlich ist, ein Stück seiner Beute vorbei bringt? Damit wird der Mensch nicht gleich zum Engel erklärt oder sein Vernichtungspotential geleugnet vielmehr soll dieses knapp skizzierte Beispiel lediglich die Einseitigkeit, ja ideologische Parteilichkeit deutlich machen, mit welcher der Autor weitschweifig operiert.
Während der Lektüre lernt der Leser zwar, daß er in ein sinnloses Universum und eine lebensfeindliche Umwelt hineingeboren wurde, in dem logischerweise auch Moral keinerlei Sinn ergibt und somit keinen diskutablen Wert darstellt. Unlogisch und noch sinnloser ist es dann allerdings auch, sich, wie Wuketits das tut, für sein illusionszerstörende Tun mit folgenden Worten zu entschuldigen: Die kollektiven Verheerungen illusionären Denkens liefern auch eine moralische Rechtfertigung für die Zerstörung solchen Denkens.
Als Menschen lassen wir das Böse über das Gute triumphieren, lautet ein Kernvorwurf dieses Werks ein im Kern augustineischer Vorwurf, der auch seine Nähe zum Gnostizismus nicht verleugnen kann.
Immerhin würde dies allerdings nichts anderes bedeuten, als daß uns als Gattung zumindest die Möglichkeit der Wahl offenstünde und wir keineswegs nur zur Unmoral verdammt zu sein scheinen. Wie allerdings unser Tun und Handeln und somit unsere Welt aussähen, nachdem wir dank der Mithilfe eines, nein dieses Gelehrten so einsichtig, nüchtern und mündig geworden sind, und wir das Gute obsiegen ließen, das bleibt unbeschrieben.
Wären wir aber zur Unmoral tatsächlich verdammt, also völlig machtlos dagegen, müßte man derartige Ergüsse über die Schlechtigkeit des Menschen freilich als überflüssig bezeichnen.
Publish or perish so kann es eben kommen, wenn sich ein, unbestritten äußerst belesener, Professor bewußt wird, daß es an der Zeit ist, wieder einmal etwas zu veröffentlichen, damit die einmal erlangte Publizität nicht flöten geht. Und wenn er dann innerhalb weniger Monate ein solches Buch verbricht, das sich, gemessen an seinen vollmundigen Ansprüchen, mindestens den Vorwurf frivoler Geschwätzigkeit wird gefallen lassen müssen.
So bleibt nur zu bedauern, daß wir es hier einmal mehr mit den Halbheiten eines im Kern doch dem Konventionellen verhaftet bleibenden Denkers zu tun haben, der letztendlich nicht den Mut aufbrachte, seine prinzipiell durchaus begrüßenswerten Ansätze einer Fundamentalkritik auch wirklich zuende zu führen, anstatt sich möglicherweise im Interesse besserer Verkäuflichkeit seines Werks für die modische Pose des sein eigenes Selbstmitleid zelebrierenden Moralapostels zu entscheiden. Schade auch deshalb, als diesem Verfasser gewiß mehr zuzutrauen wäre: Schließlich bringt er unbezweifelbar das intellektuelle Rüstzeug dazu mit, ebenso wie den gebotenen Scharfsinn und die Beobachtungsgabe.