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    Startseite [ver. 03.04.03) vom [2005-11-23]  © 1996-2007 copyright by Verlag Ralph Tegtmeier Nachf. URL: http://confidenz-depesche.com Seitenende






    Rezensionen

    Genie oder Geographie?


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    Jared Diamond:
    ARM UND REICH.
    Die Schicksale menschlicher Gesellschaften

    Frankfurt/M.: 1998, 550 S., S. Fischer Verlag
    DEM 58,–
    ISBN: 3100139038

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    (gj) Der amerikanische Biologe Jared Diamond befaßt sich in diesem Werk mit der menschlichen Entwicklungsgeschichte der letzten 13.000 Jahre. Er führt Beweise dafür an, daß die Entstehung einer hochtechnisierten (und dementsprechend auch reichen, wohlhabenden) Gesellschaft keineswegs von Rassezugehörigkeit oder angeborener Intelligenz abhängt, sondern allein von den geographischen und klimatischen Bedingungen, denen sie ausgesetzt ist.

    Grundvoraussetzung jeder weiteren Entwicklung ist die Einführung der Landwirtschaft, die nur an wenigen Orten der Erde selbständig entstand, um danach von anderen Völkern übernommen sowie, wo erforderlich, an die eigenen Bedürfnisse angepaßt zu werden.

    Diamond sucht eine Erklärung dafür, wie es dazu kommen kann, daß einige Völker zwar dazu in der Lage sind, andere zu unterwerfen, aber nicht umgekehrt. Als bestimmenden Faktor stellt er dabei an den Anfang seines postulierten Kausalgefüges die Ausrichtung der Kontinentalachsen. So sieht er in der Ost-West-Achse des eurasischen Kontinents (Nordafrika miteingeschlossen) – des globalen Spitzenreiters in Sachen Entwicklungsgeschwindigkeit – den Hauptgrund für die Vielfalt an domestizierbaren tierischen und pflanzlichen Arten sowie für die Reibungslosigkeit ihrer Ausbreitung. Dementsprechend kann in diesen Breiten schon früh ein Nahrungsüberschuß erwirtschaftet und Vorratshaltung betrieben werden. Die Folgen: eine sehr viel größere Bevölkerungsdichte, die Entwicklung eines Spezialistentums, soziale Schichtung, politische Organisation und die Erfindung der Schreibschrift.

    Da er Erfindungen nicht auf den Genius einzelner zurückführt, sondern in ihnen primär eine Folge höherer Bevölkerungsdichten sieht, die naturgemäß auch ein größeres Potential an Erfindern bedingen, läßt sich auch die Entwicklung technischer Errungenschaften in einen ursächlichen Zusammenhang mit der vom Klima und geographischen Bedingungen abhängigen Landwirtschaft stellen.

    Ein weiterer bedeutender Faktor, dem in früher Zeit ein wesentlicher Anteil an Sieg oder Niederlage zukam, waren die Infektionskrankheiten. Diese wurden allermeistens von Erregern ausgelöst, die sich ursprünglich nur in Nutztieren befanden und erst durch Modifikation auf den Menschen übertragbar wurden, wo sie sich an den neuen Wirt anpaßten und schließlich zu reinen “Humankrankheiten” mutierten. Auch hier stellen wieder hohe Populationsdichten von Mensch und Tier die Voraussetzung dar, um die Entstehung und Ausbreitung der neu entstandenen Seuchen erst zu ermöglichen. Nachdem die später dominierenden Völker erst einmal eine wirksame Immunabwehr gegen diese Erreger entwickelt hatten, besaßen sie bei der Kontaktaufnahme einen entsprechenden Wettbewerbsvorteil gegenüber ihren noch nicht immunisierten Kontrahenten.

    Zusammengefaßt werden die drei Grundlagen des Fortschritts: der Zeitpunkt der Einführung der Landwirtschaft; die Existenz möglichst vieler, zueinander in Konkurrenz stehender Gesellschaften; sowie schließlich die Diffusion, die unter ihnen stattfindet oder eben durch ökologische und geographische Barrieren verhindert wird.

    Diamond bekennt selbst, daß es sich bei diesen Ausführungen um das allgemeinste, stark vereinfachte Verlaufsmuster der Geschichte handelt, und – geht man etwas mehr ins Detail – viele Fragen immer noch ungeklärt bleiben: so beispielsweise die relativ häufig zu beobachtende, sehr unterschiedliche Innovationsbereitschaft eng nebeneinander existierender Gesellschaften; ebenso der Einfluß kultureller Faktoren, usw.

    Auch ließe sich die Frage stellen, ob es tatsächlich eine Folge der klimatischen oder geographischen Bedingungen ist, wenn sich der Mensch, was der Autor für wahrscheinlich hält, auf einigen Kontinenten möglicher Domestikationskandidaten durch Ausrottung entledigte – eine sehr kurzsichtige Verfahrensweise, die naturgemäß schwerwiegende Folgen für die spätere, alles weitere entscheidende Entwicklung einer Landwirtschaft haben mußte.

    Das Buch Arm und Reich, im amerikanischen Original um einiges treffender mit “Guns, Germs and Steel” betitelt, ist zweifellos eine interessante und lesenswerte Studie. Es bietet eine Fülle wissenswerter Details, die vielleicht zum Überdenken festgefaßter Meinungen anregen können, oder Aspekte aufzeigen, welche der eigenen Befassung bisher entgangen sein mögen. Dementsprechend konnte es bisher auch die allerbesten Kritiken einheimsen und dürfte mittlerweile zu einem veritablen Longseller avanciert sein.

    Doch auch hier ist leider mal wieder nicht alles Gold, was so wohlfeil vor sich hin glänzt.

    Beim ersten Überfliegen erscheint Diamonds These zwar recht schlüssig. Allerdings verliert diese Plausibilität an Überzeugungskraft, beschäftigt man sich etwas eingehender mit den geschichtlichen Verläufen und – vor allem – auch Voraussetzungen, unter denen diese beschriebenen Gegebenheiten außerdem noch standen.

    Ein einigermaßen gängiges Beispiel dafür mag die Finanzierung der Indien-Expedition des Kolumbus und seiner rein zufälligen Entdeckung Amerikas bieten. (Er soll bekanntlich ein äußerst stümperhafter Seefahrer gewesen sein, was hier durchaus ins Bild passen würde.) Diamond schreibt, daß es immerhin erst seine fünfte Anfrage bei verschiedenen Herrschern gewesen sei, und seine zweite beim spanischen König, die dieses Unternehmen überhaupt ermöglichte. Als Begründung dafür nennt er die Zersplitterung des europäischen Kontinents in fünf Halbinseln, also seine Uneinigkeit. Hätte Europa eine einzige Zentralregierung gehabt, wäre, so der Autor, das ganze Unterfangen schon mit der ersten Absage gescheitert. Nur verschweigt diese Aussage leider die wesentlichen Gründe für diese Spanien letztlich abgetrotzte Zustimmung.

    Tatsächlich war Spaniens Staatshaushalt durch eine gut hundertjährige Kriegsführung arg strapaziert, und man erhoffte sich schlicht und einfach eine kräftige Finanzspritze für die marode Staatsschatulle. Das hätte einem großen geeinten Reich vielleicht nicht so schnell passieren können, aber dafür gebietet ein solches Großreich auch über mehr Ressourcen. Das zeigt sich besonders deutlich am Beispiel Chinas, das hierzu vom Verfasser auch als Gegenbeweis angeführt wird.

    China beherrschte über viele Jahrhunderte mit seinen großen Flotten die Meere. In seiner langen Geschichte gab es immer wieder Zeiten sowohl der Öffnung als auch der Abschottung nach außen, was allerdings eher mit politischen, kulturellen und soziologischen Aspekten zu tun gehabt haben dürfte – vielleicht ja gerade mit jenen Faktoren, die bisher noch nicht ausreichend erforscht sind –, als mit seiner spezifischen Geographie.

    Diamond folgert auch, daß die geographische Geschlossenheit und die verhältnismäßig geringfügigen inneren Barrieren für Chinas Entwicklung zwar zunächst einen Vorteil darstellten, dieser im Laufe der Zeit jedoch zum Nachteil mutierte. Ein Vorteil war darin deshalb zu sehen, weil dadurch anfänglich ein reger ökonomischer, technologischer und kultureller Binnenaustausch stattfand. Zum Nachteil kehrte sich diese Situation jedoch schließlich, weil durch die politische Einigung des Reichs entwicklungshemmende Gesetze und politische Querelen das ganze große Gebiet gleichzeitig beeinflußten und dadurch vieles an Neuerungen verhinderten. Wenn wir diesen Überlegungen folgen dürfen, scheint es hier mit dem Primat der Geographie freilich doch nicht allzu weit her zu sein: zwei Argumente, die sich innerhalb ein und desselben Absatzes gegenseitig aushebeln.

    Überhaupt die geographischen Barrieren, auf die Diamond so große Stücke hält: Sie werden, wie die Geschichte zeigt, von den Betroffenen offenbar äußerst unterschiedlich gehandhabt. Entsprechend zwiespältig fällt auch Diamonds Argumentation aus. Da muß zunächst die mittelamerikanische Landenge als Erklärung dafür herhalten, weshalb es unter den präkolumbianischen Kulturen der Inkas (Peru) und der Mayas (Mittelamerika) so gut wie keine Diffusion gegeben haben soll.

    Doch die Spanier hatten bei der Eroberung Amerikas keine besonders großen Schwierigkeiten, von Panama aus zu den tausend Kilometer südlich siedelnden Inkas vorzudringen, und das mit geringer Mannstärke und in relativ kurzer Zeit. Für sie schien das Gebiet keine größere, schon gar nicht aber eine unüberwindliche Barriere darzustellen.

    Was man heute von den Inkas weiß, könnte freilich auch andere Schlüsse zulassen. Die Inkas nannten sich selbst die “Kinder der Sonne”. Sie waren ein äußerst stolzes Volk und standen unter der absoluten Führung ihres göttlichen Herrschers. Das Land war reich, die Bevölkerung litt keine Not, man beherrschte unangefochten die umliegenden Gebiete – welches Volk hätte diesen Inkas da noch etwas geben können? Was kann man mehr wollen oder was könnte besser sein, als direkt unter göttlicher Führung zu stehen?

    Gebirge und Wüsten werden vom Verfasser ziemlich pauschal als geographische Barrieren betrachtet, die die fruchtbare Konkurrenz und den Austausch zwischen Gesellschaften verzögern oder verhindern.

    Doch betrachte man dieses Argument einmal genauer. Die Entfernung zwischen Paris und Peking beträgt beispielsweise ungefähr 13.000 Kilometer. Das ist eine um einiges größere Strecke als etwa die Entfernungen zwischen anderen Kulturen auf dem afrikanischen oder dem amerikanischen Kontinent. Dennoch wurde diese ungeheure Weite bereits im zweiten vorchristlichen Jahrtausend überwunden. Ob man die in diesem Beispiel vorgegebenen geographischen Barrieren tatsächlich als “nicht so gravierend” einstufen kann, scheint doch sehr fraglich: Zwischen beiden Landschaften liegen immerhin die großen Gebiete der Wüsten Zentralasiens, der gesamte Himalaja und die Hochebene von Tibet.

    Es ist ja durchaus richtig, daß sich immer wieder beobachten läßt, wie schnell sogenannte “primitive” Völker die Bereitschaft entwickeln, ihnen unbekannte zivilisatorische Erungenschaften in kürzester Zeit zu erlernen und zu übernehmen. Auch ist dem Verfasser darin zuzustimmen, daß dies sicher keineswegs eine Frage der Intelligenz oder der rassischen Zugehörigkeit ist. Doch was dann? So, wie das Werk es darstellt, läßt sich deutlich beobachten, daß sich auch auf engem Raum nebeneinander lebende Gesellschaften sehr unterschiedlich entwickeln und verhalten können. Eine schlüssige Erklärung dafür sucht der Leser allerdings vergeblich.

    Alles in allem wirft das Buch bei aufmerksamer Lektüre trotz der zahlreichen, ja geradezu üppig sprudelnden Informationen und Details mehr Fragen auf als es letztlich beantwortet. Zudem gab es gerade in den letzten Jahren in den verschiedensten Disziplinen – so etwa Archäologie, Anthropologie, Ur- und Frühgeschichtsforschung, Sozialbiologie u. a. – eine Vielzahl an neuen Erkenntnissen, die hier entweder überhaupt nicht oder nur sehr lückenhaft berücksichtigt werden. Die Gelehrtenwelt mußte durch kürzlich vorgenommene Ausgrabungen und die Ergebnisse der erst in letzter Zeit möglich gewordenen, erheblich verfeinerten Untersuchungsmethoden einiges revidieren, was die Geschichte der ferneren Vergangenheit angeht.

    Hier läßt der Autor allzu häufig fundiertere Kenntnisse der Materie schmerzlich vermissen. Seine wissenschaftliche Herkunft als Biologe prädestiniert ihn offenbar nicht gerade dazu, sich mit der gebotenen Differenziertheit den fachfremden Gebieten der Sozialgeschichte, der allgemeinen Geschichtswissenschaft und der Kulturanthropologie zu nähern, ohne daß dieses Manko überzeugend wettgemacht würde. Gewiß hat ihm seine ethnologische Feldforschung in Papua Neuguinea zu einem erheblich größeren interdisziplinären Überblick verholfen, als dies den meisten seiner Fachkollegen vergönnt ist. Doch reicht dies, wie es scheint, leider nicht aus, um gravierende Auslassungen und regelrechte Patzer zu verhindern, die bisweilen schon peinliche Züge entwickeln.

    So kolportiert auch Diamond, um nur ein Beispiel herauszugreifen die abgedroschene Mär von den Weißen, die beim Erstkontakt mit der indianischen Urbevölkerung des amerikanischen Kontinents anfänglich für Götter gehalten worden seien, weshalb ihren Conquistadorengelüsten auch kein nennenswerter Widerstand entboten wurde. Mit derlei Mumpitz aber hat die Erforschung der präkolumbianischen Kulturen schon lange aufgeräumt und ihn unanfechtbar als das entlarvt, was er schon immer war: weiße Eroberungspropaganda.

    Wenn man bedenkt, wie schwierig es schon ist, ein genaues Bild von Geschehnissen zu erlangen, die sich vor gerade einmal hundert Jahren abgespielt haben; auf welche Widersprüche man dabei trifft, und wie viele Fragen letztlich ungeklärt bleiben müssen, darf man es ohne Übertreibung als ein so gut wie hoffnungsloses Unterfangen ansehen, jemals ein wirklich genaues Bild der menschlichen Entwicklungsgeschichte zu zeichnen.

    So bleibt Diamonds Studie – wie so viele andere einschlägige Versuche – letztlich fragmentarische Spekulation. Sein Hauptanliegen, nämlich die vom amerikanischen Originalverlag ebenso wie vom deutschen Lizenznehmer überdeutlich und ziemlich übertrieben gefeierte Beweisführung wider die faschistoiden Rassen- und Intelligenztheoretiker mag zwar im gegenwärtigen Sozialklima politisch hübsch korrekt und gut gemeint sein, doch dürften seine Ausführungen wohl kaum einem eingefleischten Eugeniker in die Knochen fahren. Aber auch wenn das allein nicht unbedingt für den Eugeniker sprechen muß, kann es doch noch nicht über die deutlichen Schwächen seiner widersprüchlichen, willkürlich-selektiven und manchmal regelrecht fahrig wirkenden Argumentation hinwegtäuschen.

    Diese selbst ist ja auch nicht gerade neu: Schon in den 30er Jahren machte sich innerhalb der Ethnologie die “geographische Schule” breit, darin selbst wiederum im Gefolge der Geschichtswissenschaft, der Pädagogik und letztlich des Marxismus stehend. Und auch wenn Diamond immer wieder wacker versucht, sich von den simplizistischen Erklärungen dieser Epoche zu distanzieren, kann dies doch nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, daß hier ein ziemlich alter, längst umgekippter Wein in neue Schläuche abgefüllt werden soll.

    So wurde leider einmal mehr eine Chance vertan, diesem nach wie vor bedeutenden und hochaktuellen, ja brisanten Thema zur gebührenden Geltung zu verhelfen.

    Fazit: nicht unlesenswert, aber in Sachen Gründlichkeit und Überzeugungskraft oft unnötig lückenhaft bis ärgerlich.



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