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    Startseite [ver. 03.04.03) vom [2005-11-23]  © 1996-2007 copyright by Verlag Ralph Tegtmeier Nachf. URL: http://confidenz-depesche.com Seitenende






    Rezensionen

    Den Öko-Mythen auf den Zahn gefühlt


    Buch gleich hier portofrei ordern!

    Dirk Maxeiner/Michael Miersch:
    LEXIKON DER ÖKO-IRRTÜMER.
    Überraschende Fakten zu Energie, Gentechnik, Gesundheit,
    Klima, Ozon, Wald und vielen anderen Umweltthemen

    Frankfurt/M.: 1998, 415 S., Eichborn GmbH & Co. Verlag KG
    DEM 44,–
    ISBN: 3821805862

    Hier können Sie das Buch gleich portofrei bestellen!

    (mp) Die beiden Autoren sind in der Öko-Szene durchaus nicht unbekannt: Dirk Maxeiner gründete Mitte der achtziger Jahre das Umweltmagazin Chancen und war dort, ebenso wie bei natur, langjähriger Chefredakteur. Michael Miersch, auch er arbeitete früher als Redakteur bei diesen beiden Zeitschriften, wurde unter anderem durch seine Dokumentarfilme zu Tier- und Naturthemen bekannt.
    Schon nach ihrem gemeinsamen Erstlingswerk (Öko-Optimismus, Metropolitan-Verlag, Düsseldorf, 1996), nach Erscheinen gleich zum “Wissenschaftsbuch der Jahres 1996” gekürt, wurden sie erwartungsgemäß als Nestbeschmutzer beschimpftt, da nicht einmal die eingefleischtesten Ökofreaks den beiden Journalisten vorwerfen konnten, daß sie aus der “nur an den Profit denkenden Industrie” kämen.

    Miersch und Maxeiner weisen ausdrücklich darauf hin, daß ihr vorliegendes Lexikon “kein Anti-Umweltschutzbuch” sei. Sie wollen vielmehr aufzeigen, daß in der Öko-Debatte allzu oft mit widersprüchlichen oder fragwürdigen Zahlen, mit Schätzungen, Annahmen und Behauptungen operiert wird, die sich bei sachlicher Überprüfung als nicht haltbar erweisen.

    Die Verfasser vertreten die Auffassung, daß es im Umweltschutz oft schlichtweg um Macht, Einfluß und mittlerweile auch um Wirtschaftsinteressen geht, und sie sind nicht bereit, “im Dienste der prinzipiell guten ökologischen Absicht zu schweigen”. Es gehe ihnen nicht darum, die allein selig machende Wahrheit für sich zu beanspruchen. In diesem Zusammenhang zitieren sie konsequenterweise George Orwell als geistigen Ahnherrn ihres Vorgehens: “Echter Fortschritt kann nur durch vermehrte Aufklärung stattfinden, was soviel bedeutet wie die Zerstörung von Mythen.”

    Ihre dabei verwendeten Quellen reichen von ganz normalen Tageszeitungen (etwa der Frankfurter Allgemeinen Zeitung) über den Spiegel bis zu Berichten und Statistiken von internationalen Organisationen, Vorträgen, Sachbüchern, Fachzeitschriften und Aussagen von Experten, deren Meinungen im Sumpf der Öko-Irrtümer untergegangen seien. Es wird also nicht etwa auf irgendein “Geheimwissen” rekurriert sondern nur auf allgemein zugängliche Informationen. Diese Flut neuer und oft überraschender Fakten – zu einem Gegenbild zusammengefügt – soll nicht nur zum Nachdenken und Überprüfen anregen, also den Leser zu einer eigenen Meinung stimulieren, sondern sie soll auch zu Vorschlägen für eine zukunftsfähige grüne Politk führen. Die Zukunft gehöre nämlich, so ihre These, ganz neuen, überraschenden Koalitionen.

    Sie räumen zwar ein, daß die erste Welle des Umweltschutzes viel erreicht hat. Dafür zwei Beispiele:
    1. Nahezu alle Tomatengewächshäuser Hollands und Belgiens haben auf biologische Schädlingsbekämpfung umgestellt.
    2. Der Schwermetallgehalt der Luft hat rapide abgenommen: Blei um ca. 80%, Nickel um ca. 63%, Chrom um ca. 66%, Arsen um ca. 85%, Quecksilber um ca. 77% und Kadmium um ca. 76%.
    Das sei aber kein Grund, sich auf den Lorbeeren auszuruhen und schon gar nicht dafür, immer neue Bestätigungen für alte Weltbilder zu suchen, um damit die eigene Existenzberechtigung zu untermauern. Und genau damit legen sie den Finger auf einen wunden Punkt der Öko-Bewegung.

    Es sind rund 200 Aussagen aus dem Umweltschutzlager in den Bereichen Energie, Gentechnik, Gesundheit, Klima, Konsum und Alltag, Landwirtschaft, Luft und Wasser, Mobilität, Müll, Naturschutz, Tierschutz, Wald, Weltbevölkerung und Wirtschaft, die hier systematisch aufs Korn genommen werden.

    Was sich im Bewußtsein alles an “ökologischem Kalkstein” angelagert haben könnte:

    • Irrtümer (“Omas Küche war gesünder”)
    • Mißstände, die inzwischen behoben sind (“Wir werden immer mehr durch Dioxin belastet”)
    • bewußte Irreführungen (“Die Elefanten sind vom Aussterben bedroht”)
    • ideologische Glaubenssätze, die völlig kritiklos dargestellt werden (“Erneuerbare Energien sind grundsätzlich gut für die Umwelt”)
    • hohle Phrasen (“Wir haben die Erde nur von unseren Kindern geborgt”)
    • falsche Prognosen (“Energie wird immer knapper”)
    • Dinge, an denen zwar prinzipiell etwas dran ist, die aber übertrieben oder sogar regelrecht falsch dargestellt werden (“Mehr Hautkrebs wegen Ozonloch”)
    • und nicht zu vergessen: die bis dato unbewiesenen wissenschaftlichen Hypothesen, die als unwiderlegbare Tatsachen verbreitet werden (“Der Mensch verursacht eine Klimakatastrophe”)

    Wer hat denn zum Beispiel schon mal davon gehört, daß sich der Wasserverbrauch in Deutschland spürbar verringert hat (zwischen 1990 und 1996 um immerhin 12%)? Dafür steigt freilich der Verbrauch an Rohrreinigungschemikalien. Und um einer drohenden Verstopfung der solcherart geringer durchfluteten deutschen Spülkanalisation zuvorzukommen, läßt man aus Spritzkanonen große Mengen Wasser durch die Abflußrohre strömen, was einen guten Teil des Spareffekts wieder zunichte macht.

    Daß die Emission von Schwefeldioxid (verantwortlich für den sauren Regen) dank drastischer Reduzierung der Luftschadstoffe auf weniger als ein Drittel zurückgegangen ist, drang bisher auch nicht so ohne weiteres an die breite Öffentlichkeit.

    Insgesamt also: Eine Fülle von “neuen” und beruhigenden Informationen, die mit vielen statistischen Zahlen und Fakten untermauert sind – die aber dennoch nicht ungeprüft übernommen werden sollten. Denn wie sagte doch schon Churchill: “Ich traue nur einer Statistik, die ich selbst gefälscht habe.”

    Gewiß, es ist ein gewollt provozierendes Buch. Das sollte man bei einer Würdigung stets berücksichtigen. Die Schlußfolgerungen aber, die da gegen Horrorvisionen wie Überbevölkerung, Nahrungsknappheit, Klimakatastrophe, Polkappenschmelze, und was der Ökoalbträume mehr sind, sprechen sollen, werden oft in einem stark verharmlosenden und leichtfertigen Stil dargestellt. Ein Beispiel zum Thema “Geburtenrate”: “… Der dramatische Anstieg der Weltbevölkerung ist also weniger darauf zurückzuführen, daß sich die Menschen vermehren wie die Kaninchen, sondern vielmehr darauf, daß sie nicht mehr sterben wie die Fliegen.” Stil beiseite, bleibt der Leser aber letztendlich auf zwei fundamentalen Fragen sitzen: “Was jetzt?” Und: “Wer hat denn nun recht?”

    Auch wenn sich die Autoren in ihrem Vorwort durchaus Mühe geben, ebendies auszuschließen, verleitet ihr Buch eben doch dazu, nur ein wohlfeiles Dogma durch ein anderes, bisher lediglich seltener in Anspruch genommenes zu ersetzen.

    Dabei haben sie im Prinzip ja durchaus recht: Es hat tatsächlich viele Irrtümer gegeben. Eine der vielen einschlägigen Voraussagen, die nicht eingetroffen ist, sei hier nur als Beispiel für viele herangezogen: In der Studie Grenzen des Wachstums (1972) des Club of Rome wurde bis zum Jahr 2000 das Ende unserer Energievorräte (Erdöl, Kohle und Uran) vorausgesagt. Heute jedoch sind die bekannten Vorkommen aller Energieträger, seitdem sie systematisch erfaßt wurden, so hoch wie nie zuvor. Deswegen aber gleich pauschal Entwarnung zu posaunen, scheint dennoch fehl am Platz.

    Ohnehin diese Pauschalaussagen: Maxeiner und Miersch werfen der Öko-Bewegung zwar zurecht vor, oft mit Halbwahrheiten zu operieren oder ohne Vernunftgrundlage schlichtweg aus dem Bauch zu argumentieren. Wo aber liegt dann der Unterschied zu ihrer eigenen Vorgehensweise? Schlicht gestrickte Argumentationen wie “Wer einen Atomausstieg will, kann nicht zugleich gegen atomare Endlager sein” sind auch nicht überzeugender als plakative Statements der Gegenseite wie “Atomkraft - nein danke!” Die Befürchtung, daß weiterhin Abfall produziert und vergraben wird, sobald sich die Frage nach der atomaren Endlagerung nicht mehr stellt, ist schließlich nicht unbegründet. Ganz abgesehen davon aber wäre den Autoren kein Zacken aus der Krone gefallen, wenn sie in diesem Zusammenhang auch erwähnt hätten, wie lange dem Globus und unseren Nachfahren dieser radioaktive Abfall (wieviel, wo und wie tief auch immer vergraben) zugemutet werden soll. Eine Entscheidung zwischen Endlager oder Atomkraftwerk ist ohnehin kaum etwas anderes als die sprichwörtliche Wahl zwischen Pest und Cholera.

    Zum Thema “Weltbevölkerung und Geburtenrate” bemerken Maxeiner und Miersch: “In den USA dauerte es 58 Jahre, bis die durchschnittliche Kinderzahl von 6 auf 3,5 Kinder gesunken war. Thailand brauchte für einen Rückgang von 6,2 auf 2,2 Kinder pro Frau dagegen nur siebzehn Jahre.” Die Zahlen scheinen, für sich allein genommen, eine deutliche Sprache zu sprechen. Und – wer hätte es gedacht? – den Sieg trägt dabei Thailand davon. Doch es sind leider Zahlen, die nicht so ohne weiteres miteinander verglichen werden können. Was hier beispielsweise völlig unerwähnt bleibt, ist das politische und öffentliche Interesse an einer Reduktion der Kinderzahl.

    Selbst wenn man einmal die Problematik der unterschiedlichen Verbreitung und des inzwischen dramatisch veränderten ungehinderten Zugangs zu Verhütungsmitteln außer acht läßt: Wen hat dieses Thema vor 50 Jahren in den USA schon beschäftigt? Wer arbeitet heute mit nicht geringem Aufwand und vehementem politischen wie ökonomischen Druck daran, um die Kinderzahl und somit die Gesamtbevölkerungszahl der sogenannten Dritten Welt einigermaßen in den Griff zu bekommen? Und aus welchen vorgeschobenen, aus welchen tatsächlichen Gründen? Das alles sind Themen, die hier nicht einmal angetippt geschweige denn gründlich behandelt werden. Was natürlich die naheliegende Frage aufwirft: Warum eigentlich nicht?

    Zum Vorwurf , daß die Deutschen zuviel Wasser verbrauchen – immerhin 128 Liter pro Person und Tag – lesen wir: “… wer in Deutschland aufs Duschen verzichtet, ändert an dem globalen Problem nichts. Denn die Natur hat das Süßwasser ungerecht über die Erde verteilt.” Das sind nun mal Sätze, die wegen ihrer Prägnanz dem Leser eher im Gedächtnis bleiben als komplizierte Ausführungen des Inhalts, daß durch moderne Bewässerungstechnik in der Landwirtschaft (die ja immerhin drei Viertel des weltweiten Wasserverbrauchs beansprucht) in den wasserarmen Ländern enorme Mengen dieses wertvollen Guts eingespart werden könnten.

    Es geht hier nicht darum, den Autoren Unkenntnis vorzuwerfen. Aber als Leser ist man nicht bereit, im Dienste der prinzipiell begrüßenswerten Entlarvungsabsicht solche zwar medienwirksamen, darum aber nicht minder problematischen Vereinfachungen unreflektiert und unkritisch hinzunehmen. Derlei Effekthascherei macht leider einen beträchtlichen Teil des Aufklärungseffekts wieder zunichte, was eigentlich nicht die Absicht der Verfasser sein kann.

    Wer den unbestritten grobschlächtigen Holzschnitt grün-fundamentalistischer Propagandistik lediglich mit dem nicht minder undifferenzierten rhetorischen Vorschlaghammer des “Ätsch – stimmt ja gar nicht!” zu kontern versucht, nimmt dabei in Kauf, daß die Auseinandersetzung am Ende doch nur in einer Saalschlacht mündet, anstatt eine konstruktive Befassung mit unzweifelbar anstehenden ökologischen und versorgungstechnischen Problemen zu befördern. Das kann man zwar tun: Auf diese Weise mag ein durchaus wertvolles, befruchtendes Stück politischer Polemik entstehen – doch dann sind auch alle weitergehenden Ansprüche völlig fehl am Platz. Ebensolche Ansprüche aber erhebt unser Autorengespann – und eben daran krankt auch die ganze Darstellung.

    Es sei an der Zeit, in den Köpfen Platz für Neues zu schaffen, lautet das erklärte Diktum des Buchs. Einverstanden! Prima! Weiter so! Doch wie die Perspektiven für ihre neue, zukunftsfähige grüne Politik konkret aussehen sollen, bleibt völlig offen. Dieses “Neue”, für das da in seinem Kopf angeblich Platz geschaffen werden soll, sucht der Leser vergeblich, es sei denn er ist willens, die reine Besserwisserei – auch wenn diese keineswegs immer unbegründet sein mag – als legitimen Selbstzweck gelten zu lassen.

    Derlei Übung in durchsichtiger Unverbindlichkeit, ja argumentatorisches Drückebergertum allein reicht jedenfalls vorn und hinten nicht aus, um zu echten, weiterführenden Diskussionen anzuregen. Diesen Teil ihres Versprechens lösen die Autoren leider nicht ein, und so bleibt bei aller Anerkennung ihres sammlerischen Fleißes ein unverkennbar schaler Geschmack im Mund zurück.

    Trotz alledem: Wer der Meinung ist, daß es nicht schaden kann, alte, gewohnte und vielleicht auch liebgewonnene Überzeugungen mal wieder kritisch zu überprüfen (aber wohlgemerkt: nicht allein anhand dieses Buches!) und sie notfalls zu revidieren, dem sei das Werk mit den erwähnten Einschränkungen zur Lektüre empfohlen.



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