(rt) Es gibt laute und leise Bücher dieser Roman hat von beidem etwas. Die Ich-Erzählerin Iris Meander, Tochter einer holländischen Halbjavanerin und eines deutschen Vaters, hat sich zur Fundamentalverweigerung entschlossen. Nicht zu jener der letztlich nur auf Fun & Konsum ausgerichteten Tunix-Generation, sondern zu einer umfassenden, existentiellen Absage an Ehrgeiz, Karrieredenken und soziale Exponiertheit jeglicher Art.
Statt dessen: das Leben, wie es im Buch steht. Die Protagonistin entdeckt schon früh den Sog alles Sprachlichen und entwickelt eine ungewöhnliche Liebe zur Literatur, in die sie sich mit viel Gusto versenkt. Was freilich, wie alles im Leben, auch seinen Preis es fällt der Wirklichkeit beharrlich schwerer, mit der Dichtung schrittzuhalten. Das spricht natürlich nicht unbedingt für die Wirklichkeit, und so müssen die Iris Meander umgebenden Gestalten immer wieder damit leben, an den Maßstäben der großen, der allesüberragenden Weltliteratur gemessen zu werden, was sie meist eher schäbig dastehen läßt.
Iris Meander gehört zu jener seltenen Spezies der praktischen Träumer, die an Werner Nitzschs Diktum erinnern, daß die wahren Engel anstelle der Flügel zwei Hände zum Zupacken haben. Das macht sie sympathisch und glaubwürdig, wobei ihre fiktional-autobiografischen Selbstreflektionen ohne jenen seelischen Striptease und Exhibitionismus auskommen, der einen Großteil der heutigen deutschsprachigen Literatur so unerträglich macht. Andererseits offenbart sie mit ihrer Pose des Nichtstunwollens eine hochsensible, verletzliche Natur denn natürlich geht es hier nicht um eine abgedroschene, banale Kritik an der Leistungsgesellschaft, sondern vielmehr um die Verwundbarkeit in einer Welt, die Verschonung allenfalls als Tauschobjekt, also als Ware kennt.
Nach dem Auszug aus Nachkriegsdeutschland gelangt Iris mit ihren Eltern nach Holland, wo die Familie freilich ebenso kühl empfangen und behandelt wird wie zuvor in Deutschland bei der versnobbten Großmutter väterlicherseits. Es ist eine Zeit, in der Mischehen nur selten toleriert werden, und die Wunden des Krieges sind auch noch nicht verheilt. Schließlich verschlägt es die Familie ins ferne Finnland, wo Iris die Schule besucht. Von Heimweh getrieben, sucht ihre Mutter eines Tages im buchstäblichen Sinne das Weite: Sie rudert allein aufs freie Meer hinaus und wird nie mehr gesehen. Der in materiellen Dingen fast lebensuntaugliche Vater, der den Freitod seiner Frau konsequent verdrängt, nimmt eine Hausmeisterstelle auf der Privatinsel einer wohlhabenden befreundeten Familie an, während Iris später dortselbst mit dem Katalogisieren des familären Buchbestands beauftragt wird.
Besonders einfühlsam, ja sensibel: die Dastellung des mehrjährigen Lebens in der Abgeschiedenheit auf dieser finnischen Insel, komplett mit einer riesigen Bibliothek in mehreren Sprachen. Hier verbringt Iris die Zeit mit ihrem kommerziell erfolglos vor sich hin bildhauernden Vater, dessen immer bizarrer geratenden Holzplastiken dem ganzen Geschehen (oder auch Nicht-Geschehen) einen bisweilen ins Spukhafte reichenden Hintergrund verleihen. Hier dominieren die leisen, fast zärtlichen Töne. Und ob es die Naturbeschreibungen sind oder die mannigfachen, eher unauffällig eingeflochtenen Stimmungsbilder wer selbst einmal längere Zeit auf einer richtigen, also nicht nur literarischen finnischen Insel zugebracht hat, wird bestätigen können, daß das Ambiente mit großer Präzision eingefangen wurde, dabei gleichzeitig über sich selbst hinausweisend. Vieles hier Geschilderte muß entweder persönlich erlebt oder ganz ungewöhnlich gut erfunden worden sein.
Schließlich stirbt der Vater unter dramatischen Umständen, und die inzwischen flügge gewordene Iris zieht es amoris causa nach Berlin, wo sie die nächsten Jahre verbringt und die Freuden der Fernsehsucht entdeckt: Einmal mehr gewinnen die künstlichen Welten den Vorrang vor der Befassung mit der echten.
Als Putzhilfe verdient sie sich ihren bescheidenen Unterhalt unter anderem in der Redaktion einer Schmonzetten-Illustrierten (Ihr Schicksal), bis sie dort die ersten literarischen Gehversuche unternimmt und mehr oder weniger unfreiwillig zur Autorin aufsteigt. Nun wird Soap mit Soap bedient, denn ihre durch Fernsehdauerkonsum gespeiste lange Erfahrung mit den Klischees des reproduzierten Lebens kommt ihr jetzt zugute. Ironie des Schicksals: Ausgerechnet das Lügenmedium Nr. 1 Fernsehen beginnt sich für eine ihrer erfundenen Geschichten zu interessieren und nimmt alles für bare Münze.
So wird Iris eher widerwillig zum Talkshow-Star ein Publicityschwindel ihres Blatts zum Behufe der Auflagensteigerung, der allerdings schon bald aufs unrühmlichste auffliegt Iris kann sich nirgendwo mehr blicken lassen und flieht zurück ins vertraute Holland. In Amsterdam baut sie sich eine neue Existenz als unbewegliche Standfigur auf hier endlich kann sie mit ihrem Nichtstun sogar ordentliches Geld verdienen. Doch Amsterdam ist nicht die letzte Station ihres Lebens. Diesmal vor den Gefahren der Liebe flüchtend, kehrt sie einmal mehr auf ihre finnische Insel zurück, wo sie eine furchtbare Entdeckung machen muß und schließlich daraus die Konsequenz zieht.
Sicher ist dieses Buch auch das, was der Verlagspressetext behauptet: Eine witzige, mit leichter Hand geschriebene Satire auf die Massentrends der letzten Hälfte des 20. Jahrhunderts Eine satirische Absage an Karrieredenken, Materialismus, Vorurteile aber nur bedingt ein Plädoyer für den Individualismus. Doch damit macht es sich die Presseabteilung ein wenig zu einfach. Denn eine so leichte und letztlich belanglose Kost, wie sie diese Werbeaussage erwarten läßt, ist Die Frau die nichts tut ganz sicher nicht.
Gewiß kommt das Werk unambitioniert daher: Die erzählerische Sprache ist gelegentlich durchaus trügerisch unprätentiös, der Duktus modern und zeitgemäß, flüssig und bisweilen sogar eine Spur schnoddrig, ohne dabei anbiedernd oder unterkomplex zu werden, was bei einer deutschen Gegenwartsautorin immer angenehm überrascht und erfreut. Doch selbst Passagen, die einem geringeren Schreibtalent nur allzu leicht ins Trivial-Pathetische oder Burleske hätten abrutschen können, so etwa die Schilderung diverser Liebschaften, denen Iris sich teils nicht entziehen kann, teils nicht entziehen will, werden mit einer Bravour gemeistert, die ein wesentlich feineres, zurückhaltenderes Sprachgefühl verrät, als man es auf den ersten Blick vielleicht vermuten würde.
Die Figuren überwältigen nicht gerade mit seelischer Tiefe, aber das ist dem durchgängigen Thema der Leistungs- und Selbstpreisgabeverweigerung sowie der ständigen Maskierung der eigenen verwundbaren (und verwundeten) Seele durchaus gerecht und völlig adäquat: So sind Menschen eben auch, und wenn sie es noch so gern und weitschweifig vor ihrer Umwelt, ja nicht selten vor sich selbst zu verbergen suchen. Dafür sind die Charaktere mit all ihren Neurosen, Fixationen und Widersprüchlickeiten stets stimmig und überzeugend gezeichnet.
Die im deutschen Kulturverständnis immer sehr waghalsige Gratwanderung zwischen U- und E-Literatur wird hier souverän bewältigt und macht Appetit auf mehr. Die Verfasserin kennt ihre angelsächsischen, russischen und deutschen Klassiker der Erzählkunst und hat ganz offensichtlich handwerklich-gründlich ihre Hausaufgaben gemacht. Das bekommt dem Roman und somit auch dem Leser sehr gut. So sind beispielsweise die Redaktionsszenen gelegentlich von umwerfender turbulenter Komik, die trotzdem nichts Gewolltes an sich hat. Und die Liebe zum berliner Milljöh der ausklingenden siebziger und achtziger Jahre beschert uns manch einen liebevoll ausgeführten verbalen Pinselstrich. Hier wird der Tenor bisweilen auch etwas lauter, was die meisten Leser wohl auch als erfrischend empfinden dürften.
Leider steht zu befürchten, daß Titel, Aufmachung, Klappentext und Verlagswerbung ein naheliegendes Mißverständnis schüren dürften, das dem Buch wahrscheinlich eine fast ausschließlich weibliche Leserschaft bescheren wird. Das wäre schade, denn auch und gerade männliche Leser könnten diesem Roman einiges abgewinnen. Jedenfalls handelt es sich hier keineswegs nur um ein Produkt aus der Frauensparte, wie es die Vermarktungsstrategie des Verlags offenbar vorsieht.
Martina Kempff ist keine unerfahrene Autorin. Als langjährige Journalistin (unter anderem für renommierte Blätter wie Die Welt, die Berliner Morgenpost, Focus, Cosmopolitan und Bunte) und nach mittlerweile vier veröffentlichten Romanen (drei davon zu historischen Themen) kann sie im besten Sinne des Wortes auf einige Routiniertheit zurückgreifen.
Dennoch ist es weder ein Widerspruch noch eine Abwertung, Die Frau die nichts tut als ihr bisher vielversprechendstes Werk zu bezeichnen: Wenn sie die in diesem, ihrem jüngsten Roman unter Beweis gestellte erzählerische Kraft noch weiterentwickeln sollte, was ihr und uns ganz bestimmt zu wünschen wäre, ist sicher noch Großes, ja Herausragendes von dieser Verfasserin zu erwarten. Man darf und sollte also gespannt sein.