(mp) Um Ihnen die Enttäuschung oder den Ärger gleich zu ersparen: Was die Anatomie betrifft, kann der Untertitel des Buches schlichtweg als irreführend bezeichnet werden. Die Überschriften der Kapitel (Gedächtnis, Schweiß, Nerven, Fäuste, Augen, Ohren, Blut, Rückgrat, Adrenalin, Fett, Muskeln, Herz, Seele und Gehirn) sind an den feuilletonistischen Haaren herbeigezogen und haben wenig oder (meistens) gar nichts mit dem Inhalt zu tun. Wer auf die Idee gekommen ist, das Ganze als Anatomieatlas zu verkaufen, gehört also gehörig getadelt, mindestens aber auf observatorische Fußstreife geschickt. Die Überschrift Entstehungsgeschichte wäre beispielsweise wesentlich aussagekräftiger gewesen und hätte den Inhalt des ersten Kapitels weit besser getroffen, als Gedächtnis.
Nun aber zum eigentlichen Inhalt des Buchs und dessen Autor.
James Bamford ist in der Geheimdienstszene kein Unbekannter. Schon sein erstes Buch über die NSA (The Puzzle Palace, 1982) war ein Bestseller. Seine seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts andauernden und unermüdlichen Recherchen reichen sehr wohl auch für ein zweites Werk.
Gesagt, getan: Der international renommierte Geheimdienstexperte veröffentlicht mit dieser Studie Fakten, die er aus der Einsicht Tausender interner Akten und zahlreicher Interviews gewonnen hat, welche er nicht nur mit ehemaligen, sondern auch mit aktiven Mitgliedern des NSA geführt hat.
Die National Security Agency ist wahrscheinlich der Geheimdienst, der es am längsten geschafft hat, im Verborgenen zu bleiben. Erst in Verbindung mit der gegen Europa gerichteten Wirtschaftsspionage und durch die fieberhafte Suche nach Osama bin Laden wurde eine breitere Öffentlichkeit diesbezüglich hellhörig.
Aus dem Nichts ist dieser außerordentliche Schnüffeldienst, in Insiderkreisen als No Such Agency oder Never Say Anything genannt, natürlich nicht entstanden. Selbst nach den rigorosen Kürzungen der letzten zehn Jahre läßt sie die CIA in Sachen Ausstattung und Einfluß weit hinter sich. In Crypto City, einer Stadt, die den Benutzern der Autobahn New York City-Baltimore zwischen Hügeln und Wäldern verborgen bleibt, wenn sie die Sonderausfahrt beim Weiler Annapolis Junction übersehen, und die auch das ist man seinem Ruf schließlich schuldig auf keiner Karte verzeichnet ist, leben und arbeiten heute über 32.000 Menschen hinter Mauern und Stacheldraht und unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen. Die Gesamtbürofläche der gigantischen NSA-Zentrale beträgt über zwei Millionen Quadratmeter, und die Masse an Computern, die hier eingesetzt werden, um die ganze Welt zu belauschen, wird nicht in Stückzahlen sondern in Hektar angegeben. Um die vier Hektar sollen es übrigens heute sein.
Die NSA ist ein Abkömmling des schon 1930 gegründeten SIGINT (Signal Intelligence Service), einer Unterabteilung der U.S. Army. 1944 wurde die Operation TICOM (Target Intelligence Committee) ins Leben gerufen, deren Aufgabe darin bestand, in den letzten Tagen des 2. Weltkrieges in Deutschland so viele Codeknacker und Chiffriermaschinen wie möglich vor den anderen Alliierten in Sicherheit zu bringen. So kamen die Amerikaner unter anderem zur Entschlüsselung von codierten russischen Nachrichten, was sich in der Nachkriegszeit als äußerst hilfreich erwies. Nachdem Truman den hochgeheimen Befehl erteilt hatte, die AFSA (Armed Forces Security Agency) aufzulösen, die sich in ihrer kurzen Lebenszeit (Juli 1949 bis November 1952) einige Patzer zuviel erlaubt hatte, wurde am Morgen des 4. Novembers 1952 die NSA ins Leben gerufen. Am Abend desselben Tages wurde der 34. Präsident der Vereinigten Staaten gewählt: der Weltkriegsgeneral und Oberbehlshaber Dwight David Eisenhower.
Schonungslos deckt Bamford die Rolle der NSA in den Konflikten während des Kalten Krieges auf. Er beschreibt die Hintergründe der gewagten Spionageflüge über dem Norden der Sowjetunion, die 1956 prompt zum Abschuß einer U-2 durch die sowjetische Luftabwehr geführt hatten; die kläglich gescheiterte Invasion auf Kuba, die von den Militärs schon unter Eisenhower vorbereitet und unter Kennedy durchgedrückt wurde; und die zügellosen Pläne des Vereinigten Generalstabs, Kuba mit der Operation Northwoods doch noch in die Knie zu zwingen. Terroranschläge gegen die eigenen Bevölkerung sollten Castro in die Schuhe geschoben werden, nur um die Egos einiger abgedrehter Betonköpfe im Generalsrang zu befriedigen.
Alle erforderlichen schriftlichen Zustimmungen der Uniformierten lagen schon vor, als Kennedy dem Treiben ein Ende bereitete. Hier nur ein Beispiel dieser Ausgeburt kranker Hirne: Wir könnten ein amerikanisches Schiff in der Guantánamo-Bucht in die Luft sprengen und Kuba dafür verantwortlich machen. Verlustlisten in den U.S.-amerikanischen Zeitungen würden eine nützliche Welle der nationalen Empörung auslösen.
Ersetzen wir nun mal spaßeshalber Guantánamo durch Tonking und Kuba durch Vietnam, und man fragt sich, wozu die amerikanische Bevölkerung eigentlich noch böse Russen und andere Kommunisten brauchte
Hier aber gibt sich der Autor sehr samtpfotig: Der Tonking-Zwischenfall mag inszeniert gewesen sein oder auch nicht, aber die damalige Führung des Pentagons war eindeutig fähig zu einer solchen Täuschung. Mag sein, daß er dafür lediglich keine stichhhaltigen Beweise gefunden hat. Vielleicht umgürtet seine Lippen aber doch noch der eine oder andere unsichtbare Maulkorb.
Trotz der vielen Fakten, die der Leser sowohl über die Zusammenarbeit mit Kanada, Australien, Neuseeland und England (Stichwort Echelon), den Aufbau der Satellitenüberwachung, die Wirtschaftsspionage, die Bespitzelung der amerikanischen Bevölkerung als auch über das Forschungszentrum und die internen Querelen in der Führungsspitze serviert bekommt, liest sich dieses Buch wie eine Mischung aus Kriegsroman ([Der Pilot] spürte einen dumpfen Schlag, und ein gewaltiger orangeroter Blitz erleuchtete das Cockpit. Powers befand sich in einer Höhe von 21.500 Metern fast schon im Weltraum , und begann abzustürzen.) und Spionage-Thriller (Am 29. Juli 1997, an einem bewölkten, aber warmen Sommerabend in Paris traf sich der iranische Beamte, ein gewisser Mehrdad, mit dem syrischen Waffenhändler Monzer al-Kassar.).
Die Schicksale des U-Boots Halfbeak, das den Sowjets erst in allerletzter Minute aus der Barentsee entwischen konnte, des Spionageschiffs Pueblo, das von Nordkorea gekapert wurde, und der U. S. S. Liberty, die 1967 von israelischen Düsenjägern und Torpedobooten zwar nicht versenkt, aber immerhin schrottreif geschossen wurde, schlachtet der Autor im wahrsten Sinne des Wortes geradezu genüßlich aus.
Und dennoch: Wenn sich der Leser nicht soweit von der Spannung gefangen nehmen läßt, daß er die Fakten überliest, erhält er ein einzigartig umfassendes Bild der NSA, sowohl was inneren Strukturen, technische Ausstattung sowie Arbeits- und Denkweise als auch was die bemerkenswerten Erfolge und katastrophalen Pannen dieses Monsteramts betrifft. Zu den härtesten Rückschlägen führte beispielsweise die Agententätigkeit John Walkers, der den Russen jahrelang und regelmäßig aktuelle Chiffriertabellen verkaufte. Im Vietnamkrieg verlor die NSA etwa 700 Chiffriermaschinen und genügend Verschlüsselungsmaterial und Codes, um dem Feind Einblick in den größten Teil der amerikanischen Kommunikation zu verschaffen. Selbst als die NSA daraufhin die Maschinen modifizierte, um den Russen die Entschlüsselung zu verunmöglichen, gelang es Walker noch, diese mit Kopien zu versorgen.
Im Anhang des Buchs sind die Dienstperioden sämtlicher Direktoren und stellvertretenden Direktoren sowohl der AFSA als auch der NSA zu finden; die linguistischen Kapazitäten der NSA in Form einer ellenlangen Sprachenliste, die von Afrikaans, Altägyptisch, Albanisch über Dänisch, Dari, Deutsch und Serbokroatisch, Singalesisch und Slowakisch bis Xhosa, Yoruba und Zulu reicht; die kryptologischen Positionen im NSA-Reich mit ausführlichen Aufgabenbeschreibungen; die Quellenangaben; ein Personenregister sowie ein Orts- und Sachregister.
Wer also die Augen nicht vor den Aktivitäten und Machenschaften des bislang mysteriösesten Geheimdienstes der Welt verschließen möchte, und sich nicht davor scheut, einen Blick auch in das heutige Spiel um Wissen und Macht zu werfen, dem sei dieses Werk als Pflichtlektüre empfohlen, auch wenn sich manch ein Leser diese Schilderungen vielleicht etwas weniger journalistisch platt-plastisch wünschte.
Das weltweite Überwachungsnetz ist freilich nicht lückenlos, aber jeder einzelne von uns kann sich unversehens in dessen Maschen gefangen finden. Beispiele dafür gibt es genügend. Und wer die daraus zwangsläufig erwachsende Paranoia für krankhaft hält, dem sei zu Bedenken gegeben, daß das, was er als Übertreibung bezeichnet, nichts anderes ist, als die Wahrheit, welcher der Geduldsfaden gerissen ist.