Robert Kurz,
SCHWARZBUCH KAPITALISMUS.
Ein Abgesang auf die Marktwirtschaft
Frankfurt a.M.: 1999, 818 Seiten, Eichborn Verlag AG
EUR 34,90
ISBN: 3821804912
(mp) Die rückblickende Zusammenfassung, die Kurz über den Werdegang des Kapitalismus und dessen Entwicklung liefert, sieht wahrlich traurig aus: Die Arbeitslosigkeit steigt, der Lebensstandard sinkt für immer größerer werdende Bevölkerungsgruppen, und der Ausweg in die Dienstleistungsgesellschaft erweist sich zunehmend als Illusion.
Seit 1989 haben sich alle kapitalistischen Verheißungen als Luftblasen erwiesen. Nicht einmal die offenen Märkte des Ostens haben der westlichen Gesellschaft ein neues Wirtschaftswunder beschert, erschlossen wurde bloß eine desperate Billiglohn-Konkurrenz. Noch immer verwundert reiben sich die Menschen im Osten die Augen, weil sie feststellen müssen, daß auch die finstersten Ideologen des Kasernenkommunismus, deren Lügenpropaganda über die eigene Herrschaft doch so jämmerlich durchsichtig gewesen war, die sozialen Mängel der westlichen Marktwirtschaft zwar mit boshafter, aber dennoch treffender Präzision beschrieben hatten.
Geschrieben wurde dieses Buch wider den Weltmeister der gesellschaftlichen Zensur, wie der Autor den Kapitalismus unter anderem nennt. Und weil das totale Marktsystem seine eigene Geschichte nicht nur schönfärbt, sondern sie sogar größtenteils ausläßt, übernimmt Robert Kurz, freier Journalist und Referent im Kultur- und Wissenschaftsbereich, die verantwortungsvolle Aufgabe, dem Leser die Augen zu öffnen, um eine Rückkehr auf den sozialen und ökologischen Boden der Realität, eine Beruhigung des enthemmten und entgrenzten Fortschritts, ein erträgliches gesellschaftliches Leben und eine Grundgeborgenheit als Voraussetzung von Mitgefühl, generativer Verantwortung und ideeller Reflexion zu ermöglichen.
Das freilich ist nur möglich, wenn dem gemeingefährlichen und absurd gewordenen System der totalen Konkurrenz von atomisierten Individuen ein Spiegel der eigenen Geschichte vorgehalten wird. Nur die Selbsterkenntnis des kapitalistischen Menschen kann ein Ende des Kapitalismus ohne Schrecken erleichtern, meint der Autor.
Und so führt denn Kurz den Leser durch die Geschichte des Kapitalismus, dieser zum totalen Weltsystem objektivierten größten Untergangssekte aller Zeiten. Anhand seiner ausführlichen Analyse der drei großen industriellen Revolutionen zeigt er auf, daß die Wachstumsdynamik der letzten 200 Jahre zwangsläufig zum Erlöschen kommen muß und das Ende der Nationalökonomie absehbar ist.
Die historische Schmerzgrenze der Marktwirtschaft ist erreicht, und jenseits dieser Grenze ist der Patient entweder tot oder er mutiert zu einem anderen.
Der Autor läßt den Leser keineswegs mit der trostlosen Diagnose hängen; er zeigt auch Wege auf, wie die Marktwirtschaft zu überwinden wäre. Anstelle einer schwächenden Ethik und dem Ruf nach einer gerechten demokratischen Menschenverwaltung fordert Kurz radikale theoretische Kritik und Rebellion, denn die Umverteilungsethik sei genau so sinnlos geworden wie die Verzichtsethik.
Wer allerdings nach einem Rezept fragt, hat das System noch nicht verlassen. Die Überwindung des Kapitalismus kann konzeptuell nicht in kapitalistischen Kategorien und Strukturen erfolgen.
Gleichwohl bezeichnet Kurz die Aufgaben, die da zur Lösung anstehen, als von geradezu einfacher Schlichtheit. Es gilt die real und in überreichem Maße vorhandenen Ressourcen an Naturstoffen, Betriebsmitteln und nicht zuletzt menschlichen Fähigkeiten so einzusetzen, daß allen Menschen ein gutes, genußvolles Leben frei von Armut und Hunger gewährleistet wird.
Die verinnerlichten Zwänge und Zumutungen der blinden Geldmaschine müssen wieder herausgewürgt werden, um sich der Aufgabe stellen zu können, die weder ein materielles noch ein technisches oder organisatorisches Problem darstellt, sondern einzig die Bewußtseinsfrage aufruft.
Als kürzester Weg zur Befreiung wird im Epilog die Besetzung der Produktionsbetriebe, Verwaltungsinstitutionen und sozialen Einrichtungen durch eine Massenbewegung beschrieben. Denkbar nennt Kurz auch eine Übergangsphase, in der sich eine Art Gegengesellschaft bildet.
Allein angesichts der Tatsache, daß die Ressourcen nicht ganz so überreichlich zu Verfügung stehen, wie der Autor das voraussetzt oder gern haben würde, kann seine eher pessimistische Prognose durchaus als realistisch angesehen werden: Für am wahrscheinlichsten hält er, daß die Zukunftsmusik ausgespielt hat, und der Bewußtseinssprung nicht mehr vollzogen wird, der doch für eine soziale Emanzipationsbewegung erforderlich wäre.
Falls die radikale Gegenbewegung wie es auch der Autor erwartet oder befürchtet ausbleibt, wird die Entzivilisierung der Welt unaufhaltsam sein. Einer Minderheit bleibt seiner Auffassung nach freilich auch dann noch zumindest eine kleine Kultur der Verweigerung ermöglicht, was unter diesen Umständen nur heißen kann, jede Mitverantwortung für Demokratie und Marktwirtschaft zu verweigern: Dienst nach Vorschrift und Sabotage des kapitalistischen Betriebs, wo immer das möglich ist.
So setzt denn Robert Kurz unter dem Motto, sich von der Ohnmacht nicht untätig machen zu lassen das ermutigende Schlußwort: Selbst wenn es nur wenige sind, die im Zerfallsprozeß des Kapitalismus eine neue Distanz gewinnen können: Es ist immer noch besser, Emigrant im eigenen Land zu werden, als in den inhaltslosen Plastikkurs der demokratischen Politik einzustimmen. Die Gedanken sind frei, auch wenn sonst gar nichts mehr frei ist.
Daß die Marktwirtschaft mit ihren eigenen Produktivitätssprüngen nicht mehr zu Rande kommt, wird nicht nur im Zuge der politik- und wirtschaftsseitig hochgelobten Globalisierung ersichtlich. Und ob man nun mit dem Autor einig geht, was die Freiheit der Gedanken oder die vorgeschlagenen möglichen Lösungen betrifft, oder nicht, dieses umfassende Buch ist unbedingt lesenswert für alle, die sich mit den weitverzweigten Wurzeln und den inneren Widersprüchen des Kapitalismus auseinandersetzen möchten.