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    Startseite [ver. 03.04.03) vom [2005-11-23]  © 1996-2007 copyright by Verlag Ralph Tegtmeier Nachf. URL: http://confidenz-depesche.com Seitenende






    Rezensionen

    Von der Leichtigkeit der Ökonomie


    Buch gleich hier portofrei ordern!

    Jeremy Rifkin,
    ACCESS – DAS VERSCHWINDEN DES EIGENTUMS.
    Warum wir weniger besitzen und mehr ausgeben werden

    Frankfurt/Main: 2000, 424 Seiten, Campus Verlag GmbH
    EUR 25,50/SFR 47,80
    ISBN: 3593365413

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    (mp) Jeremy Rifkin, Gründer und Vorsitzender der Foundation on Economic Trends in Washington, beschreibt in seinen Büchern zeitkritisch die großen ökonomischen, politischen und gesellschaftlichen Entwicklungsrichtungen. Seine Bestseller, wie etwa “Das Ende der Arbeit”, wurden immerhin in sechzehn Sprachen übersetzt und sorgten nicht nur in den einschlägigen Kreisen für internationalen Gesprächsstoff.

    Im vorliegenden Werk zeigt Rifkin auf, daß sich, bedingt durch das endgültige Ausklingen des Industriezeitalters, auch der Kapitalismus radikal ändert. Im Zeitalter der Märkte konnten die Institutionen den Austausch von Gütern zwischen Verkäufern und Käufern noch infolge ihrer Akkumulation von materiellem Kapital beherrschen; im Zeitalter der Netzwerke hingegen gewinnen Anbieter, die wertvolles geistiges Kapital geschaffen haben, zunehmend an Macht über die Bedingungen, unter denen Nutzer auf gewinnträchtige Fachkenntnisse und Ideen zurückgreifen können. In fünfundzwanzig Jahren werde sowohl ein Großteil der Unternehmen als auch der Konsumenten Eigentum für altmodisch halten, prognostiziert der Autor.

    Gigantische Medienkonglomerate und die von ihnen kontrollierten Anbieter von Inhalten werden zu “Pförtnern”, die sowohl die Bedingungen als auch die Verhältnisse bestimmen werden, unter denen Millionen von Menschen im kommenden Zeitalter Zugang zu Wissen und Informationen erhalten werden. Der Autor bezeichnet dieses globale Spiel als ein neues Monopoly um das soziale Leben eines großen Teils der Bevölkerung.

    Daß die Vernetzung heute schon ihre Auswirkungen zeitigt, beschreibt Rifkin anhand verschiedener Beispiele. Eines davon sei hier erwähnt: In immer kürzerer Zeit werden neue Automobilmodelle entwickelt und auf den Markt gebracht. Wo Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre noch 3.100 Arbeitskräfte und 55 Monate gebraucht wurden, um bei Chrysler das K-Modell zu entwickeln und zu produzieren, wurde das Modell Neon schon wenige Jahre später mit nur 700 Arbeitern in weniger als 32 Monaten entwickelt. Heute kann das Unternehmen ein neues Auto in weniger als zwei Jahren produzieren.

    Die Lebenszyklen von Produkten werden dadurch in allen Branchen immer kürzer, was sich selbstredend auch auf die Kundschaft auswirkt. Leasing- und Mietverträge werden immer attraktiver, denn warum sollte ein Konsument den Wunsch haben, ein Produkt oder eine Technik zu kaufen, wenn alles bereits veraltet sein wird, lange bevor die Raten abgestottert sind?

    Das neue Marketingziel richtet sich nicht mehr auf Markt- sondern auf Kundenanteile. Es wird also nicht mehr ein Produkt an möglichst viele Kunden verkauft, sondern einem Kunden möglichst viele Produkte. Man konzentriert sich zunehmend auf den “Laufzeitwert” der Käufer. So schätzt ein Automobilhändler, daß jeder Kunde, der ein Cadillac-Haus betritt, ein potentielles LTV (Life-Time-Value) von USD 322.000 darstellt. Diese Zahl resultiert aus einer Hochrechnung der Anzahl Autos, die der Kunde während seines Lebens kaufen wird, und all der mannigfaltigen Dienstleistungen, die diese Fahrzeuge während ihrer Lebensdauer erforderlich machen werden.

    Überhaupt seien es mehr und mehr Dienstleistungen und nicht Produkte, die verkauft würden. Wo lange Zeit der Service als Zugabe zum Produkt mehr oder weniger gratis abgegeben wurde, werden es in Zukunft die Dienstleistungen sein, die teuer zu bezahlen sind. Der Wert, der materiellen Gütern zugesprochen werde, sinke bis gegen Null, meint der Schreiber.

    Im Kapitel “Die Schwerelosigkeit der Ökonomie” wird der Leser auf die heute schon beinahe absurd wirkende Tatsache aufmerksam gemacht, daß vor noch nicht allzu langer Zeit von einzelnen Ländern das Verhältnis von Importen und Exporten in Gewichtsverhältnissen (in der Regel Tonnen) dargestellt wurde. Die britische Regierung hat sich erst 1985 von diesem System verabschiedet. Werte lassen sich längst nicht mehr in Gewichtseinheiten ausdrücken, denn, so ein Beispiel des Autors, mit einigen wenigen Kilogramm Glasfaserkabeln können mehr Daten (Wissen) übertragen werden als mit einer Tonne Kupferkabel.

    Und was in Amerika schon höchst aktuell ist, ist in Europa am Kommen: Die Entmaterialisierung des Geldes führt zu einem Abschmelzen der Ersparnisse und zur Zunahme der privaten Verschuldung. Rifkins Prognose: “In 25 Jahren wird greifbares Geld wahrscheinlich als Wegmarke einer historischen Odyssee betrachtet werden, als Relikt einer vergangenen Zeit, in der die Wirtschaft ihrer Natur nach sinnlicher und handfester und ihrer Form nach materieller gewesen ist.”

    Materielle Herrschaftsinstrumente werden durch Konzepte ersetzt, und so wird im 21. Jahrhundert zunehmend mit Ideen gehandelt. Der Autor hegt gar die nicht unbegründete Befürchtung, daß sich neue Formen institutioneller Macht entwickeln, die gefährlicher sein könnten als alles, was der Gesellschaft bisher unter dem langjährigen Marktregime widerfahren ist.

    Wie aus dem Verkauf von Konzepten mehr verdient werden kann als mit dem Verkauf von Waren, wird am Siegeszug McDonalds aufgezeigt. Und daß die Kontrolle über immaterielle Vermögenswerte und geistiges Eigentum den transnationalen Konzernen alle Voraussetzungen in die Hände spielt, mächtige Netzwerke von Anbietern und Nutzern aufzubauen, um somit noch größere ökonomische Macht zu konzentrieren, belegt das Beispiel der Patente auf menschliche Gene und Zellen des Biotechmultis Monsanto.

    Im zweiten Teil des Buches beschäftigt sich der Autor mit der Privatisierung des kulturellen Gemeinguts, die er als eine zwingende Folge der zunehmenden Vernetzung beschreibt. Während Eigentum mit der materiellen Frage von Mein und Dein zu tun hatte, geht es beim “Zugang” um die Kontrolle der gesamten gelebten Erfahrungen. Themenparks und Einkaufszentren mit Palmenambiente sind nur zwei von vielen aufgelisteten Beispielen. Die neuen Tycoons des 21. Jahrhunderts werden Unternehmen sein wie Bertelsmann, Disney, Time Warner, Viacom, Sony und Konsorten, die den Medienmarkt dominieren und festlegen, unter welchen Bedingungen wer und wann Zugang zu kulturellen Ressourcen und warenförmig gemachten Erfahrungen erhält.

    Daß Regierungen im Cyberspace fortschreitend an Einfluß und Spielraum einbüßen, ist für Rifkin eine Tatsache, die ihn zu dem gewagten Schluß kommen läßt, daß der Nationalstaat dem Untergang geweiht sei und sich unter dem Druck einer neuen globalen Ökonomie und einer neuen sozialen Ordnung beugt, die aus gigantischen Netzwerken gemeinsamer Interessen bestehen, nationale Grenzen umgehen und unabhängig von geographischen Gegebenheiten existieren. Das kennt man freilich schon zur Genüge aus der Globalisierungsdebatte der letzten fünf Jahre.

    Nach der detaillierten Analyse der New Economy und den einschlägigen diskussionswürdigen Prognosen hebt der Autor den Mahnfinger: Vier Fünftel der Menschheit existieren außerhalb der elektronischen Zugänge, was bedeutet, daß sich die Schere zwischen Arm und Reich weiter öffnen wird, weil sich die Welt rasend schnell in “informationell Reiche” und “informationell Arme” teile. Die Recht- und Besitzlosen würden im Zeitalter des Zugangs auch noch zu Ausgeschlossenen.

    Das freilich kann nicht allein der neuen globalen Vernetzung angelastet werden, denn wer keinen Zugang zu Informationen über Bücher, Radio, Telefon oder Fernseher hat, war auch schon vor der New Economy längst ausgegrenzt. Die Kluft wird allerdings bei zunehmender Vernetzung exponentiell größer werden.

    Als die alles entscheidende Aufgabe für das kommende Zeitalter bezeichnet Rifkin das Herstellen einer neuen Balance zwischen Kultur und Kommerz. In der Welt der Postmoderne, beschreibt er, wird ein neuer menschlicher Archetyp geboren, der einen Teil seines Lebens bequem in virtuellen Welten verbringt, mit den Funktionsweisen der vernetzten Wirtschaft vertraut ist, weniger Interesse daran hat, Dinge zu sammeln als daran, unterhaltsame und spannende Erfahrungen zu machen; der fähig ist, simultan in parallelen Welten zu interagieren und dabei seine Persönlichkeit der jeweils auftauchenden Realität – ob echt oder simuliert – anpaßt.

    In Anlehnung an den Psychologen Robert J. Lifton nennt er diese Menschen “proteisch”. Die Welt ist ihre Bühne und ihr Leben eine Folge von Auftritten. Sie verbringen gleich viel Zeit mit fiktiven Personen in Film, Fernsehen und Cyberspace wie mit Freunden in “Echtzeit” oder Meatspace. In ihrem schnellen, sich permanent ändernden Umfeld existieren Sitten, Gebräuche, Konventionen und Traditionen praktisch nicht mehr.

    Das Recht auf Zugang – nicht nur zur vernetzten Weltwirtschaft, sondern, viel wichtiger noch, auch zu lebendigen und vielfältigen lokalen Kulturen – müsse zu einer Grundlage werden, an der persönliche Freiheit zu messen sei, meint Rifkin. “Andernfalls droht die Fähigkeit der Menschen endgültig zu degenerieren, sich mit ihren Mitmenschen auf einer wirklich tiefen Ebene der individuellen Erfahrung zu verbinden, und das könnte uns in unserem Mensch-Sein beschädigen.”

    Am Schluß des Buchs rät der Autor zu einem neuen Stil in Erziehung und Bildung. Anstatt Wissen und marktorientierte Qualifikationen zu vermitteln, sollte mehr Wert auf die “zivile Erziehung” gelegt werden. Soziales Vertrauen und Empathie sollen gepflegt und Nähe zu anderen gefördert werden. Das kulturelle Leben müsse nicht nur wiederbelebt werden, “weil es die Rohmaterialien für kulturelle Produktionen liefert und soziales Vertrauen und Empathie schafft, ohne welche die Märkte nicht funktionieren können. Es muß auch um seiner selbst willen und nach seinen immanenten Bedingungen verjüngt werden, weil es die einzige Quelle menschlicher Werte ist.”

    Wenn man sich denn dazu entschließt, nach einer differenzierten Analyse der marktwirtschaftlichen Situation und den durchaus überlegenswerten Prognosen, noch Ratschläge zu erteilen, wie das Schlimmste zu verhindern sei, sollte man es nicht dabei bewenden lassen, mit resignierter Seniorenhaltung zu vertreten, daß es der Jugend überlassen werden sollte, aus diesem Schlamassel wieder herauszukommen. Mit “[…] die Jungen fechten’s besser aus” macht es sich Rifkin doch etwas zu einfach. Und wie so häufig bei im Kern kulturpessimistischen Überlegungen wird der Einfluß von Schule und Lehrerschaft auch hier hoffnungslos überzeichnet. Das ist neuaufklärerisch im schlechtesten Sinne, verrät es doch ein letztlich simplizistisches, dem Rousseauschen Idealismus geschuldetes Menschenbild. In diesem Punkt tritt das inhärente, ja systemische Defizit der angelsächsischen, vor allem nordamerikanischen Kulturkritik überdeutlich zutage, an dem – bei allem Laizismus – die ernüchternde Gesellschaftsanalyse sowohl der marxistischen als auch der existentialistischen Philosophie so gut wie spurlos vorbeigegangen ist.

    Doch wenn wir von diesem etwas verunglückten Abschluß des Buchs absehen, empfiehlt sich diese flüssig zu lesende Lektüre nicht nur für Experten, sondern selbst für Leser, die sich noch nie mit Ökonomie beschäftigt haben. Die vielen Rückblicke auf die Geschichte und die zahllosen Beispiele aus dem heutigen Wirtschaftsleben erklären so manchen Ablauf und einige Zusammenhänge, die sonst für Laien nur schwer durchschaubar blieben.

    Sowohl die zahlreichen Zitate von Soziologen, Philosophen, Psychologen, Managern und Universitätsprofessoren als auch die diversen zitierten Studien sind – leider im Anhang und nicht auf den betreffenden Seiten selbst – detailliert dokumentiert. Als außerordentlich hilfreich erweist sich das umfangreiche Register, das dem Leser lange Sucherei ersparen kann.

    Daß seine Prognosen, mit denen er sich nicht scheut, sich aus dem Fenster zu hängen, weltweit Beachtung finden und Diskussionen entfachen, bleibt nur zu hoffen, denn die auf uns zukommenden Veränderungen werden jeden von uns betreffen.

    Der Einfluß des einzelnen Menschen auf die kommende Gesellschaftsform im 21. Jahrhundert mag freilich schwer überschätzt scheinen, wenn Rifkin behauptet, die Entwicklung hänge davon ab, für welche Art von Teilnahme am globalen Monopoly sich jedes Individuum entscheide. Aber lesen Sie selbst!




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