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    Startseite [ver. 03.04.03) vom [2005-11-23]  © 1996-2007 copyright by Verlag Ralph Tegtmeier Nachf. URL: http://confidenz-depesche.com Seitenende






    Rezensionen

    Im Trüben gefischt


    Buch gleich hier portofrei ordern!

    Udo Pollmer, Susanne Warmuth,
    LEXIKON DER POPULÄREN ERNÄHRUNGSIRRTÜMER.
    Mißverständnisse, Fehlinterpretationen und Halbwahrheiten

    Frankfurt am Main: 2000, 364 Seiten, Eichborn Verlag AG
    EUR 22,90/CHF 41,00
    ISBN: 3821816155

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    (mp) Udo Pollmer, der gern als der streitbarste und renommierteste Ernährungsspezialist bezeichnet wird, und die Biologin Susanne Warmuth decken in ihrem Lexikon eine ganze Menge Mißverständnisse, Fehlinterpretationen und Halbwahrheiten auf, die schon manch einem Zeitgenossen die Lust aufs Essen vergällt haben.

    Wer traut sich denn heute noch zu essen, wonach es ihn gelüstet? Wer glaubt noch daran, daß die Angaben auf den Informationsetiketten tatsächlich dem ensprechen, was in den Lebensmitteln enthalten ist?

    Die Kalbsleberwurst, in der gar kein Kalbfleisch enthalten sein muß; der “naturtrübe” Apfelsaft, der konsumentengerecht künstlich getrübt wird; das mörderische Salz; das krebsfördernde Steak vom Grill; das “böse” Cholesterin, das uns den Herzinfarkt bescheren soll; die Schlankheitswelle mit all ihren Diätplänen; die fest verankerte Vitamingläubigkeit, und die Mär, daß Milch Osteoporose vorbeugen hilft, werden unter die Lupe genommen. Und siehe da, die volkstümlich gewordenen Ernährungsweisheiten entpuppen sich als volksdümmlich gemachte Manipulationsinstrumente. Sogar der Zucker, der ständig bezichtigte “Hauptverursacher von Zivilisationskrankheiten”, wird aus Mangel an Beweisen freigesprochen.

    Als Irrtum erweist sich beispielsweise auch, daß die Croissants in Frankreich erfunden wurden, der Teufel nur in der Not Fliegen frißt und daß Kaugummi eine amerikanische Erfindung sei. Selbst das angeblich so streng gehütete Geheimnis der Coca-Cola-Zubereitung wird in diesem Werk gelüftet.

    Wie die Autoren richtig feststellen, haben statistische Korrelationen etwas verlockend Verführerisches an sich. Obwohl sie eigentlich nur ein gleichzeitiges Auftreten dokumentieren, wird mit ihnen die Vorstellung eines kausalen Zusammenhangs vermittelt. Und da es kaum ein Ernährungsmuster gibt, das sich nicht mit irgendeiner Krankheit korrelieren läßt, wird gerade in der Ernährungswissenschaft gern damit gearbeitet und argumentiert. Die Ernährung steht in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Wohlstand, der sich allerdings auch auf ganz andere Bereiche auswirkt, wie beispielsweise auf die zu bezahlenden Steuern, auf die Automarke, die man sich leisten kann, oder auf die Ausgaben für den Psychotherapeuten.

    Es wäre bestimmt kein Kunststück, die Anzahl der Verkehrsschilder pro Quadratkilometer in Zusammenhang mit dem durchschnittlichen Körpergewicht von 10jährigen, braunäugigen und langhaarigen Mädchen (Schuhgröße 34) in Zusammenhang zu bringen. Doch danach wird freilich nicht (oder noch nicht) gesucht.

    Pollmer und Warmuth verdammen damit nicht gleich pauschal alle Studien, die Korrelationen ermitteln. Sie betonen vielmehr die unterschiedliche Aussagekraft verschiedener Methoden. In ihrem Buch halten sie sich an prospektive und an Interventionsstudien. Bei ersteren legen sich die Forscher auf eine Hypothese fest und verfolgen dann das Verhalten ihrer Probanden über Jahre oder gar Jahrzehnte. Bei der Interventionsstudie wird der Erfolg einer Maßnahme mittels Vergleich mit einer unbehandelten oder mit Placebo versorgten Kontrollgruppe verglichen.

    Diese Methoden seien beweiskräftiger und schwieriger zu manipulieren als die retrospektiven Studien, die allein schon der Erinnerungslücken der Befragten wegen das Bild verfälschten. Durch das Ausprobieren möglichst vieler Korrelationen ließen sich da auch stets ein paar signifikante Ergebnisse berechnen, die sich für die eben gebrauchte Theorie verwendbar erwiesen.

    Na ja, was die Austauschbarkeit der Daten betrifft: Davor ist doch wohl keine Studie gefeit, was angesichts der verschiedenen “entlarvten” wissenschaftlichen Studien wohl als bewiesen erachtet werden kann.

    Immerhin gehen die Autoren hier einen Schritt weiter und stellen nicht nur die Aussagen der Ernährungsberatung in Frage, sondern gleich das ganze Konzept überhaupt. Einen Menschen, der jeden Bissen unter dem Aspekt “gesund” oder “ungesund” verdrückt, vergleichen sie mit dem Menschen, der Sexualität in erster Linie unter orthopädischen Gesichtspunkten betrachtet und vorsorglich seine Wirbelsäule entlasten möchte.

    “Lassen Sie es sich schmecken”, lautet der Ratschlag, der unbedingt unterstützungswürdig ist, wenn der Leser auch beim vorliegenden Werk seine Kritikfähigkeit nicht verliert.

    Die hier zitierten, und gewissenhaft dokumentierten, den landläufigen Meinungen widersprechenden Studien beweisen – küchentechnisch ausgedrückt – zumindest eins: Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Und schon allein dieser Erkenntnis wegen lohnt sich diese Beschwichtigungslektüre.

    Hiermit sei jedem Stoffwechsler das professorale Zitat Harald Försters von der Universität Frankfurt mit auf den Weg gegeben, das zu Beginn des Buchs dem Leser die Komplexität der Materie mit einfachen Worten fachkundig erklärt: “Es kann als gesichert angesehen werden, und dazu bedarf es keiner Aufklärung: Ernährung ist tödlich! Denn jeder, der sich lange genug ernährt hat, ist bislang gestorben. Wer hingegen aufhört sich zu ernähren, kann zumindest nicht an den Folgen der Ernährung sterben.”




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