(mp) Dieser Ratgeber widmet sich dem Türöffner für private und berufliche Lebenshöhepunkte, wie Einladungen im Vorwort bezeichnet werden. Und damit es zu keinen unerfreulichen Überraschungen kommt, empfehlen die Autoren, die Kunst zu erlernen, jede Einladung unorganisiert und spontan erscheinen zu lassen, obwohl sie im Vorfeld perfekt vorbereitet wurde.
Die großen Ws sind das A und O einer jeden Einladung. WOZU wird man eingeladen? (Es ist schließlich ein gewaltiger Unterschied, ob man zu einer Grillparty im Freien oder zu einem Hochzeitsschmaus im Viersternehotel erscheinen soll.) Desweiteren sollte ersichtlich sein, WER WEN WANN WOHIN einlädt. Das WIE wird den erwarteten Gästen das sich um die Kleiderfrage rankende, leidige Rätselraten wenigstens teilweise ersparen. Als Zusatzinformation für die Geladenen gehört auch, sofern möglich, für wann das Ende der Veranstaltung geplant ist.
Der Ratgeber richtet sich in erster Linie an Gastgeber, wobei auch die Eingeladenen hier einige Tips finden, was beispielsweise die höfliche Ab- oder Zusage und das passende oder unpassende Geschenk betrifft.
Wer als Gastgeber schon bei den Einladungskarten ins Fettnäpfchen tritt, braucht sich nicht zu wundern, wenn seine Einladungen unbeantwortet im Papierkorb landen. Allein was die abschließenden Grüße betrifft, findet der Leser eine ganze Reihe von beruflichen Grußformeln, die heute möglich und gebräuchlich sind; privaten Grußformeln; halb beruflichen, halb privaten Formeln; ebenso eine Sammlung von abscheulichen wie auch antiquierten Grüßen, etwa: Ihre Ihnen ganz ergebene .
Es gilt hingegen noch einiges mehr zu beachten. Die Zahl der Gäste werde auch hierzulande immer häufiger zu einem Statussymbol, was zu der Frage führt, wieviele Gäste man sich überhaupt leisten kann. Was die Zusammensetzung der Gästeschar betrifft, sollte sorgfältig überdacht werden, ob heikle Personen integriert und verkraftet werden können. Hier kann eine raffinierte Tischordnung einiges zum harmonischen Verlauf der Feier beitragen.
Maßlos übertriebene Formulierungen, Superlative wie konkurrenzlos günstige Angebote, herrliche Parkanlagen und unerreichbare Produkte, werden als Todsünde bezeichnet. Wer in Einladungen angibt, hat's nötig. Auch die Verwendung von Kitsch fällt in diese Rubrik. Hier freilich betreten die Autoren unsicheren Boden, denn was für die einen Kitsch ist, ist für die anderen Kunst. Sie definieren Kitsch als das, was die stets heile, süßlich schöne Welt propagiert oder verheißt. Ihr Beispiel: Der sogenannte Klassiker der 60er Jahre, der Wackeldackel, der Autos verzierte. Was freilich dieser Dackel, abgesehen davon, ob man ihn mag oder nicht, mit schön und süß und heil zu tun haben soll, bleibt ungeklärt.
Zum Todsünder wird jeder Gast, der zu früh zu einer Einladung erscheint. Die noch immer gebräuchliche Abkürzung c.t. auf einer Einladung kommt vom Lateinischen cum tempore mit Zeit und bedeutet, daß der Gast die akademische Viertelstunde in Anspruch nehmen darf und auch etwas später (aber niemals früher!) erscheinen kann. Steht da aber ein s.t. sine tempore ohne Zeit , wird auf pünktliches Erscheinen Wert gelegt.
Für berufliche Anlässe Arbeitsessen, Beförderung, Firmenjubiläum, Tag der offenen Tür, Weihnachts- oder Trauerfeier oder für private und privat-berufliche Anlässe Abendessen, Advent, Brunch, Geburtstag, Halloween, Hochzeit, Kinderfeste, Weinprobe oder Wildessen findet der Leser im Hauptteil des Ratgebers eine Unzahl an Darstellungs- und Textbeispielen, die von den Autoren explizit als variable Möglichkeiten zur Gestaltung einer persönlichen Einladung bezeichnet werden.
Die hervorgehobenen Tips und Hinweise an den Seitenrändern lockern zwar die Lektüre etwas auf, sind aber besonders im Einladungs- und Termin-ABC doch arg banal geraten und rücken den Leser gefährlich nah in die Ecke der intellektuell Minderbemittelten: Decken Sie (den Tisch) besonders persönlich, feierlich und schön! Daß man darauf nicht von selbst gekommen ist!
Spätestens hier taucht notgedrungen die Frage nach dem Zielpublikum des Werks auf. Wer Ratschläge vom oben zitierten Kaliber verteilt, spricht eine Leserschaft an, der man den stilsicheren Umgang mit Variablen wohl kaum guten Gewissens zutrauen kann. Vielleicht reichen die Kapazitäten gerade mal fürs Abschreiben. Das aber wäre dann das Ende der individuellen Note in der persönlich gestalteten Einladung. In einem Inspektorenbericht hieße es dann entweder Lehrauftrag nicht erfüllt! oder Andragogisches Ziel zu hoch gesteckt!
Unerfahrenheit kann den beiden Autoren weder vorgeworfen noch als Entschuldigung geltend gemacht werden, denn das Team Lydia Grünther, Germanistin und Historikerin, die schon mehrere erfolgreiche Ratgeber geschrieben hat, und Dr. Heinz Commer, der seit langem als Doyen all der Autoren anerkannt (ist), die sich im deutschen Sprachbereich zu Fragen des guten Stils äußern darf beim besten Willen nicht zur Anfängertruppe gerechnet werden. Bei Experten des guten Stils sollte man wohl auch nicht von Stilbruch sprechen.
Eine mögliche Erklärung wäre freilich, daß hier der schon von vorneherein zum Scheitern verurteilte Versuch unternommen wurde, mit einem gezielten Streuschuß eine möglichst breite Leserschaft zu treffen. Jedermanns Liebling ist nun mal zwangsläufig auch jedermanns Depp. Ganz sicher aber ist es ein leuchtendes Beispiel für das eingangs geforderte: etwas unorganisiert und spontan erscheinen zu lassen, obwohl es (vielleicht) im Vorfeld perfekt vorbereitet wurde.