Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG/Siegfried A. Huth [Hrsg.],
DUDEN. REDEN GUT UND RICHTIG HALTEN!
Ratgeber für wirkungsvolles und modernes Reden
Mannheim: 2000, 694 Seiten, Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG [Hrsg.]
EUR 19,95
ISBN: 3411046821
(rt) Dieser Ratgeber für wirkungsvolles und modernes Reden liegt jetzt in der 2., neu bearbeiteten und ergänzten Auflage vor. Natürlich hat es sich die Duden-Redaktion als Hauptnutznießerin der albernen Rechtschreibreform nicht nehmen lassen, diese auch hier prompt anzuwenden, worüber man sich je nach Position, die man in der Sache einnimmt, freuen oder ärgern kann.
Das Buch ist zum großen Teil praxisorientiert, bietet aber auch einen umfangreichen Überblick über die Geschichte der Rhetorik von der Antike über das christliche Mittelalter und die Renaissance bis zum Barock, die Epoche der Aufklärung und die politische Redekunst im 20. Jahrhundert. Freilich mutet manches eher wie eine Einführung in den 08/15-Journalismus an, etwa wenn das Kapitel zur Geschichte der Redekunst folgendermaßen eingeleitet wird.
Über dem Pentelikongebirge beginnt die Nacht ihren Schleier zu heben. Kein Laut ist zu hören außer raschen Schritten, die durch die Straßen von Athen eilen. Ein junger Mann, Hyppokrates mit Namen, klopft an eine Tür, bis ihm endlich geöffnet wird, und stürmt an dem Haussklaven vorbei in das Schlafzimmer seines Lehrers Sokrates. Weißt du, weckt er diesen, weißt du wer in der Stadt ist?
Wir wissen, wecken wir die Duden-Redaktion, daß mittlerweile noch der läppischste Tatsachenbericht, auch wenn der hier zitierte von Platon stammen mag, von Stern bis Spiegel, von Neue Revue bis St. Pauli Nachrichten nach dieser Masche eingeleitet wird, es steht uns mittlerweile bis Oberkante Unterlippe. Und sind nicht amüsiert. Diese Zumutung ist keine Rhetorik, das ist blödsinnigster Populismus.
Glücklicherweise erholt sich das Werk bald darauf von diesem reichlich verpatzten Anfang und kommt etwas nüchterner zur Sache. Wo es denn endlich ins Praktische übergeht, ist es umfassend und übersichtlich, dabei klar verständlich und brauchbar. Auch hier wird zwar dem Mißverständnis gehuldigt, daß der Journalismus, wohl weil er gelegentlich auch mit Sprache zu tun bekommt (wie entfernt auch immer), ein gutes Rollenmodell für zeitgemäße Redekunst abgibt. Dies wird zum Beispiel deutlich im Abschnitt Anleitung und Vorteile der 1-Minuten-Rede, wo tatsächlich die journalistische MOSE-Formel (Mensch, Ort, Sache, Ereignis) als Grundschablone herhalten muß. Immerhin: Es gibt nicht viele Rhetorikschulen, die darauf Rücksicht nehmen möchten, daß der Redner lieber ein Glas Sekt als ein Manuskript in der Hand halten möchte Hinweise zu Stoff- und Materialsammlung, zu Aufbau und Gestaltung einer Rede werden ebenso abgehandelt wie die Grundzüge der Dialektik und Konzeptionshilfen, über deren Wert und Unwert man sich durchaus ehrbar streiten kann. Kostprobe von S. 105: Zeigen Sie Verständnis für Frauen, Männer, Kinder, Jugendliche, Senioren, Randgruppen, Besonderheiten und Eigenheiten. Daneben steht dann natürlich auch passenderweise das Schlagwort Würdigung weckt Wohlwollen Stabreime dagegen vielleicht weniger, wo nicht Wagnerwonnen wallen.
Auch ein Behilfswerk wie dieses krankt an der grundlegenden Schwäche sämtlicher auf Alltagsrhetorik abstellenden Ratgeber: Wo die Klarheit des Denkens fehlt, nützen leider auch die handfestesten Regeln des Ausdrucks wenig. Sicher ist es gut, daß der Leser erfährt, was ein Syllogismus ist, wie sich Induktion und Deduktion unterscheiden und wodurch sich ein Bedingungssatzabschluß auszeichnet. Dennoch hätte man sich etwas ausgiebigere Ratschläge zum Thema Argumentation gewünscht, wozu nach Meinung des Rezenzenten auch unbedingt eine komplette Liste der in der antiken Rhetorik so minutiös definierten Denk- und Argumentationsfehler gehört hätte. Es wird zwar ein Glossar mit den wichtigsten Redeschmuck-Fachbegriffen auch in ihrer griechischen bzw. lateinischen Form geboten (Beispiele: Metonymie, Synekdoche, Antonomasie, Anadiplose, Isocolon); dafür findet sich aber leider nichts zu contradictio in se, post hoc ergo propter hoc oder eo ipso, um nur drei der gängigsten Beispiele zu nehmen. Aber dann hätte man wahrscheinlich doch noch einen Index beigeben müssen, den man sich offenbar lieber erspart hat.
Die Hinweise zur Erstellung eines Redemanuskripts sind recht dürftig gehalten, mögen aber schlichteren Rednernaturen wahrscheinlich genügen. Richtig ärgerlich dagegen wird es, wenn immer wieder auf Zeitgeist-Schnickschnack aus der Wundertüte der Psychologismen zurückgegriffen wird. Da wird dann kostbarer Platz darauf verschwendet, daß man einfältige, von der Gehirnforschung mittlerweile längst widerlegte Modelle von der linken und rechten Hirnhälfte bemüht, so daß man sich nicht wundern darf, über drei volle Seiten mit Mind-Mapping angeödet zu werden, wobei als Beispielrede ausgerechnet ein Vortrag zum Thema NLP-Verkaufstechniken herangezogen wird. Ist das Überzeugung der Redaktion oder mehr oder weniger ungeschicktes Product Placement?
Auch die für den europäischen Kulturkreis angeblich geltenden Distanzzonen (intime Distanz = Berührung 0,5-1,5 Meter, usw.) dürfen dann natürlich ebensowenig fehlen wie Eric Bernes Transaktionsanalyse. In aller Akribie wird da die Mär vom Eltern-Ich, Kindheits-Ich und Erwachsenen-Ich ausgewalzt, und der immer noch nicht interessierte Leser erfährt solch bahnbrechende Erkenntnisse zur Körpersprache wie beispielsweise die, daß die Hand vor den Mund zu halten zwar einerseits Erstaunen, andererseits aber auch Verlegenheit signalisieren kann die Idee, daß damit nur das herzhafte Gähnen ob solcher Langeweilerei höflichkeitshalber verborgen werden soll, kommt der Redaktion leider nicht in den Sinn.
Schließlich folgen Musterreden zu allerlei Anlässen (Sie, Herr Vormann, sind der Kapital- und Risikoträger. Da steht Ihnen ein anständiger Gewinn zu, den wir Ihnen auch gönnen. Bahnbrechend!), die zwar buchstäblich Hunderte von Seiten füllen, insgesamt aber doch eher lieblos aneinandergekleistert wirken.
Fast dreihundert Seiten gehören dem Abschnitt Zitatenschatz, eine Art Mini-Büchmann, mehr oder weniger modern aufgepeppt und wie solche Kompendien ja meistens völlig willkürlich in der Auswahl. Nun gut, über Zitate kann man, so ließe sich argumentieren, gar nicht ausgiebig genug verfügen. Doch auch wenn es Mode sein mag, stellt sich dem Rezensenten doch unweigerlich die Frage, weshalb man nicht statt dessen auf umfangreichere, mithin vielleicht sogar bessere Sammlungen dieser Art verwiesen hat, wie sie einem ja mittlerweile an jeder Ecke um die Ohren gehauen werden.
So stellt der Leser betrübt fest, daß ihm hier ein papierner Gemischtwarenladen entboten wurde: ein bißchen Rhetorik ja auch das! ; ein bißchen Redemanagement; ein bißchen Vulgärpsychologie, durchwirkt mit Platitüden aus der Kommunikationswissenschaft; dazu überreichlich Salbadern aus der Seminarszene; nebst einigen Prisen wenigsten nicht völlig unbrauchbarer Hinweise praktischer Natur. Anspruch und manifeste Hybris des Werks sind jedoch so beschaffen, daß man sich bei der Lektüre dabei ertappt, wie man auch noch nach Tips Ausschau hält, was das korrekte Essen von Spargel oder die Durchführung des Hofknicks betrifft auch diese hätten sicher unter dem Vorwand weitläufiger Lebenshilfe an allen Perückenhaaren herbeigezogen werden können, ohne daß es im Gesamt(un)kontext sonderlich aufgefallen wäre. So bleibt die Rückschau auf ein Sammelsurium der überflüssigen Art, dessen Preis allenfalls durch die halbwegs gediegene Bindung gerechtfertigt scheint.