WORLDWATCH INSTITUTE [Hrsg.],
REPORT 2000.
Zur Lage der Welt
Frankfurt am Main: 2000, 336 Seiten, Fischer Taschenbuch Verlag
DEM 29,90/ATS 218,00
ISBN: 359614650X
(mp) Seit mehr als anderthalb Jahrzehnten veröffentlicht das Worldwatch Institute jährlich seinen Bericht zur Lage der Welt. In der diesjährigen Ausgabe, die in 30 Sprachen publiziert wurde, findet der deutschsprachige Leser zum ersten Mal einen Beitrag des Germanwatch. Und um dieses Kapitel von der Urfassung der Amerikaner abzuheben, steht es denn auch ganz am Anfang, noch vor dem Vorwort. Weshalb allerdings dafür gleich zwei Beiträge der USA-Edition wegfallen mußten, bleibt ein ungeklärtes Rätsel.
Daß es bei der Beschreibung der Weltlage nicht ausschließlich darum geht, verwerfliche Praktiken an den Pranger zu stellen, sollen die Ausarbeitungen alternativer Vorschläge und die Erarbeitung qualitativer Analysen beweisen. Nimmt man auch die politische Lobbyarbeit und den Aufbau neuer gesellschaftlicher Allianzen hinzu, liefert das Woldwatch Institute einen wichtigen Teil der intellektuellen Software, um politisch mehr in Bewegung zu setzen so jedenfalls schreiben die beiden Autoren Michael Baumann und Michael Windfuhr von Germanwatch in ihrem Beitrag Politische Globalisierung versus ökonomische Archipelisierung.
In der ersten Ausgabe des Reports (ausgerechnet 1984!) winkte noch die Hoffnung, die Erde wäre bis zum Ende des Jahrtausends längst auf dem Weg in eine ökologisch nachhaltige Welt. Die Bilanz freilich sieht trostlos aus: Kranke Wälder, Bodenerosion, sinkende Grundwasserspiegel, Klimaerwärmung, Absterben der Korallenriffe, schmelzende Gletscher, Artensterben sowohl im Pflanzen- wie auch im Tierreich, Luftverschmutzung, Ertragsgrenzen, Überbevölkerung, Unterernährung, drohender Zusammenbruch der Fischereiindustrie, Verlust von Waldfläche durch Übernutzung und Brandrodungen lauter Themen, die im ersten Kapitel als Herausforderungen des neuen Jahrhunderts bezeichnet werden, obwohl wir es da durchaus auch mit sogenannten Altlasten aus dem letzten Jahrhundert zu tun haben.
In jedem Kapitel, ob Neue Wege in der Bewässerungslandschaft, Unterernährung und Überernährung, Papierrückgewinnung, Einsatz von Informationstechnologien zum Schutz der Umwelt, Arbeitsplätze schaffen, die Umwelt bewahren oder Ökologische Globalisierung sprechen die Fakten und Zahlen, die übrigens mit Quellenangabe im umfangreichen Anhang vermerkt sind, eine eindeutige Sprache: Die Lage spitzt sich an allen Fronten zu.
Die winzig kleinen Lichtblicke, die den Autoren immer wieder der Erwähnung wert sind, sollen vielleicht dazu dienen, dem Leser angesichts der zügig voranschreitenden, menschengemachten Katastrophe das bißchen Hoffnung auf bessere Aussichten nicht vollständig zu rauben.
Einer dieser beschriebenen, wiewohl nur schwach glimmenden Hoffnungsschimmer ist die Verbesserung der Bewässerungssysteme, die heute schon bedeutend sparsamer und effizienter mit dem kostbaren Naß umzugehen wissen, als es noch vor Jahren vorstellbar erschien; seien es hochtechnologisierte Geräte, die durch Ventile mit Zeitsteuerung das Wasser gleichmäßig über die Parallelgräben von Schwerkraftbewässerungssystemen verteilen, oder relativ einfache und billige Tretpumpen, mit denen das Wasser aus sechs Metern Tiefe gewonnen werden kann.
Die verbesserten Systeme ändern jedoch nichts an der Tatsache, daß das Süßwasser rar ist und immer rarer wird. In Afrika, Asien und im Nahen Osten werden heute schon 34 Länder als Wassernotstandsgebiete eingestuft. Und auch China, der größte Getreideproduzent der Welt, leidet unter einem chronischen Wasserdefizit. Jährlich werden dort dem Grundwasser etwa 30 Milliarden Kubikmeter zuviel entnommen. Auf einem Großteil der nordchinesischen Ebene beispielsweise, die etwa 40% des in China geernteten Getreides hervorbringt, sinkt der Grundwasserspiegel jährlich um 1 bis 1,5 Meter. Das für 2025 vorausgesehene Wasserdefizit für die Flußbecken von Huanghe (Gelber Fluß) und Hai entspricht ungefähr der Wassermenge, die den Anbau von 55 Millionen Tonnen Getreide ermöglichen würde, was über ein Viertel der heute international gehandelten Gesamtmenge ausmachte.
Im Westen der USA kaufen die Städte Wasserrechte oder Land mit Wasserrechten, um die wachsende städtische Bevölkerung versorgen zu können. In Indonesien sind Unternehmen dazu übergegangen, den Reisbauern ihre Felder abzukaufen, um an das rationierte Wasser ranzukommen.
Die Entscheidung der Administrationen, den Farmern oder Bauern das Wasser zugunsten der Städter abzugraben, würde letztendlich dazu führen, daß die ganze Bevölkerung verhungert, noch bevor sie verdurstet. Bevor es aber soweit kommen kann, beginnen Länder, die selbst nicht oder nicht mehr genügend Wasser zur Verfügung haben, Getreide zu importieren, was das Problem keineswegs löst sondern nur verlagert. Hinzu kommt, daß man sich damit neue Schwierigkeiten aufhalst (beispielsweise die Abhängigkeit und damit die Erpreßbarkeit durch Nahrungsmittelimporte).
Der Kampf um das Wasser zwischen den Nationen gebiert die gefürchteten Wasserkriege, man denke allein an die Gebiete rund um den Aralsee, am Ganges, am Jordan, am Nil und in der Euphrat-Tigris-Region. Obwohl die Autorin, sich darin dem heutigen Kriegsministerjargon anpassend, die erbitterten Kämpfe vorzugsweise als Wasserkonflikte bezeichnet, läßt sich die Situation doch nicht überzeugend beschönigen.
Apropos beschönigen: Im Kapitel Unterernährung und Überernährung wird es noch immer als Mythos bezeichnet, daß Hunger auf knappe Nahrungsmittelvorräte und schlechte Ernten zurückzuführen sei. Garry Gardner und Brian Halweil sind überzeugt: Tatsächlich ist Hunger eine Folge menschlicher Entscheidungen insbesondere von Entscheidungen über die Organisationsformen einer Gesellschaft. Also mal wieder doch nur ein Verteilungsproblem?
Die Natur ist ein System unergründlicher Komplexität, und die Menschheit hat sowohl in der Politik als auch in den Naturwissenschaften bisher noch immer mit Spezialisierung reagiert. Expertentum aber führt zu Scheuklappenmentalität. Lester R. Brown formuliert seine Warnung gekonnt populistisch: Die Natur gibt nichts kostenlos und hat keinen Reset-Knopf.
Und weil es kein Zurück zum Start gibt, und weil sich der Mensch voraussichtlich nicht als einsichtig genug erweisen wird, und weil die Regierungen trotz der steigenden Anzahl von unterschriebenen Erklärungen, Aktionsplänen, Übereinkommen und internationalen Verträgen meist nur zu vagen Zusagen bereit sind und selbst diese nur zögerlich umsetzen, warten die verschiedenen Autoren mit Lösungsvorschlägen auf, die alle in dieselbe Richtung zielen: Steuern, Steuern und noch mal Steuern.
Eine Senkung der Einkommenssteuern würde in Verbindung mit einer parallelen Erhöhung der Benzinsteuer zu schnellerem Wirtschaftswachstum, weniger Verkehrsstaus, sichereren Straßen und einem geringeren Risiko der globalen Erderwärmung führen ohne die langfristige Zahlungsfähigkeit zu gefährden. Ökonomisch gesehen gibt es keine billigere Möglichkeit. (Prof. N. Gregory Mankiw von der Universität Harvard, 1999)
Als beispielhaft werden die erzwungenen Zahlungen der amerikanischen Tabakindustrie an die Regierungen der Bundesstaaten genannt, die hier durchaus berechtigt als rückwirkende Steuern auf den Zigarettenverkauf der letzten Jahrzehnte gewertet wird. Nach diesem Prinzip, meint der Autor, sollte eine Kohlendioxidsteuer auf fossile Brennstoffe geschaffen werden, deren Höhe sich nach einer Analyse der indirekten Folgen ihrer Verbrennung bestimmen ließe. Die Steuer richtete sich also nach dem verursachten oder dem zu erwartenden Schaden am Klima, am Ausmaß der verschuldeten Übersäuerung des Regens, der Menge an Schmutz, der die Luft verunreinigt, (Eine echte Herausforderung für alle professionellen Statistiker und Zahlenjongleure, obwohl diese doch so geübt darin sind, Wissenslücken zu vertuschen und bloße Mutmaßungen als Tatsachen zu verkaufen.)
Zu bedauern ist, daß die verschiedenen Autoren ganz simpel als wissenschaftliche Mitarbeiter bezeichnet und dem Leser nicht näher vorgestellt werden. Das Wissen um ihren sogenannten Background hätte vielleicht manch eine vorgehaltene Position oder Stellungnahme verständlicher gemacht.
Lesenswert ist dieser Report auf jeden Fall, und zwar der umfangreichen Faktensammlung wegen, die dem Leser die Lage der Welt unverblümt vor Augen führt. Was allerdings die alternativen Lösungsvorschläge betrifft, verspricht man sich tatsächlich allzuviel von der intellektuellen Software, sofern man mehr erwartet als die üblichen Ratschläge wie Wind- und Sonnenenergie statt fossiler Brennstoffe; eingeschränkter Fleischkonsum, um Wasser zu sparen; und natürlich, wie einfallsreich, all die vielen Ökosteuern.
Nehmen wir mal an, die Autoren hätten wirklich alle bestehenden Möglichkeiten ausgeschöpft und könnten uns trotzdem keine Vorschläge zur Verbesserung der Weltlage unterbreiten, die wir nicht schon seit Jahrzehnten zur Genüge vorgekaut bekommen haben. Das ließe nur einen Schluß zu: Der Weltuntergang läßt sich mit dieser Menschheit, die nicht zu einer radikalen Änderung ihrer Gesinnung und ihres Verhaltens bereit ist, schlichtweg nicht verhindern. Im Report ist diese Schlußfolgerung freilich nicht zu finden. Freudige Hoffnung sei dem Menschen gegönnt, und wenn er auch darüber stürbe