Klaus Bartels,
WIE DER STEUERMANN IM CYBERSPACE LANDETE.
Neue Wortgeschichten
Darmstadt: 1998, 176 Seiten, PRIMUS Verlag
EUR 19,90/CHF 37,00
ISBN: 3896780948
(mp) Wortgeschichte ist nicht nur Sprach- und Laut- sondern auch Kulturgeschichte. Und daß es bei einem Streifzug durch die menschliche Zivilisation einige überraschende Kuriositäten zu entdecken gibt, zeigt uns der Autor auch in seinem zweiten Band mit 77 Geschichten von Wörtern und ihrem langen Weg vom Altertum bis in unser heutiges Deutsch.
Das Buch richtet sich ausdrücklich an Sprachfreunde, die Spaß daran haben, den verzwickten Wegen des Kulturaustauschs nachzuspüren. Und die 77 Begriffe von Affäre und Belletristik über Dinosaurier, Effizienz, Kompost, Labor, Mobbing bis zu Quote, raffiniert, Skizze, Tresor und Zins , die der Autor gewählt hat, lassen den Leser die mannigfaltigen Bedeutungsänderungen einzelner Ausdrücke nachvollziehen, die teilweise durchaus als absonderliche Kapriolen bezeichnet werden können.
Neben alten Wörtern wie Auto oder Skandal kommen hier auch neuere Wortkreationen wie Multimedia und Infotainment zum Zug, deren Ursprünge sich allerdings meist viel weiter zurückverfolgen lassen als zu vermuten wäre. So erfährt der Leser unter Cyberspace einiges über die alten griechischen und römischen Seefahrer, und unter Proaktiv lernt er, daß, wer zu spät kommt, vom Leben bestraft wird. Na sowas.
Als ideales Geschenk für alle, die ihre Sensibilität für Sprache schärfen und die Geheimnisse der Wörter enträtseln möchten, wird das Buch auf dem Umschlagtext angepriesen. Wer es allerdings wirklich darauf angelegt hat, der Herkunft der Wörter auf die Spur zu kommen, dem sei der Griff zu einem Etymologie-Duden empfohlen. Die Gefahr, nur mit Halbwahrheiten abgespeist zu werden, ist dort doch wesentlich geringer.
Wer beispielsweise wissen möchte, was es mit Castor auf sich hat, wird zuallererst auf die spektakulären Atommülltransporte aufmerksam gemacht, die dem griechischen Heroen, dem Zwillingsbruder des Pollux, zu unerhörten Bekanntheitsgraden verholfen haben. Die Erwähnung der Gleichnamigkeit hat durchaus ihre Berechtigung, wenn man denn die einzelnen Wörter bis ins heutige Deutsch verfolgen möchte. Unter diesen Umständen wäre jedoch die Erklärung des wahren Inhalts des modernen CASTOR unabdingbar gewesen. Die sechs Buchstaben, welche die Container zieren, stehen nämlich, zwar nicht besonders schlicht, dafür aber einfach, als Abkürzung für CAsk for Storage and Transportation Of Radioactive material. Mit dem göttlichen Doppelgestirn der Antike hat das nun wirklich herzlich wenig zu tun.
Als leichte Bettlektüre mag der eine oder andere Leser durchaus Gefallen an diesem Buch finden, auch wenn die Streifzüge durch die Sprachgeschichte oft etwas verzettelt, langwierig und umständlich gestaltet sind. Beim Begriff Pille hat sich der Leser vom prägnanten (bedeutungsschwangeren) Wortgebrauch der Pille über das griechische pilòs, den lateinischen Ausdrücken pilus und pila bis zum pilum durchzukämpfen, bevor er endlich zu pilula gelangt, was hier als Bällchen definiert wird.
Vielleicht um das Buch einem breiten (sprich: anspruchslosen) Publikum schmackhaft zu machen, sind die Geschichten mit Lautmalereien und Wortspielereien gespickt. So findet sich der Leser in der Wortgeschichte Radar unversehens zwischen Radieschen und Radikalen wieder. Allzu oft überschreitet Bartels dabei allerdings die Grenze des Zumutbaren. Wenn ein wirklicher Sprachfreund hier solche Kalauer liest wie Wörter, die sich zu Wort melden oder Wörter haben schnelle Beine, dann werden sich ihm eher die Nackenhaare sträuben, als daß er den wahrscheinlich intendierten Unterhaltungswert würdigt.
In Bartels' Worten ausgedrückt: Neuerdings schlüpfen solche löwenköpfigen, schlangenschwänzigen Chimären [ ] allenthalben aus den Eiern und stolzieren mähnenschüttelnd, schwänzeschwingend durch die Inseratenspalten und längst auch durchs Redaktionelle.