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    Startseite [ver. 03.04.03) vom [2005-11-23]  © 1996-2007 copyright by Verlag Ralph Tegtmeier Nachf. URL: http://confidenz-depesche.com Seitenende






    Rezensionen

    Die Inquisition ist tot – es lebe die Inquisition!


    Hubertus Mynarek:
    DIE NEUE INQUISITION:
    Sektenjagd in Deutschland. Mentalität – Motivation – Methoden kirchlicher und staatlicher Sektenbeauftragter

    Marktheidenfeld, 1999, 489 Seiten, Verlag DAS WEISSE PFERD GmbH
    DEM 35,00/CHF 35,00/ATS 256,00
    ISBN: 3000042997


    (mp) Hubertus Mynarek gilt allgemein als einer der prominentesten Kirchenkritiker des 20. Jahrhunderts. An den Universitäten Bamberg und Wien lehrte er als Professor unter anderem Religionsphilosophie, Religionswissenschaft und Fundamentaltheologie. 1972 war er Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Dann prangerte er in einem Offenen Brief an den Papst Herrschsucht, Machtstrukturen und Profitstreben der kirchlichen Hierarchie an und verabschiedete sich damit von diesem totalitären System. Mynarek war der erste Universitätsprofessor des Fachs Katholische Theologie, der es gewagt hatte, aus der katholischen Kirche auszutreten.

    In seinem neuesten Werk beschäftigt sich der Religionswissenschaftler, Philosoph und Theologe mit der Sektenjagd in Deutschland, die er als die “erneuerte Form der Inquisition” bezeichnet und die selbstverständlich nicht von der ersten Garnitur katholischer und evangelischer Theologen geführt werde, sondern von kleinen, machtgierigen Handlangern, den Sektenjägern, die als notwendiges Übel von der Kirche akzeptiert werden und für sie die Drecksarbeit zu verrichten haben. Denn die intelligenten Universitätstheologen, so versichert uns der Autor , glauben längst nicht mehr an die Einzigartigkeit und die Überlegenheit ihrer Religion oder Kirche über alle anderen Konfessionen und Denominationen, nur aussprechen wollen sie das nicht. Versteht sich, daß er sich selbst auch dazu zählt.

    Sein oberstes Kriterium bei der Beurteilung und Bewertung der Methoden und Strategien, wie sie seitens der Kirchen gegen die sogenannten “Sekten” Anwendung finden, lautet:

      Es geht den kirchlichen und staatlichen Sektenbeauftragten in erster Linie nicht um Objektivität und Wahrheit, nicht um die Wahrung der durch die “Sekten” vermeintlich gefährdeten Menschenrechte, nicht um den Schutz der Personen, die angeblich in die Hände der “sektiererischen Rattenfänger” geraten sind, nicht um Rechtsstaatlichkeit und dergleichen mehr. Es geht schlicht und einfach vor allem um die Wahrung von Besitzständen und Privilegien der beiden großen Konfessionskirchen, der evangelisch-lutherischen und der katholischen, und um die Aufrechterhaltung ihres Einflusses in Staat und Gesellschaft.


    Angesichts der anhaltenden Kirchenaustrittswelle können die Führer beider Konfessionen nicht übersehen, daß sie nur noch Friedhofsverwalter einer institutionalisierten, weitgehend verkrusteten und erstarrten Religion sind, während erfrischende, lebendige Spiritualität und Religiosität jenseits der Kirchenmauern – bei den sogenannten “Sekten” – blühen und gedeihen. Was früher mit Feuer und Schwert vernichtet wurde, wird heute – mangels der Autorität und physischen Macht, wie sie im Mittelalter noch gegeben waren – mit allen verfügbaren Mitteln einer modernen technokratischen und medialen Gesellschaft bekämpft.

    Die Kirchen können sich nicht auf die Glaubenskraft ihrer Mitglieder verlassen, deswegen benötigen sie seit jeher die Unterstützung der Herrschafts- und Kontrollstategien des Staates.

    So stehe denn die Kirche ständig auf dem Sprunge, von neuem die Scheiterhaufen der Ketzer zu entflammen, zitiert Mynarek den Philosophen Karl Jaspers, denn nach wie vor gelte: “Aber der kirchliche Glaube besitzt auch heute noch die Naivität alles Totalitären, sich für den alleinigen, bevollmächtigten, unfehlbaren Träger der Wahrheit zu halten. Innerlich verweigert er den “Heiden”, den Ungläubigen, den Ketzern die Gleichberechtigung.”

    Nach einem weder umfassend noch dürftig zu nennenden, unter die Haut gehenden kirchengeschichtlichen Rückblick auf die gnadenlosen Verfolgungen Andersgläubiger zwischen dem 4. bis ins späte 19. Jahrhundert und der grausamen Folterpraktiken, derer sich die Inquisitoren bedienten, widmet sich Mynarek ausführlich der Mentalität, der Motivation und den Methoden der Inquisition und beschreibt sowohl einige beruflich unabdingbare charakterliche Eigenschaften der Sektenbeauftragten als auch die Gesinnung, das geistige Milieu, das in diesen Kreisen zwangsläufig vorherrscht.

    Vom im Katholizismus begründeten Menschen(feind)bild wird der Leser über Luther, Calvin, Zwingli und Melanchthon zum Gottes- und Menschenbild und zur Staatsideologie evangelisch-lutherischer Sektenjäger geführt. Vor allem die schonungslose Beschreibung des abstrusen, inhumanen und menschenrechtswidrigen Denkens des Konfessionsgründers Martin Luther (übrigens selbst ein Abtrünniger der katholischen Kirche, ein Schismatiker also), der einen Vernichtungsmechanismus gegen die Bauern, die Wiedertäufer, gegen Thomas Müntzer und Erasmus, gegen Philosophen, gegen Humanisten und gegen die Juden auszulösen imstande war, zeigt deutlich die Seelenverwandtschaft zwischen den alten und den neuen Inquisitoren auf, wie beispielsweise dem bayrischen Sektenpfarrer Wolfgang Behnk oder auch Hansjörg Hemminger, dem Sachverständigen der Enquete-Kommission, die sich mit dem Problemkomplex “Sekten und Psychogruppen” befaßte und Lösungsvorschläge zur Unterbindung von Auswüchsen erarbeiten sollte.

    Hemminger wird hier als besonders eifriger Verteidiger der evangelisch-lutherischen Kirche und als vehementer Verfechter ihrer Rechte und Privilegien gegen den “Ansturm” der Sekten dargestellt. Bis 1996 war dieser als Referent in Stuttgart an der “Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen” tätig, die man, so Mynarek, “cum grano salis auch als oberste Inquisitionsbehörde der evangelischen Kirche zur Erforschung der Tätigkeiten der 'bösen' Sekten bezeichnen kann”. Hemminger sei ein Sektenschlechtmacher, der nur dank der heiligen Einfalt der für die Einsetzung dieser Kommission verantwortlichen Parlamentarier, die der Autor auch als “religiöse Analphabeten” betitelt, vom Bock zum Gärtner gemacht werden konnte.

    “Mit Ketzern braucht man kein langes Federlesen zu machen, man kann sie ungehört verdammen. Und während sie auf dem Scheiterhaufen zugrunde gehen, sollte der Gläubige das Übel bei der Wurzel ausrotten.” Diese verächtliche Empfehlung Martin Luthers scheint noch heute das Motto der Sektenbeauftragten zu sein.

    Ob Ketzer, Häretiker, Schismatiker, Apostaten, Atheisten, Hexen, Reformer, Revolutionäre, Bauern, Frauen oder Juden – die Kirchen fanden noch in jeder Epoche einen Sündenbock, um von ihren eigenen Mißständen abzulenken. Heute wird schon im Religionsunterricht mit der Sektenkeule zugeschlagen. Die Gründer und Leiter neureligiöser Gruppen werden als Sektenführer, Bauern- und Rattenfänger, falsche Propheten, skrupellose Obergurus, hybride Sinnfahnder, selbsternannte Sprachrohre Gottes, Scharlatane, hellseherische Tieftrance-Akrobaten, pseudo-mystische Überflieger, scheinheilige Zuhälter für Tempelhuren, pseudoreligiöse Bandenchefs, machtgeile Menschenmanipulationsmaschinisten verunglimpft, verspottet und verhöhnt. Sie hätten, so wird ununterbrochen kolportiert, nichts anderes im Sinn, als die Jugend zu gefährden und zu schädigen. Die Sektenmitglieder aber sind natürlich die armen, hilflosen Verführten, die um jeden Preis “gerettet” werden müssen.

    Von den zehn vom Autor detailliert beschriebenen Methoden, welche die Kirche zu diesem Zweck anwendet, ist die Sektenkeule die erste, die Verunglimpfung der Sektengründer die zweite Taktik. Weitere Vorgehensweisen sind unter anderem die Verächtlichmachung neureligiöser Gruppen als Okkultismen und Irrationalismen, die Abwertung als Synkretismen, die Einspannung von Staat, Eltern- und Bürgerinitiativen in die kirchliche Verfolgung, die massive Einflußnahme auf die Medien, die Mär vom “ungeheuren Reichtum” der “Sekten” und das hysterische An-die-Wand-malen eines Massen(selbst)mordes.

    Die zahllosen aktuellen Fallbeispiele, die Mynarek zur Verdeutlichung beizieht, untermauern seine These vom ungebrochenen Denken und Wirken der Kirchen in Richtung Scheiterhaufen. Sein Fazit: Die Kirche hält sich allein durch eine ungeheuer negative Energie des Hasses, der Grausamkeiten und der fanatischen Attacken auf Andersdenkende am Leben, denn ihre Existenz hängt an der Existenz derer, die sie zu Feinden erklärt. Gleich einem Vampir muß sie das Leben, das in den “anderen” pulsiert, für sich abzapfen, um sich selbst vor dem Untergang zu retten.

    Zum Schluß präsentiert der Autor dem Leser als “(Zusammenfassende) Anleitung für neue Inquisitoren” neun “goldene” Inquisitionsregeln. Dieser letzte Teil des Buches gibt Antwort auf die Frage, wie ein angehender Sektenbeauftragter zu sein und zu denken, woran er zu glauben hat, damit er als neuer Inquisitor in den Amtskirchen Karriere machen kann. Die erste und wichtigste Regel lautet: “Right or wrong – my church!” Der Anwärter muß also davon überzeugt sein – oder zumindest gegen außen so tun als ob – daß sich alles Heil in der Kirche und alles Unheil außerhalb der Kirche, und da vor allem in den “Sekten” befindet. Intern sind auch die schlimmsten Lügen und die gemeinsten Verleumdungen ethisch gerechtfertigt – und somit entschuldbar –, wenn sie nur pro ecclesia, also im Dienste der Kirche, zu ihrer Verteidigung oder zur Mehrung ihres Ansehens geschehen. Mal wieder heiligt der Zweck alle Mittel.

    Aus Dankbarkeit dafür, daß der Theologe der zweiten oder gar dritten Garde aus dem eintönigen und langweiligen Dorf entkommen konnte, wo bestenfalls noch ein paar alte Leutchen seine Predigten über sich ergehen lassen würden, wird er alles tun, um – wenn schon nicht von den Kirchenfürsten, so doch von den Medien – als “Sektenexperte” ernstgenommen zu werden.

    In diesem leicht schnoddrigen Stil, der vom gewichtigen Hauptteil des Buches weit abfällt und wahrscheinlich sarkastisch wirken soll, folgen die weiteren Regeln. Schade, daß Mynarek das Psychologisieren nicht lassen konnte. Das Werk hätte wahrlich keinen Schaden genommen, wenn dieser Teil ausgeblieben wäre, im Gegenteil: Es wäre ein in sich geschlossenes, gewissenhaft recherchiertes und fundiertes Standardwert für jeden gewesen, der nicht bereit ist, sich mit kirchlichen Platitüden abspeisen zu lassen, wie sie beispielsweise von Papst Johannes Paul II. zu hören sind, wenn er die Inquisition zwar zugibt, sich aber zugleich weigert, der Kirche als solche die Schuld an den Greueltaten ihrer eigenen Institution zuerkennt, sondern die Last vielmehr auf übereifrigen und vielleicht etwas vom Weg abgekommene Gläubige abzuwälzen versucht.

    Trotz dieses Fauxpas ist dieses Werk unbedingt empfehlenswert, denn Mynarek veranschaulicht überzeugend, daß Duldsamkeit trotz der Liebe predigenden Kirche nicht deren Sache ist, und daß die daraus resultierende inquisitorische Verfolgung aller Abweichler wesentliches Merkmal der Institution Kirche war, ist und auch bleiben wird. In Ewigkeit, amen.




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