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    Turmbau zu Babel – Modell “20. Jahrhundert”


    (mp) Die Türme von Babel werden heutzutage nicht mehr mit gebrannten Lehmziegeln erbaut, die dann mit Erdpech als Mörtel zusammengehalten werden. Aber noch immer heißt es munter wie anno dazumal in der Bibel: “Auf, bauen wir uns […] einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel, und machen wir uns damit einen Namen …” (Genesis 11; 1-9).

    Die beiden Spitzen, die dem Himmel derzeit am nächsten kommen, ragen in Kuala Lumpur, der Hauptstadt von Malaysia, in die Lüfte. Sie gehören beide zum selben Gebäude und sind – ohne Einbeziehung der Antennen gemessen – stolze 452 Meter hoch.

    Nachdem in Melbourne (Australien) im letzten April die Pläne für einen 560 Meter hohen Turm verworfen wurden, hat Taiwan nun realistische Chancen, den malaysischen Höhenrekord zu brechen. Schon im Januar wurde in Hsinyi der Grundstein zu einem 101-stöckigen Gebäude gelegt, das 508 Meter hoch werden soll. Die Konstruktion des Turms beginnt planmäßig im Juni, und schon im Oktober sollen die hochfliegenden Absichten verwirklicht sein. Die geschätzten Kosten belaufen sich auf USD 593 Millionen. Nicht uninteressante 60% davon übernimmt Japans Kumagai Gumi, je 20% die taiwanesischen Firmen RSEA Engineering Corp und Ta-yo-wei Construction Co.. RSEA gehört dem Staat, und Ta-yo-wei ist eine Tochterfirma der Koo's Group, welche sowohl die Chinatrust Commercial Bank als auch Taiwan Cement kontrolliert.

    Das Expansionsstreben geht aber bei weitem nicht nur in die Höhe. Angesichts der Tatsache, daß trotz weltweiter und durchaus intensiver Bemühungen (Kriege samt der durch diese geschaffenen Seuchenherde) die Todesrate noch immer zu niedrig ist, wird die Landmasse für die Menschheit einfach zu klein. Daß sich dieses Problem zuallererst in den jetzt schon bevölkerungsstärksten Gebieten der Erde bemerkbar macht, liegt auf der Hand.

    Was die Volksrepublik China als Vorsorgemaßnahme plant, läßt die niederländischen Bemühungen um Landgewinn im Vergleich wie kleinkindliche Sandkastenspiele aussehen. Allein in den Küstenregionen wird laut Regierungserklärung das Bevölkerungswachstum im nächsten Jahrhundert auf 20 bis 30 Millionen geschätzt. Die existierende Landfläche, so rechnen chinesische Experten vor, werde nicht mehr ausreichen. An der 18.000 Kilometer langen Küste kann deshalb in den nächsten 40 bis 50 Jahren über eine Million Hektar neues Land aus dem Meer gewonnen werden, so sehen es zumindest die aktuellen Pläne der Provinz Zhejiang vor. In “NeuChina” sollen nicht nur Menschen sondern auch Arbeitsplätze (in Form von Land- und Forstwirtschaft, Industrie und Tourismus) angesiedelt werden.

    Angenommen dieses Projekt würde erfolgreich zu Ende geführt, könnte Australien in wenigen Jahrhunderten über Taiwan, die Philippinen, Indonesien und Papua-Neuguinea auf dem Landweg erreichbar werden. Als interessanter Nebeneffekt wäre die Tatsache zu bezeichnen, daß man damit der expandierenden Piraterie vor Chinas Küsten endgültig das Handwerk legen würde. Dafür dürfte dann – poetischer Ausgleich – das altehrwürdige Handwerk der Buschklepper und Straßenräuber zu neuen zweifelhaften Ehren gelangen.


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