(mp) Die Paläontologen und Archäologen haben es heutzutage schwer. Mit Hängen und Würgen versuchen sie auf Teufel komm raus, unsere Entstehungsgeschichte bei jedem neuen oder neudatierten Fund aufs neue lückenlos nachzuweisen. Wer und was hat wann und wie gelebt? Ist die Wiege der Menschheit nun tatsächlich Afrika oder etwa doch nicht? Sind die Neandertaler nun unsere Verwandten oder nicht? Sind die Dinosaurier, die teilweise ja verflixt lange Hälse hatten, die aber laut neuesten Berichten gar nicht imstande waren, die Köpfe bis zu den Baumkronen zu heben, infolge eines Meteoriteneinschlags ausgestorben, oder gab es nicht doch eine andere Ursache?
Die Geschichte unseres Heimatplaneten ist mit Rätseln gepflastert. Wie kommt es, daß die ersten Nachweise einer Lautschrift mindestens 200 Jahre älter sind als die der altägyptischen Hieroglyphen? Wer hat nun wirklich das unverzeihliche Verbrechen begangen, Amerika zu entdecken? Was um Himmelswillen haben die römischen Legionäre im Osten Chinas verloren, gesucht oder gefunden? Was wollte der Eismann Ötzi uns mit seinen Tätowierungen mitteilen?
Fragen über Fragen, die uns allen erspart geblieben wären, hätten denn unsere Vorfahren nur die Gefahr erkannt, von ihren fernen Nachfahren völlig falsch eingeschätzt und beurteilt zu werden und entsprechend PR-Vorsorge getroffen, anstatt fröhlich keulenschwingend in den Tag hineinzuleben. Aber vielleicht fehlten ihnen ja auch ganz einfach die technischen Mittel, die heute schon Hinz und Kunz zu Verfügung stehen, um der Nachwelt ein lückenloses Bild ihrer Zeit zu hinterlassen.
So will denn der französische Künstler Jean-Marc Philippe mit seinen Helfern unseren eigenen Nachfahren, wenn es denn jemals solche geben sollte, die Sisyphusarbeit des Rätselratens und des wilden Spekulierens ersparen. Angestrengt sammelt das Team Botschaften und Informationen aus dem Internet, die auf einer CD gespeichert werden. Zusammen mit anderen wichtigen Zeugnissen unserer Zeit beispielsweise Proben von Meereswasser und Luft, einem Diamanten, einem menschlichen Blutstropfen, Bildern von Menschen und ähnlichem Kram soll dieses Paket im Jahre 2001 per Satellit ins All geschossen werden. 50.000 Jahre lang soll der Trabant dann seine Runden drehen, bevor er wieder in die Erdatmosphäre eintaucht. Sein Hitzeschild, der mit den Luftmolekülen reagieren wird, soll ein Signal entstehen lassen, das wie ein Nordlicht aussieht. So wird die Kapsel unsere Nachkommen auf sich aufmerksam machen, und damit den Archäologen der Zukunft genug Material in die Hände spielen, damit sie ein vorgeblich echtes, ein objektives Bild von der heutigen Zeit bekommenen.
Kleiner Denkfehler: Objektivität gibt es nämlich nicht. Welches Bild will der gute Mann der Zukunft da von uns vermitteln? Was sollen die Bilder heutiger Menschen schon aussagen? Sind es Bilder von wohlgenährten, lachenden und spielenden Menschen? Sind es Bilder von verzweifelten, frierenden und hungernden Flüchtlingshorden oder von zerfetzten Leichen in ausgebombten Städten? Sind es Bilder von in hellen, großen, pflanzenbestückten Büros, herrschenden Direktoren oder von Kindern, die sich ihr tägliches Brot mit Schuheputzen oder dem Nähen von Lederfußbällen verdienen?
Soll der Diamant den Wohlstand symbolisieren oder die Härte, mit der das Gute vom Bösen und die Armen von den Reichen getrennt werden? Sollen der Blutstropfen, die Wasser- und die Luftproben womöglich dazu dienen, die Schöpfung des heutigen Menschen zu wiederholen? Und wer zum Teufel ist Jean-Marc Philippe, daß er sich anmaßt, seinen spezifischen Realitätstunnel zum Maß aller Dinge zu erklären, ungebeten über uns zu verfügen und vorgeblich objektive Aussagen über uns zu treffen, ohne uns wenigstens mal zum Mittagessen eingeladen zu haben? Der schlichtweg über unsere Köpfe hinweg ohne uns auch nur zu fragen, ob wir damit überhaupt einverstanden sind in unserem Namen natürlich falsches, nämlich zwangsläufig entstelltes Zeugnis abzulegen sich erdreistet?
Es steht zu befürchten: Wenn die Finder der fernen Zukunft auch nur einen Hauch der Eigenart Neugier in sich haben, werden sie trotz der vielleicht sogar als drohend erkannten Gefahr das Ding nicht unbesehen vernichten, selbst wenn die Archäologen, falls es denn diese Berufsgattung in 50.000 Jahren noch geben sollte, sich damit ihrer eigenen Existenzgrundlage berauben werden. Doch das bleibt eine eher theoretische Gefahr, denn es dürfte sich wohl eher umgekehrt entwickeln: Da nichts dem Menschen, allen gegenteiligen Behauptungen zum Trotz, ferner liegt als verbindliche Eindeutigkeit, wird das immerkreiselnde Karussell der gegenläufigen Interpretationen und Spekulationen dadurch nur noch einen weiteren Anstoß erhalten. Und es ist ja auch nicht völlig auszuschließen, daß um diese Elendszeitkapsel auch noch ganze Cargo-Kulte entstehen. Dann hätte sich Jean-Marc Philippe auch noch selbst posthum ein Denkmal als Religionsstifter gesetzt. Wie Opa einst gesagt hätte: Ordentlich versohlt gehört er, der Lausebengel!
Zu hoffen bleibt daher nur, daß man in ferner Zukunft nicht das geringste Interesse an Nordlichtern haben wird.