Unter dem ganzen Propaganda-Getöse um den Jugoslawien-Krieg, primär von NATO-Seite sowie der nicht mehr ganz so taufrischen und ihrer politischen Unschuld (sollte es eine solche tatsächlich jemals gegeben haben) gründlich beraubten deutschen Bundesregierung, geht nur zu leicht unter, worum es bei diesem Unterfangen eigentlich geht. Nein, nicht die obszöne Neusprech-Formel von der humanitären Bombardierung soll uns blenden; wie es um die angebliche Sorge die Kosovo-Vertriebenen und -Flüchtlinge beider Seiten betreffend steht, wird uns noch heute täglich vorgeführt.
Gewiß, es hat bereits Kommentatoren gegeben, die glasklar formulierten, daß dies ein von den USA geführter Krieg gegen den Euro war (ist?) das ist zwar im Kern richtig, wie es auch kein Zufall ist, daß es die Europäische Union plötzlich nicht eilig genug haben kann, das längst totgeglaubte und bereits in den 50er Jahren beerdigte Militärbündnis der Westeuropäischen Union (WEU) und damit konsequenterweise auch die über Jahrzehnte für ebenso mausetot gehaltene Europäische Verteidigungsgemeinschaft (EVG) aus der Mottenkiste hervorzukramen und wieder zu reaktivieren eine eindeutigere, gegen die US-dominierte NATO gerichtete Maßnahme ist beim gegenwärtigen Stand des Konfliktmanagements kaum denkbar.
Und auch die gelegentlich gestreute Behauptung, daß damit letztlich nur ein seit nunmehr genau zehn Jahren subkutan schwelender Grundzwist zwischen der Möchtegern-Neu-Großmacht BRD und den USA zugespitzt wurde, ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Immerhin war es die Bundesrepublik, die mit ihrer vorschnellen, weder mit den europäischen noch, wie es scheint, den amerikanischen Partnern abgesprochenen Anerkennung erst Kroatiens und später Sloweniens ihr traditionelles eigenes Süppchen in Sachen Balkanpolitik kochte, wie es schon das Kaiserreich tat und wie es Adolf Hitler später fortsetzte. Die mehr als verschnupften seinerzeitigen Reaktionen vor allem aus London und Paris sowie deren unverhohlene anfängliche Unterstützung der serbischen Sache in Bosnien-Herzegowina ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Die deutsche Politik hat den Balkan eben schon immer als ihren eigenen Hinterhof betrachtet, vergleichbar mit dem Verhältnis der USA etwa zu Mittelamerika und zur Karibik, so daß man sich nach Titos Tod nicht von Franzosen, Engländern und anderen Mächten (insbesondere Rußland) die Butter vom Brot klauen lassen wollte. Da paßt es gut ins Bild, daß die deutsche Regierung seit dem 24. März 1999 weiterhin in durchschaubarster Doppelzüngigkeit damit fortfuhr, ihren militärisch eher negligiblen Beitrag zu dem Balkan-Unterfangen zu leisten, um daselbst Flagge zu zeigen (und dies keineswegs nur gegenüber den amerikanischen Falken, die es ganz offensichtlich unter anderem auf ein Loyalitäts-Showdown innerhalb der NATO abgesehen hatten sowohl die lokalen Zampanos als auch ihr russischer Patron sollten zweifelsfrei erfahren, wohin der frische deutsche Wind weht), gleichzeitig aber ebenso schamlos den Sieg an der diplomatischen Front für sich zu reklamieren: ein außenpolitisches Husarenstück, das nicht zuletzt durch die tatkräftige Unterstützung der insgesamt wie gleichgeschaltet agierenden Medien derzeit sogar zu gelingen drohte, wenn da nicht ja wenn da nicht noch ein anderer Mitspieler dabei wäre, dem man vielleicht doch ein wenig zu nachhaltig deutlich gemacht hat, welches Schicksal man ihm in der nun endgültig angebrochenen Neuen Weltordnung zuzuweisen gedenkt.
Die Rede ist vom sprichwörtlichen russischen Bären, den man, wie einige unserer Quellen es formulieren, erst stark verwundet hatte (anstatt ihn gleich völlig zu erledigen), um ihn dann an der Leine vorführen zu wollen ein Unterfangen, auf das sich niemand einlassen würde, der a) etwas von Bären versteht, und b) generell noch ganz bei Sinnen ist. Dementsprechend ging die Operation auch gründlich schief: Russische Fallschirmjäger schufen in Pristina erst einmal vollendete Tatsachen, und die beschwichtigenden Behauptungen aus dem moskauer Außenministerium konnten nicht darüber hinwegtäuschen, daß sie nicht etwa, wie in Antwort auf westliche Sprachlosigkeit zunächst angekündigt, sofort wieder umkehrten sondern einfach blieben. Daselbst baten sie dann nach einer Weile britische Truppen um Wasservorräte, die man ihnen auch eiligst zukommen ließ höchstwahrscheinlich eine Nagelprobe, die von Seiten der NATO freilich in einem ganz anderen Licht dargestellt wird. Als ob russische Truppen, die, schon zum zweiten Mal in diesem Jahrhundert von der serbischen Bevölkerung als Befreier umjubelt, erst in eine Provinz Jugoslawiens einmarschieren, dann ausgerechent die Briten um Wasser anbetteln müßten
Daß es sich bei diesem Einmarsch auch keineswegs um ein amateurhaftes Versehen gehandelt hat, macht schon allein die Tatsache deutlich, daß der befehlshabende General vom russischen Staatspräsidenten Boris Jeltzin prompt befördert wurde, was die meisten westlichen Medien bisher elegant übergangen haben.
Freilich macht sich etwas vor, wer die ganze Operation nun auf das Konto Westen unterschätzt Rußland peinliche Schlappe für US- und NATO-Außenpolitik verbuchen möchte. Nicht daß Patzer, auch solche dieser Größenordnung, völlig undenkbar wären. Was jedoch gegen eine rein unfreiwillige Provokation Rußlands spricht, ist viel zu massiv, um dieser These Glaubwürdigkeit zu verleihen:
Der eigentliche Beginn des Kosovo-Konflikts liegt, wie auch eine unserer Quellen betont, im Irak des Dezembers 1998: Da entscheiden sich die USA mit ihren britischen Steigbügelhaltern, den Irak einem viertägigen Bombardement zu unterziehen, ohne dies zuvor mit Rußland oder gar dem Weltsicherheitsrat abzusprechen. Das muß die Russen naturgemäß verärgern und stellt perfiderweise gleichzeitig einen Freibrief für Slobodan Milososevic und seine den Westen bewußt provozierende Kosovo-Politik dar, der nun völlig zurecht davon ausgehen darf, daß seine slawischen Verbündeten es kein zweites Mal tatenlos hinnehmen werden, sich vom Westen wie ein Tanzbär vorführen zu lassen.
Als schließlich der Kosovo-Krieg offiziell ausbricht, leistet Rußland dem verbündeten Jugoslawien/Serbien ganz offen militärische, wirtschaftliche und politisch-diplomatische Unterstützung.
Erst soll der jugoslawischen Seite in Rambouillet ein Abkommen aufgezwungen werden, das einer Besetzung Gesamtjugoslawiens (also nicht etwa nur des Kosovo) durch die NATO gleichkommt, was kein militärisch einigermaßen intakter, souveräner Staat (und kein Staatsmann, der nicht gerade Selbstmordabsichten hegt) akzeptiert hätte. Nicht nur daß die NATO-Truppen volle rechtliche Immunität genießen sollen, auch die unentgeltliche Bereitstellung jugoslawischer Flughäfen sowie die völlige Funkhoheit über das gesamte Funkspektrum sind darin vorgesehen. Von der NATO angeheuerte Ortskräfte sollen für ihr dienstliches Tun wie auch für alle im Dienst getätigten Äußerungen von keinem jugoslawischen Gericht zur Rechenschaft gezogen werden können, ihre Einkommen sollen steuerfrei bleiben (!), NATO-Truppen wird das Recht eingeräumt, nach Belieben überall im Land ihre Biwaks aufzubauen und sich darin auch noch von den lokalen Behörden unentgeltlich unterstützen zu lassen, usw. So etwas nennt man gemeinhin ein Besatzungsstatut einem im Felde unbesiegten Gegner derlei zuzumuten und gleichzeitig austernäugig zu behaupten, man habe jeden erdenklichen Verhandlungsspielraum ausgeschöpft (O-Ton Joseph Fischer, Bundesaußenminister) überschreitet nicht nur marginal die Grenze zur Volksverdummung.
Dann wird ohne Rücksicht auf Verluste bombardiert (selbstredend unter dem propagandistischen Deckmantel bedauerlicher Kollateralschäden einschließlich angeblich ungewollter Tötung, Verstümmelung und Verwundung von Zivilisten etwas, wie NATO-General Wesley Clark neulich zugab, von Anfang an mit eingeplant worden war), um die restjugoslawische Gesamtinfrastruktur (natürlich einschließlich der zivilen) in Schutt und Asche zu legen.
Die fadenscheinige Begründung der Bombardierung der chinesischen Botschaft in Belgrad, man habe einen Stadtplan aus dem Jahr 1992 verwendet, klingt nicht nur in den Ohren der breiten Öffentlichkeit wie der blanke Hohn: Ausgerechnet die CIA, die immerhin seit Jahrzehnten federführend den aufgrund seiner akribischen Zuverlässigkeit und Aktualität international geschätzten Weltalmanach CIA World Fact Book herausgibt, soll über keine neueren Stadtpläne ausgerechnet des alten Balkangegners Belgrad verfügen? Nein, hier wird der russischen Seite noch mehr als der chinesischen Seite deutlich signalisiert, wie die neuen Karten verteilt sind und wohin sie sich ihr Vetorecht im Weltsicherheitsrat künftig hinschmieren kann jedenfalls nach Auffassung der Amerikaner, die übrigens jetzt schon deutlich gemacht haben, daß sie die Europäer auf den Kriegsschäden sitzenlassen werden: Wer könnte sich eine wirksamere Maßnahme zur Schwächung des ohnehin nicht gerade vor Stabilität strotzenden Euro ausdenken?
Überhaupt die makroökonomischen Hintergründe: Die schon vor geraumer Zeit erfolgte Ankündigung des deutschen Bundeskanzlers, man könne für eine dringend erforderliche Entschuldung Rußlands bzw. für eine Neuabsicherung der zahllosen faulen Kredite durchaus eine Lösung finden, beispielsweise die Beteiligung deutscher Kreditinstitute an russischen Banken (im Klartext: die völlige Übernahme des russischen Banksystems durch die deutsche Kreditindustrie und somit die volle deutsche Kontrolle über die russische Wirtschaft) dürfte in Washington bei aller vorgehaltenen äußeren Ruhe die blanke Panik ausgelöst haben. Denn von hier bis zur völligen Ablösung des US-Dollars als russische Zweit-, in Wirklichkeit natürlich: einzig ernstzunehmende Zentralwährung durch den Euro wäre nur der nächste logische Schritt was wiederum eine globalisierte (hier stimmt das Wort einmal) Lawine lostreten könnte, und dies vor allem im arabischen und asiatischen Raum, die die USA im wahrsten Sinne des Wortes über Nacht im buchstäblichen Hemd dastehen lassen würde: wenn nämlich die zirka 6 Trillionen USD Auslandsschulden plötzlich zur Begleichung anstünden, die ja immerhin (in Form von Treasury Bonds) staatlich garantiert ist. Mag sein, daß ein solches Horror-Szenarium nur das Produkt der sprichwörtlichen amerikanischen Paranoia in Sachen Weltpolitik entspringt aber von einem Verbündeten, der gleich nach Amtsantritt den fortlaufenden Milchwert der heiligen NATO-Kuh Vorbehalt des atomaren Erstschlags öffentlich in Zweifel zieht, wird man in Washington wohl noch viel schlimmere Dinge erwarten.
Als nächster Schritt wird nach langem diplomatischen Hickhack der ohnehin schon völlig verprellte russische Partner im Zuge der G8-Vereinbarung dazu überredet, in Belgrad zu vermitteln; doch obwohl er klar macht, daß er nicht gedenkt, sich zum Laufburschen der NATO degradieren zu lassen und dem Milosevic-Regime lediglich die zu unterzeichnende Kapitulationserklärung zu überbringen nachdem also bereits im Vorfeld ausdrücklich eine Kompromißlösung vereinbart wurde, werden die russischen Unterhändler seitens der NATO öffentlich desavouiert und der Lächerlichkeit preisgegeben, ja bis aufs Blut gedemütigt, indem diese nämlich allen Vereinbarungen zum Trotz lautstark ihren Sieg hervorkräht, wider besseres Wissen die vermeintliche Kapitulation Serbiens verkündet und die russischen Vermittler sowohl innenpolitisch als auch in den Augen ihrer serbischen Bundesgenossen wie die letzten Dorftrottel dastehen läßt.
Nachdem die serbischen Generäle noch, den Versicherungen ihrer russischen Protektoren Glauben schenkend, an eine Kompromißvereinbarung glauben, werden sie bei den Umsetzungsgesprächen von ihren NATO-Gesprächspartnern erneut vor den Kopf gestoßen, als diese ihnen nämlich eine nicht verhandelbare Forderungsliste präsentieren und ihnen bedingungslose Unterwerfung abverlangen worauf die jugoslawischen Militärs, was durchaus nachvollziehbar scheint, erst einmal die Unterschrift verweigern und einen russischen General zu Hilfe holen, der dann freilich auch nur noch den Vorsitz über das Scheitern der Erstverhandlungen führen kann. Als wenn es die NATO-Bombardements gewesen wären, die ein Einlenken des Milosevic-Regimes bewirkten!
Das in seiner Lächerlichkeit hochpeinliche einwöchige Gerangel der NATO, die zwar schon längst ihren Generalsieg verkündet hat wie ein Zweijähriger seinen ersten Haufen auf dem Töpfchen, andererseits aber kleinlaut erst die Genehmigung der angeblich völlig besiegten Serben abwarten muß, um mit ihren bis dahin nur däumchendrehenden Bodentruppen in das Kosovo einmarschieren zu dürfen, macht der Welt überdeutlich, daß die größte Streitmacht der Welt samt ihrer Verbündeten es hier keineswegs mit einem militärisch geschlagenen Gegner zu tun hat.
Gleich was die US-Außenministerin derzeit mal wieder an propagandistischen Nebelkerzen abfackeln mag: Eine Unterstellung der gesamten Kosovo-Friedenstruppe unter ein NATO-Oberkommando wurde beim letzten G8-Gipfel ebensowenig vereinbart wie die dazugehörige Unterordnung der russischen Soldaten. Letzteres wurde übrigens von NATO-Sprecher Jamie Shea in einem BBC-Hardtalk-Interview ausdrücklich hervorgehoben. Dennoch tut die NATO bis heute so, als sei die Unterordnung der russischen Truppen unter NATO-Oberbefehl die schiere Selbstverständlichkeit: Womit natürlich auch UNO und Weltsicherheitsrat ein weiteres Mal aus dem Rennen wären.
Das gegenwärtige skandalöse Verhalten der NATO in ihrem im Aufbau befindlichen Protektorat Kosovo zeigt deutlich, wie wenig nach wie vor auf russische Interessen und Erklärungen Rücksicht genommen wird: Nicht die geringste Spur einer Entwaffnung der UÇK, die nun überall waffenstrotzend herumstolziert und serbische Zivilisten wie Freiwild behandelt.
Das erklärte Vorhaben der NATO, serbische Zivilisten zum Bleiben zu bewegen, indem man ihnen denen man vor knapp zwei Wochen noch die Echtheit seiner Zuneigung mit Raketen und Kassettenbomben vorgeführt hat wertlose weil völlig unverbindliche Sicherheitsgarantien zu verkaufen versucht, ist vom gleichen Erfolg gekrönt wie das behauptete Kriegsziel, eine Massenvertreibung aus dem Kosovo zu verhinden. Schiere amateurhafte Inkompetenz? (Was will man erwarten, wenn Sozialisten schon Krieg führen , ließ sich neulich eine, allerdings ziemlich rechtslastige amerikanische Stimme vernehmen.) Mag sein, doch den Russen und ihren serbischen Verbündeten muß dies zwangsläufig wie eine Vertreibungspolitik mit umgekehrten Vorzeichen erscheinen. Und liegen sie damit wirklich so falsch? Immerhin operiert die NATO ebenso wie die ihr zugehörigen Regierungen mit immer ungenaueren Zahlen, was die Zahl der Vertriebenen und Flüchtlinge betrifft: War in der ersten Zeit noch vollmundig von bis zu 1,2 Millionen die Rede, sprach der deutsche Kriegsminister Scharping noch vor drei Wochen von etwa 800.000, um dann vor wenigen Tagen mit der Zahl 600.000 herauszurücken. Fakt ist jedenfalls, daß sowohl USA als auch NATO die unbestrittene Massenvertreibung von etwa 300.000 Serben aus der kroatischen Krajina damals wohlwollend billigten, ohne auch nur einen Finger zu rühren. Da darf man weder von den Serben noch von den Russen erwarten, daß sie noch irgendwelchen NATO-Versicherungen über den Weg trauen. Wenn es den NATO-Staaten, wie ja vielfach behauptet wurde (was freilich in jedem Krieg der Fall ist), tatsächlich auch um Glaubwürdigkeit gegangen sein sollte, so darf diese inzwischen jedenfalls als gründlich verwirkt gelten.
Von den Mainstream-Medien bisher so gut wie unbeachtet, aber vielleicht die folgenschwerste Entwicklung überhaupt: Die NATO verlangt sowohl von Ungarn als auch von der Ukraine (eindeutig kein NATO-Mitgliedsstaat), ihren Luftraum für russische Militärtransporte zu sperren. Erst auf russischen Druck hin nimmt die Ukraine ihre entsprechende Zusage schließlich wieder zurück und gewährt den Russen doch noch Überflugsrechte. Damit ist für die Hardliner innerhalb der russischen Streitkräfte das Maß endgültig voll: So wurde seitens des Westens deutlich gemacht, wie hilflos, isoliert und umzingelt der russische Bär bereits ist. Alle russischen Vorbehalte gegen die Osterweiterung der NATO werden auf einen Schlag bestätigt: Denn die Ukraine gehört seit jeher (auch nach Auflösung der Sowjetunion) zur ureigensten Interessensphäre Rußlands. Nun aber wird mit einem Schlag offenbar, daß Rußland sich auf diesen klassischen Verbündeten nicht mehr wird verlassen können. Im Laufe der Geschichte wurden schon oft aus sehr viel geringerem Anlaß Kriege geführt. So wird jedenfalls auch erklärbar, daß Rußland zum ersten Mal seit Ende des Kalten Krieges durch seinen Einmarsch in Pristina eine direkte militärische Konfrontation mit dem Westen riskiert. Sollte sich an der westlichen Politik nichts fundamental ändern, dürfte dies freilich nicht das letzte Mal gewesen sein.
Während die USA, würdig vertreten durch ihre Frau fürs Grobe Madeline Albright, munter damit beschäftigt sind, in kürzester Zeit soviel diplomatisch-politisches Porzellan zu zerschlagen wie nur eben möglich, um jedwede Annäherung der Europäischen Union an den russischen Bären bereits im Keim zu ersticken, pflegen die Europäer, allen voran die Deutschen, ihr eigenes politisches Doppelspiel: Soviel schmeichlerisches Lob, soviel unverhohlene Gunstbezeugungen in Richtung Moskau und soviel diplomatischer Charme dem Bären gegenüber wie in den letzten acht Wochen wurde weder aus Europa noch aus Bonn jemals versprüht und es dürfte kaum die diplomatische Finesse der Amerikaner gewesen sein, die die Russen auf dem G8-Gipfel dazu bewegte, sich überhaupt noch einmal auf Vermittlungsbemühungen in Belgrad einzulassen.
Die um ihre globale Gangführerstellung bangende Un-Großmacht USA (denn zu einer wirklichen Großmacht fehlt ihr außer dem Militärmuskel so gut wie alles, von den Führungsqualitäten bis zur wirtschaftlichen Stärke und zur ideologischen Substanz), deren militärpolitische Spezialität bisher mit Ausnahme der beiden Weltkriege (in die sie übrigens förmlich hineingeprügelt werden mußte) stets darin bestand, immer nur eindeutig unterlegene Länder anzugreifen und in die Knie zu zwingen (was freilich in Vietnam gründlich in die Hose ging), sieht jede europäisch-russische Annäherung mit äußerstem Argwohn. Das ist sogar verständlich, denn eine derartige Entente kann unmöglich im amerikanischen Interesse liegen, so wie eine starke zweite Weltleitwährung namens Euro die Stellung der USA insgesamt nur schwächen kann, ja dies sogar ausdrücklich soll, wenn man die einschlägigen Äußerungen beispielsweise französischer Spitzenpolitiker (und zwar keineswegs nur jener des Front National) ernstnehmen darf. So werden denn auf europäischem Boden gegenwärtig soviele amerikanische Kuckuckseier gelegt, wie es unter wenigstens vordergründiger Wahrung des Scheins gerade noch vertretbar ist. Eine böse Brut, an der Europa möglichst noch jahrhundertelang tragen soll und vielleicht auch tatsächlich zu tragen haben wird.
Ob diese Rechnung tatsächlich aufgeht, bleibt abzuwarten. Wahrscheinlich ist, daß der nächste Krisenherd entweder Baltikum oder Kaukasus heißen wird. Der russische Bär ist bereits fast lückenlos eingekreist aber gerade dann sind Bären, vor allem verwundete, am gefährlichsten. Schon heute erhalten unseren Quellen zufolge sowohl Armenien als auch abchasische Separatisten immer massivere militärische Unterstützung aus Rußland: Damit sollen die vom Westen favorisierten Staaten Aserbaidschan und Georgien in Schach gehalten werden.
All das ist mehr als ein nur milde bedenkliches Spiel mit dem Feuer: Rußland mag vielleicht wirtschaftlich am Boden liegen, wie die westliche Propaganda nicht müde wird zu behaupten doch über seine militärische Stärke oder Schwäche sagt das in Wirklichkeit nicht allzuviel aus. Wie eine unserer Quellen richtig vermerkt: Erstens besteht der überwiegende Teil der russischen Ökonomie schon seit Jahrhunderten aus einer reinen Schattenwirtschaft, über die keine verläßlichen statistischen Daten zu bekommen sind; zweitens bedeutet die Reparatur- und Instandsetzungsbedürftigkeit militärischen Geräts lediglich, daß es für viele, viele Leute wieder eine Menge zu tun gibt; drittens haben sowohl Napoleon als auch Hitler zu ihrem Leidwesen erfahren müssen, daß die Russen durchaus dazu imstande sind, ihre Schattenökonomie wieder in den politisch-militärischen Gesamtprozeß einzugliedern, um sämtliche verfügbaren Ressourcen zu organisieren und wirkungsvoll darauf aufzubauen, wenn es denn wirklich hart auf hart kommen sollte.
Es scheint daher nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis man sich in Rußland endgültig auf die alte Weisheit besinnt, daß ein massives Aufrüstungsprogramm, verbunden mit militärischen Aktivitäten außerhalb der Landesgrenzen, bisher noch jeder Wirtschaft als (wenigstens vorübergehende) Belebungsspritze gedient hat. Zudem übertünchen Kriege im Äußeren bekanntlich wirkungsvoll alle inneren Spannungen. Nimmt man noch die sprichtwörtliche, gerade von Russen immer wieder gern beschworene Leidensfähigkeit der russischen Bevölkerung hinzu, wäre der Westen gut beraten, in naher und mittlerer Zukunft etwas samtpfotiger aufzutreten und sich nicht weiter in der Pose des Bärenschinders zu gefallen.
Allerdings gilt seit der Reagan-Ära für die amerikanische Außen-, Verteidigungs- und Sicherheitspolitik die Doktrin, daß ein Atomkrieg zumindest für die USA eben doch zu gewinnen sei. In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, daß das alte Starwars-/SDI-Programm jüngst wieder hervorgeholt wurde und eine Wiederbelebung erfahren hat. Es wäre töricht zu erwarten, daß Rußland dem tatenlos zusehen wird. Was aber ein Atomkrieg für Europa bedeuten würde, liegt auch auf der Hand. Da macht es nur Sinn, wenn sich die Europäer so schnell wie möglich aus der amerikanischen Umklammerung zu lösen trachten, zumal sie ja selbst ganz unverhohlene Großmachtambitionen hegen. Ob die Zeit allerdings noch reichen wird, um sich aus dem Schlimmsten herauszuhalten, scheint mehr als fraglich.
Fazit: Die Vorbereitungen des 3. Weltkriegs laufen auf Hochtouren. Es dürfte nicht mehr allzu lange dauern, bis die ersten Nachrichten gestreut werden, vielleicht auch tatsächlich nur durchsickern, die von laut nachdenkenden US-Militärstrategen künden, welche ihrer Regierung die Notwendigkeit eines amerikanischen Präventivschlags gegen Rußland plausibel zu machen trachten.
Völlig abwegig? Keineswegs: Immerhin sind die USA bis dato immer noch die einzige Macht der Erde, die von ihrem Atomwaffenarsenal praktischen Gebrauch gemacht hat. Aufschlußreich auch in diesem Zusammenhang mal wieder ein Blick in die Geschichte: Nach dem Atombombenabwurf auf Hiroshima war Japan bereits zur bedingungslosen Kapitulation bereit die Bombe von Nagasaki wäre also militärisch überhaupt nicht mehr erforderlich gewesen. Tatsächllich diente sie keinem anderen Zweck als dem, Stalin zu signalisieren, daß man nicht etwa nur über ein einziges Exemplar dieser neuen Wahnsinns-Wunderwaffe verfügte Kollateralschaden dieser rein politischen Geste waren Hunderttausende von wehrlosen Zivilisten. Es gibt keinen plausiblen Grund , weshalb die amerikanische Politik nicht auch ein weiteres Mal davon Gebrauch machen sollte, um ihren Gegner ebenso einzuschüchtern wie ihre mißmutigen, immer mehr aus dem Ruder scherenden Verbündeten.
Eine Überlegung freilich, zu der auch die Gegenseite imstande ist noch dazu, weil sie durch den jetzigen geopolitischen Status quo und die sich abzeichnende weitere Entwicklung à la ouest möglicherweise zu dem Schluß gelangen könnte, nichts mehr zu verlieren zu haben. Insgesamt also wenig Anlaß zu Optimismus.