(mp) Was nicht niet- und nagelfest ist, läuft immer und überall Gefahr, ungefragt den Besitzer zu wechseln. Kleine Diebe klauen meist auf eigene Rechnung: ein paar Schachteln Zigaretten hier, ein Auto für eine kleine Spritzfahrt da, ein Fahrrad für den ach so langen Heimweg dort. Da nützen alle Vorhängeschlösser und Wegfahrsperren schon längst nicht mehr. Große Diebe aber machen auch große Geschäfte mit ihrer unrecht erworbenen Ware. Abnehmer für steuerbefreites Diebesgut wie Zigaretten, Autos oder Fahrräder zu finden, war noch nie ein unüberwindbares Problem, denn die Kunden reißen sich nur so um die billige Ware. So war's jedenfalls bis vor kurzem.
Wer aber heute etwas auf sich hält, der klaut Käse und zwar im großen Stil.
Begonnen hat die Käse-Klau-Welle im Februar 1998 in England. Dort verschwanden die ersten 3 Tonnen Edamer spurlos aus einem Lagerhaus in Castle Cary. Nur 2 Monate später wurden in der Nähe von Shepton Mallet 4 Tonnen davon gestohlen statistisch bereits eine Steigerung von 33%.
Noch im selben Monat begann der Horror wenn auch etwas bescheidener in Amerika: Ein ganzer Käsestand auf der Wisconsin's International Cheese Technology Expo (tatsächlich, sowas gibt's!) löste sich plötzlich in Luft auf.
Im September wieder zurück im Großbritannien waren es schon 5 Tonnen Cheddar, die auf unerklärliche Weise die Farm in Somerset verließen. Das Entsetzen breitete sich im Königreich blitzartig aus, denn immerhin ist James Montgomery, der Besitzer der Farm, nicht nur Beschicker von Harrods sondern auch Hoflieferant der Königin höchstpersönlich. Im Dezember wurde zur Erleichterung Englands in Australien zugeschlagen: Der preisgekrönten Bega Cheese Company in New South Wales kamen satte 16 Tonnen Käse abhanden.
Und auch Italien hat mittlerweile seinen Käse-Skandal. Ausgerechnet auf dem Weg in die Vereinigten Emirate verdufteten einfach 1.500 Laib Parmesan des Produzenten Magnani Original Grana im Wert von USD 2.2 Millionen. Die Spuren der Käseräder, von denen jedes einzelne immerhin 55 Kilogramm wiegt, konnten zwar vom Produktionsort in der Nähe von Parma bis Bologna, ja später sogar bis Athen verfolgt werden, dort aber verlieren sie sich. Nicht auszudenken, was aus den kulinarischen Spaghetti-Genüssen Italiens werden soll, wenn der bis dato allgegenwärtige Parmesan solcherart knapp wird, Mamma mia!
Und seltsamerweise tappen die Fahnder überall auf der Welt im Dunkeln, denn vom Käse ist bisher kein einziges Gramm auf dem Markt aufgetaucht. Kein Wunder: Beim würzigen Milchprodukt versagen ja sogar die hochgezüchteten Spürnasen selbst der besten vier-, aber offensichtlich auch zweibeinigen Fahnder. Da man aber für die Bestimmung von Motiven kein Licht braucht, mag es nicht erstaunen, daß sich im Reich kriminalistischer Finsternis die Spekulationen derzeit förmlich überschlagen.
Ein Überfallkommando der weltweit gefürchteten HH (Hungernde Horden) unter Führung eines neuen Robin The Cheese Hood, der die Ärmsten dieser Welt mit dem geklauten Mäusefutter versorgt, wird mittlerweile mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen: Die glückstrahlenden Gesichter der Käsegesättigten wären bestimmt aufgefallen.
Die Gerüchte über eine vor einem Jahr neu organisierte Käse-Mafia halten sich dafür ziemlich hartnäckig, auch wenn noch niemandem eine plausible Erklärung eingefallen ist, warum die Drogen-, Müll- und Waffengeschäfte unversehens weniger lukrativ geworden sein sollen. Und überhaupt, wie klingt das schon: Don Gorgonzola!
Auch der immer wieder geäußerte Verdacht der Industrie-Spionage ist kaum auszurotten, obwohl für eine gründliche Analyse wohl kaum tonnenweise Käse gebraucht würde.
Lange kann es nicht mehr dauern, bis der Schuldige wenn schon nicht gefunden, so doch immerhin benannt wird. Auf Orwells Animal Farm gab es Schneeball, das Schwein, dem für all jene Projekte, die trotz perfekter Pläne kläglich scheiterten, standardmäßig die Schuld in die Schuhe pardon in die Hufe geschoben wurde. Doch Orwell ist längst überholt, Schneeball im Schweinehimmel und Saddam Hussein ist auch nicht mehr in. Der heutige Schneeball heißt Milosevic. Und wer mag es morgen sein?