(mp) Die ersten Hinweise auf Computerprobleme zum Jahrtausendwechsel, die es schon Ende der 80er Jahre gab, konnten noch als Phantastereien verschrobener Computerfreaks abgetan werden. Anfang der 90er kam aber selbst die Bundesregierung Deutschlands nicht umhin, sich eingehender mit dem Datumsrisiko zu beschäftigen. 1995 veröffentlichte sie einen umfassenden Report, in dem vor dem nicht unbedenklichen Risiko gewarnt wurde. Und seit etwa einem Jahr sieht man nun vor lauter Bugs das Millenium nicht mehr.
Inzwischen hat die IT-Industrie dem ganzen Phänomen das Kürzel Y2K aufs Auge gedrückt, abgeleitet aus Y für year und 2K für 2.000 (wie in 2 Kilobyte) wobei ihre Kritiker hämisch aber nicht unflott vermerken, daß es just diese Grundeinstellung sei, abzukürzen wo es nur geht, die überhaupt erst zu diesem Problem geführt habe. Denn schließlich geht es ja vor allem darum, daß ältere Hard- wie Software nur mit zweistelligen Jahreszahlen (also '99 statt 1999) zurechtkommt, was ja an sich noch nicht so schlimm wäre, würden die Kalendarien der meisten alten Systeme und Programme nicht erst mit dem 01.01.1980 beginnen, wodurch sie natürlich nicht in der Lage sind, die bald anstehende Jahreszahlabkürzung '00 zu verstehen, die korrekt zu speichern, weiterzuverarbeiten, und so weiter.
Schon vor 2 Jahren tauchten die ersten beweisbaren Probleme im Bankgewerbe auf. Kunden mit einer neu ausgestellten Kreditkarte (gültig von 1997 bis 2000) versuchten meist vergeblich, ihr Geld aus den Automaten zu ziehen. Die Computer registrierten eine Gültigkeitsdauer von 1997 bis 1900 und verweigerten konsequenterweise die Herausgabe der Moneten.
Letztes Jahr begann dann rund um den Globus die große Testphase. Als kleiner Vorgeschmack auf die zu erwartenden Unannehmlichkeiten seien hier nur einige Highlights erwähnt:
Probehalber hatten Mitte März die Stadtwerke Hannover ihre ganze Anlage in die Zukunft geschickt. Die Computer wurden heruntergefahren und die simulierte Testuhr auf kurz vor Mitternacht 31.12.99 gestellt. Als die Systeme wieder gestartet wurden, schrillten keine Sirenen und läuteten auch keine Alarmglocken. Auf den Bildschirmen erschien nur eine simple Meldung: external clock down, was nichts anderes hieß, als daß die Systeme keine Zeitangaben mehr entgegennahmen. Die Rechner liefen zwar weiter, die Abstürze aber waren im wahrsten Sinne des Wortes vorprogrammiert. Die Spezialisten brauchten über 7 Monate, um die Fehler zu korrigieren. Der Kontolltest im Oktober dauerte 13 Tage und verlief erfolgreich. Trotzdem zeigen sich die verantwortlichen Experten weiterhin besorgt.
In Neuseeland ging gleich alles schief. Da stürzte bei einem Computertest im Juli die Stromversorgung ganz ab.
In der irischen Hauptstadt Dublin brach Anfang Oktober der Verkehr zusammen. Um ihre Software Y2K-tauglich zu machen, überließen die Software-Experten die Lichtsignalanlagen vorübergehend ihrem eigenen Takt. Damit verloren die Ampeln den Kontakt untereinander und konnten nicht mehr flexibel auf veränderte Verkehrssituationen reagieren. Das Chaos war perfekt. Und eine durch und durch irische Lösung, an das Problem heranzugehen
Pardon wird nicht gegeben: Selbstverständlich werden auch jene nicht verschont, die die Augen vor dem Problem verschließen!
Als man dem plötzlichen Anstieg von Aussortierungen in einem amerikanischen Pharmakonzern nachging, wurde festgestellt, daß Medikamente, die vorne in der Produktionskette hergestellt, am Ende des Fließbands wegen des Ablaufdatums (erraten: 2000) auf der Packung gleich wieder aussortiert wurden. Bis man den Fehler entdeckte, waren bereits einige hundert Paletten mit Medikamenten vernichtet. Gerüchte, der zuständige Rationalisierungsmanager sei ein Enkel von Franz Kafka, ließen sich bisher allerdings nicht bestätigen
Auch die Schweizer haben den ersten Schreck hinter sich. Im Kanton Waadt waren im Januar dieses Jahres die Rechner fast aller Kliniken für ganze 2 Tage blockiert. Der Grund: Bei Patientenaufnahmen wird vom Programm ein Vorausvergleich (erwartete Dauer des Klinikaufenthalts, der Rehabilitationsmaßnahmen, und ähnliches) für 12 Monate erstellt, teilte die Gesundheitsbehörde von Lausanne mit. Mit den Daten, die über den 31.12.99 hinausgingen, wußte das Computersystem einfach nichts anzufangen, worauf es frustriert die virtuelle Flinte ins digitale Korn warf.
Fast zeitgleich mit den Problemen in den schweizer Kliniken kam es in einigen Militärbasen der amerikanischen Armee und zu Störungen bei den Verwaltungscomputern. Betroffen waren Gehalts- und Soldabrechnungen sowie Krankendateien, bei denen die US-Army mit einem ähnlichen Prognosesystem arbeitet wie die Schweizer bei den Patientenaufnahmen.
Mögliche Probleme in sicherheitskritischen Anlagen veranlaßten das US-Verteidigungsministerium im Januar zu einer Krisensitzung. Ein Sprecher der amerikanischen Armee versicherte daraufhin, daß 81 Prozent der Militärrechner Jahr-2000-fähig seien. Bei den übrigen Anlagen könne es hingegen zu Problemen kommen. Daß darunter auch kritische Systeme sind, bestätigte das Pentagon freilich gleich mit. Abwiegelei: Es handelt sich bei den eventuellen Versagersystemen schließlich höchstens um ein schlappes Fünftel, das ist doch schon was
Ähnliche Sorgen hat man in Rußland, wo nun auch endlich ein Beratergremium mit weitreichenden Vollmachten ausgestattet wurde. Es soll sich in erster Linie um die sogenannten strategischen Waffen, also Atomsprengkörper, kümmern. Nur: Was nützen alle Vollmachten der Welt, wenn keine Experten zur Verfügung stehen? Schon Anfang der 80er Jahre sind die allermeisten in die Privatwirtschaft abgewandert. Sollen die Fachleute dort etwa alles stehen und liegen lassen, um den Computersystemen des Staates auf die Sprünge zu helfen? Doch in Rußland heißt es schließlich schon seit Jahrhunderten immer: Es werden sich Mittel und Wege finden! Weshalb sich dieser Ausschuß überhaupt mit der Sicherung der Atomwaffen beschäftigen soll, bleibt allerdings ein Rätsel. Noch Anfang März erklärte das Militär in Moskau das Jahr-2000-Problem in der atomaren Verteidigung für gänzlich nichtexistent. Eingeräumt wurde hingegen, daß es im konventionellen Verteidigungssystem zu Schwierigkeiten kommen könnte. Da scheinen die Uhren der jeweiligen Pressestellen offenbar auch schon einen mittelschweren Schluckauf bekommen zu haben, von Synchronisation jedenfalls keine Spur.
In der Ukraine, wo die Sorge vor allem den älteren Atomkraftwerken russischer Bauart gilt, teilte die staatliche Atomenergiebehörde mit, das Computerproblem sei für die Reaktoren nicht relevant, da die Ausrüstung der Anlagen so veraltet sei, daß die Umstellung gar keine Rolle spiele. Im übrigen arbeite der Atomenergiesektor im eigenen Land sowieso nicht voll rechnergestützt. Kein Grund zur Beunruhigung also: Der gute alte Abakus wird das Schlimmste schon verhindern. Allerdings fragt sich der Beobachter unwillkürlich, wie es denn dann eigentlich genau um die Sicherheit dieser Anlagen steht, die so alt sind, daß sie sich nicht mal eine elektronische Überwachung leisten? Der Reaktor von Tschernobyl gehörte schließlich auch dazu, der Rest ist strahlende Geschichte
Und wie sieht es in Deutschland aus?
Bei der 'Jahr-2000-Problematik' handelt es sich um ein technisches Problem mit ernst zu nehmenden wirtschaftlichen Implikationen, konstatiert ein im Juli 1998 dem Bundeskabinett vorgelegtes Papier. Von der aus Speicherplatzmangel fehlenden Jahrhundert-Angabe seien im übrigen nicht nur Großrechner mit angejahrter Software betroffen. Auch moderne PCs und unzählige der in Steuerungs- und Produktionsprozessen eingesetzten EPROMs könnten die Umstellung nicht bewerkstelligen. Als besonders delikat schätzen die Autoren des Berichts die Möglichkeit gravierender Fehlberechnungen bei Banken, Versicherungen und Behörden ein.
Trotz der unmißverständlichen Warnungen gaben sich die deutschen Ministerien noch im Januar gelassen: Die Sicherheit der deutschen Kernkraftwerke ist durch das Jahr-2000-Problem nicht in Frage gestellt. Vorläufige Berechnungen und Schätzungen haben indes ergeben, daß insbesondere die Leittechnik und die Steuerungschips für die Wärmetauscher betroffen sind. Möglicherweise könnten falsche Datumsangaben nämlich 1900 statt 2000 zur Abschaltung einzelner Systemschaltkreise in den Atomkraftwerken führen vorausgesetzt, die falschen Datumsstellen werden in den nächsten Monaten nicht korrigiert. Ernste Folgen könnte der Ausfall von Leitsystemen haben. Das Horrorszenarium der Einschätzungen reicht bis zu möglichen Störungen in der Notabschaltung von Reaktoren ab dem 1. Januar 2000, Null Uhr.
Während in Deutschland nach übereinstimmender Auffassung der beteiligten Behörden und Fluglinien auch beim Flugverkehr nicht mit einer Gefährdung zu rechnen ist, gibt es durchaus Länder, die sich ihrer Sache da nicht ganz so sicher sind. So hat die Regierung Frankreichs, um alle Risiken auszuschließen, schon im letzten November ein generelles Flugverbot für den 01.01.2000 verhängt. Toll, Unfälle am Neujahrstag werden zwar vermieden, was aber ist mit allen folgenden Tagen?
Die Regierung Chinas scheint den beruhigenden Worten ihrer Fluglinienbetreiber auch nicht über den Weg zu trauen. Mitte Januar legten sie den Verantwortlichen unmißverständlich nahe, was von ihnen erwartet wird: Die gesamten Vorstände der Fluggesellschaft sind aufgefordert, den Jahreswechsel in einem ihrer eigenen Flugzeuge hoch oben in der Luft zu feiern Motivationssteuerung à la Mandarin
Auf solchen Druck wartet Jane Garvey gar nicht erst. Als Chefin der FAA (Federal Aviation Administration) ist sie davon überzeugt, alles im Griff zu haben. Der zufriedenstellend verlaufene Denver-Test spreche für alle Staaten der USA, da überall eben dieses erfolgreich getestete Programm installiert sei, teilte sie dem Repräsentantenhaus stolz mit. Sie verkündete lauthals, den Jahrtausendwechsel im Flieger zwischen West- und Ostküste feiern zu wollen. Das allerdings sollen ihre Gegner mit banger Freude vernommen haben
Daß nicht nur in Atom- und Verteidigungsanlagen, Flughäfen und Krankenhäusern alle elektronischen Geräte überprüft werden müßten, liegt eigentlich auf der Hand. Am ehesten dürften wohl die großen Gesellschaften (Versicherungen und Banken eingeschlossen) die Chance haben, einigermaßen unbeschadet aus der Geschichte herauszukommen. Sie hatten und haben alle die nötigen Ressourcen dazu: Geld und damit auch die erforderliche Armada von sündhaft teuren Fachleuten.
Die Kosten sind tatsächlich enorm. Um unliebsame Konsequenzen durch rechtzeitige Umprogrammierung zu verhindern, sind im Falle öffentlicher Behörden etwa ein Dutzend Personenjahre, bei der Bundesversicherungsanstalt sogar 160 Personenjahre, erforderlich.
Daß uns das Jahr-2000-Problem übrigens nicht nur bis nächsten Januar beschäftigen wird, belegt allein die Tatsache, daß vor allem ältere Computer nicht mit den vertrackten Korrekturkünsten des gregorianischen Kalenders vertraut sein dürften: Der 29. Februar läßt grüßen.
Am längsten werden jedoch die Juristen damit zu tun haben. Nicht nur, daß jeder Geschädigte alles tun wird, um seine Ansprüche geltend zu machen: Jeder, der sich beim nächsten Jahreswechsel irgendwie durch dieses Computer-Problem inkommodiert fühlt, wird versuchen, daraus Kapital zu schlagen, sei es beim Hersteller der Geräte, beim Computer- oder Software-Lieferanten oder bei den Behörden. So wird das Berufsbild des Jahr-2000-Beraters nicht das einzige neue bleiben. In einer Anwaltskanzlei in Karlsruhe stehen schon jetzt die Spezialisten für Rechtsfragen rund um den Millenium-Bug in den Startlöchern. Wobei allerdings zu bemerken ist, daß sich solcherlei Klagen in Deutschland kaum lohnen: Für ein halbstündiges Festsitzen im Fahrstuhl gäbe es gar nichts. Dauert eine derartige Freiheitsberaubung hingegen etwa zwei Stunden, rechnen die Experten mit einer Entschädigung von schäbigen 200 bis 300 Mark. Die Stromversorgungsunternehmen haften in Deutschland mit maximal 20 Millionen Mark. Bei einer Stadt mit einer Million Einwohnern müßte sich also jeder Bürger mit 20 Mark zufrieden geben, auch wenn er sich tage- oder wochenlang den Hintern abgefroren, im Dunkeln die Kellertreppe hinuntergestürzt ist und sich dabei alle Rippen gebrochen hat. Anders hingegen sieht es in Amerika aus. Dort wird mit einer Prozeßwelle gerechnet, die allein für Anwaltshonorare schon Kosten im Milliardenbereich verursachen dürfte.
Die Schadensschätzungen weltweit belaufen sich auf 1 bis 2 Prozent des globalen Bruttosozialprodukts.
Gut zu wissen, daß die Leute von Bill Gates rechtzeitig reagiert haben. Denn selbstverständlich haben auch die Microsoft-Experten das Problem glasklar erkannt, und die Tausendsassas scheuten sich nicht, ihre Kunden mit dieser schwerverdaulichen Tatsache schon im Januar 99 zu konfrontieren und ihnen wie immer hilfreich mit Rat und Tat beizustehen. Sie scheinen zu wissen, daß ihren katastrophengewöhnten Usern auch das noch zuzumuten ist. In ihrem Info-Paket zum Jahr-2000-Problem wird gar nicht erst um den heißen Brei herumgeredet. Da steht klipp und klar schon am Anfang: Ein Wechsel der Jahrtausende kommt alle 1000 Jahre vor. Das hätte zwar auch aus einer Militär-Ausbildungsschrift für Unterführer stammen können, enbehrt dafür aber wie diese nicht eines gewissen holzigen Charmes.
Unvorstellbar, daß man von den unverbesserlichen Pessimisten, die jetzt schon ihr Brecheisen griffbereit aufbewahren, um wenigstens ihr Fahrrad aus der mit einer automatischen Tür versehenen Garage schieben zu können, besser beraten ist?