(mp) Gemeint ist nicht das Monster, sondern der verrückte Wissenschaftler, der mit Einzelteilen diverser Leichen herumexperimentrierte, wie Mary Shelley ihn in ihrem berühmten, noch heute immer wieder mal verfilmten Roman beschrieb. Nur den Namen Frankenstein trug er nicht.
Der betreffende Herr hieß Konrad Dippel, ein überaus exzentrischer deutscher Arzt des 18. Jahrhunderts. Dippel war ein Alchemiespezialist, der sich in den Annalen der Pseudowissenschaften sogar eine Fußnote verdiente. Dr. Radu Florescu, Geschichtsprofessor am Boston College und Autor von In Search of Frankenstein, behauptet nun belegen zu können, daß es tatsächlich die Wiederbelebungsversuche dieses Dippel waren, die Mary Shelley zu ihrem Roman inspirierte. Bisher ging die Literaturwissenschaft unisono davon aus, daß Mary Shelley, ihr Mann Percy Byshe sowie Lord Byron, ihr Hausfreund, sich diesen Part der Erzählung selbst ausgedacht hätten. So hat es die Verfasserin die Welt jedenfalls glauben zu machen versucht. Doch damit scheint jetzt schluß zu sein.
Konrad Dippel kam 1673 als Sohn eines Pfarrers auf dem pfälzischen Schloß Frankenstein zur Welt. Als Dippel Frankensteina (also: Dippel von Schloß Frankenstein) immatrikulierte sich der junge Mann an der Universität Straßburg.
Sein größter Wunsch war es, reich zu werden. Unter anderem wollte er sich mit Hilfe seines Reichtums den Titel Graf von Frankenstein zulegen. Er schien wohl zu ahnen, daß mit dem Namen Dippel kein Staat zu machen war.
In einem Schloß richtete er sich ein Laboratorium ein, wo er verbissen nach dem Geheimnis der Unsterblichkeit forschte, für das er den Wohlhabenden später eine Menge Geld abzunehmen gedachte. Er zerstückelte eine Unmenge von Tierleichen, um nach eigener Auskunft Leben in Totem zu erzeugen. Als seine extrakurrikulären Bemühungen bekannt wurden, verwies man ihn allerdings kurzerhand der Stadt.
Nichtsdestotrotz wurde Dippel ein erfolgreicher Mediziner, der sich sogar um Persönlichkeiten wie Kaiserin Katharina I. von Rußland kümmerte. Aber es gelang ihm weder, das Geheimnis der Unsterblichkeit zu ergründen noch den begehrten Grafentitel zu erlangen. Im Jahre 1734 verstarb Dippel. Unwiderruflich. Es ist jedenfalls nicht erwiesen, daß er irgendwann physisch wiedererweckt wurde.
Und doch hat er Geschichte gemacht, ja tut es bis heute. Mary Shelley beschreibt in ihrem Reisebericht History of a Six Weeks' Tour, daß sie 1814 während ihrer Flucht aus dem Elternhaus mit Percy Bysshe Shelley das schon damals verlassene Schloß Frankenstein besuchte. Allein diese Tatsache scheint unanfechtbar dafür zu sprechen, daß Dippel zumindest teilweise die Vorlage für Frankenstein, or the Modern Prometheus abgab, wie der Titel des 1818 erschienenen Werkes lautete.
Es gibt zwar einige wenige Forscher, die diesen offensichtlichen Zusammenhang vehement bestreiten oder zumindest äußerst ungern sehen. So meint die Stamforder Literaturprofessorin Heidi Kramm entrüstet: Mary did not need a model for Prometheus. Ein etwas seltsamer Einwand, wenn man bedenkt, daß es schließlich nicht Dr. Radu Florescu war, der Prometheus mit ins Spiel brachte, sondern Mary Shelley selbst.
Außerdem ist der Mensch gar nicht fähig, irgendetwas in seinem Leben zu tun, was nicht auf realen oder mindestens tradierten Gegebenheiten aufbaute und nicht in ihnen begründet läge. Das sollte man auch jenen aufgebrachten Feministinnen ins Stammbuch schreiben, deren Rachefeldzug Radescu nun gewiß zu fürchten hat, weil sie sich um die Singularität ihrer kulturgeschichtlichen Galeonsfigur betrogen wähnen.
Das Schloß Frankenstein oder besser gesagt: die Ruine Frankenstein gibt es heute noch. Es befindet sich im gleichnamigen pfälzischen Dorf, und der örtliche Kirchhof ist voller richtiger Frankensteins, so steht's wenigstens auf den Grabsteinen. Übrigens nicht ungrausig: auffällig viele Mitglieder dieses Geschlechts scheinen das zweite bis vierte Lebensjahr nicht überschritten zu haben.