Das picobello Kuhklo und die
Klinik der Schmutzfinken
(mp) Die Eidgenossenschaft trägt nicht zuletzt mit Stolz den Namen
Saubere Schweiz, weil sie sich zum Beispiel sogar noch im
Kuhstall mit ungebremster Libido darum bemüht, auf penibelste Ordnung und Reinlichkeit zu setzen. Seit Jahrzehnten tut der elektrische Kuhtrainer in den Milchviehstallungen treu seinen Dienst. Er sorgt dafür, daß die Viecher, wenn sie denn unbedingt mal müssen, stromschlagbedingt einen Schritt zurück treten, damit die dampfenden Fladen nicht auf ihrem Ruhelager landen. Auch jetzt, da die Tierschützer den langjährigen Streit gegen diese tierquälende Maßnahme gewonnen haben und der elektro-schockende Erzieher am 1. Januar 2002 frühzeitig in Pension gehen soll, wird nicht etwa wie in hygienebewußten Kreisen allgemein befürchtet der Tierschutz über die Sauberkeit siegen.
Die eidgenössische Forschungsanstalt für Landtechnik (FAT) hat, wie die Biobauern-Vereinigung Bärner Bio Bure mitteilte, ein sensorgestütztes System für Kuhställe entwickelt, das Milchkühe tierfreundlich zu mehr Sauberkeit erziehen soll. Ein in der Schwanzaufhängung (auch das dient der Hygiene: Welche schweizer Kuh, die etwas auf sich hält, möchte schon mit einem zugesch Schwanz im Stall rumstehen?) eingebauter Sensor reagiert auf das dringende Bedürfnis der Kuh, worauf er einem eigens dafür konstruierten Bügel den Befehl erteilt, die Dame sanft zurückzudrängen. Das tut dieser Gehilfe dann auch pflichtgetreu, wie es sich für einen Schweizer gehört, und der Fladen landet in der dafür vorgesehenen Rinne, die in exklusiven Ställen in regelmäßigen zeitlichen Abständen mit reinem Wasser durchgespült und somit gereinigt wird.
Tja, so sind die Schweizer. Vorbildlich.
Nur mit dem Händewaschen scheint es nicht so ganz zu klappen.
Einer Studie der Universität Genf zufolge, die in einem genfer Spital durchgeführt und im Januar in den Annalen der Inneren Medizin veröffentlicht wurde, wäscht sich das Krankenhauspersonal nur in 48% der Situationen die Hände, in denen diese Routine angezeigt wäre. Die Ärzte selbst gingen dabei übrigens keineswegs mit gutem Beispiel voran. Am besten schnitten noch die Krankenschwestern mit 52% ab, am schlechtesten (mit 36%) das überbeschäftigte Personal der Intensivstationen.
Und diese Resultate, obwohl die Leute über die Art (einen Monat lang lückenlose Überwachung) und den Zweck der Studie vorab informiert waren
Das muß der wahre Grund dafür sein, daß die Krankenhäuser nicht Gesundheitshäuser genannt werden!
Die Tatsache, daß in den USA jährlich über 80.000 hospitalisierte Patienten an Infektionen sterben, die sie sich im Krankenhaus zugezogen haben, wird die Schweizer bestimmt nicht über diese Schlappe hinweg trösten. So wie man die Lage der Nation einzuschätzen gelernt hat, wird da eher zum elektrischen Händewasch-Trainer oder wenn es denn aus Menschenrechtsgründen nicht anders geht zum sensorgeleiteten Bügel gegriffen, der das Krankenhauspersonal sanft aber bestimmt zum Waschbecken geleitet.
Im übrigen ist eine Erklärung schnell gefunden: Schließlich heißt es ja (vielleicht doch gar nicht so unfreundlich, wie die Eidgenossen selbst es immer empfinden) Kuh- und nicht Spitalschweizer. Wenigstens die alpinen Großvieheinheiten dürfen sich nun selbst, akademisch-statistisch-gründlich abgesichert, so einschätzen, wie es der uralte Werbespruch von den glücklichen Kühen immerzu von ihnen verlangt. Aber die fragt ja keiner