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    Gesamtindex [ver. 03.04.03) vom [2005-11-23]  © 1996-2007 copyright by Verlag Ralph Tegtmeier Nachf. URL: http://confidenz-depesche.com Seitenende






    HighTech


    Brauchbarkeit bleibt Glückssache:
    Das Jammerspiel automatischer Übersetzungen


    (rt) Ohne wissenschaftlichen oder übersetzungstheoretischen Anspruch, gleichermaßen frei von KI-Schelte, sei hier nur – stellvertretend für Millionen möglicher anderer Exempel identischer Aussage – ein Beispiel für eine automatische Übersetzung geboten.

    Beim Quelltext (1) handelt es sich um die Begründung eines amerikanischen Grundsatzurteils zum Thema Privatsphärenschutz.



      1.

      “Anonymity is a shield from the tyranny of the majority... It thus exemplifies the purpose behind the Bill of Rights, and of the First Amendment in particular: to protect unpopular individuals from retaliation-- and their ideas from supression-- at the hand of an intolerant society.”
      Justice Stevens, McIntyre v. Ohio Elections Commission, 1996.



    AltaVistas Babelfish-Programm automatisiert die Übersetzung ins Deutsche folgendermaßen:



      2.

      “Anonymität ist ein Schild von der Tyrannei der Majorität..., Sie illustriert folglich den Zweck hinter der Verfassung und der ersten Änderung insbesondere: unpopuläre Einzelpersonen vor Vergeltung -- und ihre Ideen vom Ausgleich -- an der Hand einer intoleranten Gesellschaft schützen.”



    Korrekt wäre indes:



      3.

      “Privatsphärenschutz ist ein Schutzschild gegen die Tyrannei der Mehrheit. … Dementsprechend verkörpert sie den Geist der [amerikanischen] Verfassung und des Ersten Verfassungszusatzes, insbesondere den: ungeliebte Einzelpersonen vor Vergeltung und ihre Ideen vor der Unterdrückung durch eine intolerante Gesellschaft zu schützen.”



    Der unter Punkt 2 dokumentierte Unsinn ist keiner weiteren Diskussion würdig. Bedeutsamer ist eher das folgende Problem: Man mag nämlich einwenden, und genau dies tun die Apologeten der KI-Forschung und des automatisierten Übersetzens, daß die Babelfish-Übersetzung den Sinn des Originals doch immerhin sinngemäß wiedergebe, das sei doch schließlich besser als nichts. Stünde diese Einstellung nicht dahinter, gäbe es keinen Grund für eine der größten Internetfirmen der Welt, wie sie AltaVista schließlich darstellt, ihr Image mit derartig hanebüchenem technikgläubigen Unfug zu gefährden.

    Doch derlei Einwände gehen am Kernproblem vorbei. Die meisten Lügen und Entstellungen, etwa die im Rahmen staatlich-politischer Propaganda verbreiteten, funktionieren nach genau dem selben Prinzip, das hier solcherart legitimiert werden soll: Hart an der Wahrheit oder Tatsächlichkeit entlang manövrierend, manipuliert es sich sehr viel müheloser, lassen sich scharfe Grenzlinien verwischen und dementsprechend gewünschte Zweifel säen – knapp vorbei, aber eben doch daneben.

    Wer aber verlernt hat (oder es auch einfach nicht mehr lernt, da es niemand mehr für wichtig genug erachtet), auf solche Zwischentöne zu achten, der wird (oder bleibt) auch unfähig zur Kritik an oder notfalls zum Widerstand gegen Instanzen, die ihm je nach gerade vorherrschender Parteilinie jedes beliebige X für ein U vormachen und umgekehrt: eine zerbrochene und daher verfügbare Existenz, wie sie sich Administrationen und andere dominierende Gruppierungen seit eh und je wünschen. Was man bei vordergründiger Betrachtung mit dem saloppen Begriff der “Schlampigkeit” verharmlosen mag, erweist sich dann als das eigentliche Folterinstrument der Knechtschaft.

    Ein einziges Beispiel aus dem obigen Text soll das kurz veranschaulichen. Schon der erste Begriff “anonymity” wird hier unzutreffend wiedergegeben: Es ist keine bloße Haarspalterei, darauf hinzuweisen, daß “Anonymität” eben nicht dasselbe ist (und schon gar nicht dasselbe konnotiert!) wie “Privatsphärenschutz”. So kennt das Englische im Zusammenhang mit “anonymity/Anonymität” nur in ungleich schwächerem Ausmaß die Assoziationen “Erpressung, Verbrechen, undurchsichtiges Tun, versteckter Rechtsbruch”, mit denen auf dem europäischen Kontinent von seiten Law-and-Order-verliebter Innenminister schon seit Jahr und Tag erfolgreich jedes noch so leise Bemühen desavouiert wird, den Schnüffelstaat in seine Grenzen zu verweisen. Hier nicht zu unterscheiden, bewirkt zwingend, daß nicht nur sprachliche Nuancen irgendwann überhaupt nicht mehr als solche erkannt werden, sondern daß bestimmte, unerwünschte Denkweisen förmlich ausgerottet werden. Was dann übrigbleibt, sind geistige Gleichschaltung und sprachliche Papageienreflexe bar jeden inhaltlichen Ballasts.

    Es ist zwar nicht zu bestreiten, daß auch menschliche Übersetzer (in Technofreak-Kreisen neusprechgerecht gern zu “human operators” degradiert) gelegentlich derlei Patzer begehen können. Aber das macht die Sache auch nicht besser, allenfalls problematischer. Auf jeden Fall findet hier keine Gegenkontrolle mehr statt, von einer Korrektur ganz zu schweigen.

    Unverkennbar ist jedenfalls, daß derlei sprachliche Verarmung und Verohnmachtung heutzutage kaum noch auf nennenswerten Widerstand trifft. Der ablehnendste Reflex ist bestenfalls die kopfschüttelnde Belustigung – kein Wort jedoch über die Eisenkette des Ungefähren, die dem Menschen da weitgehend unbemerkt angelegt und zugezogen wird. Kein Pflasterstein, der noch wider die Sprachregulatoren und die Sachwalter der Unverbindlichkeit flöge, keine Faust, die sich noch – wie schwach und hilflos auch immer – gegen die Enteignung der letzten anarchischen Restsubstanz reckte, die dem Menschen noch verblieben ist, seit selbst seine Urbausteine, die Gene, unwiderruflich zum Ausbeutungs- und Herrschaftsinstrument mutiert sind.

    Man mag diese Tendenz bedauern oder mißbilligen, aufzuhalten ist sie wohl nicht mehr.

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