(mp) Schon in urgeschichtlicher Zeit beschäftigten sich die Menschen aus rein praktischen Gründen mit der Unterscheidung von Pflanzen. Damals mag die Einteilung etwa so ausgesehen haben: eßbar, nicht eßbar, für medizinische Zwecke (heilend oder schädigend) brauchbar. Wobei sich die Kategorien logischerweise oft genug überlappten.
In den folgenden Jahrtausenden wurden die Klassifizierungen immer komplexer. Den bis gestern größten Schritt schaffte der schwedische Botaniker Carl von Linné, der die Pflanzen zum Ende des 18. Jahrhunderts erstmals in Gattungen und Arten unterteilte. Im 19. Jahrhundert wurde sein System von Franzosen wie Decandolle and Jussieu um die Familien erweitert. Das genügte freilich nicht: Das Netz wurde immer feiner, die Unterscheidungen immer differenzierter.
Einig waren sich die Botaniker hingegen zu keiner Zeit. Allein in den letzten 20 Jahren wurden drei Hauptklassifizierungssysteme entwickelt, die sich zwar zum Teil überschnitten, aber niemals bis ins Detail übereinstimmten. Da war beispielsweise der Amerikaner Arthur Cronquist, der die Planzen in 321 Familien einteilte. Nur ein Jahr später zählte sein Landsmann Robert Thorne 440 Familien, und 1977 übertrumpfte der Russe Armen Tachtajan die beiden mit seiner Einteilung in 598 Familien. Es gab freilich doch eine Gemeinsamkeit aller Systeme, die nämlich darin bestand, daß sie allesamt auf Unterscheidungen basierten, die mit bloßem Auge zu erkennen waren.
Nun aber haben britische Forscher nach siebenjähriger Forschungsarbeit unter der Leitung von Dr. Mark Chase alle bisherigen Klassifizierungen mit ihren DNA-Analysen auf den Kopf gestellt. Sie haben 3 Gene identifiziert und diese bei 565 Pflanzen, die sämtliche weltweit bekannten Pflanzenfamilien repräsentieren, verglichen. Eines dieser Gene, das von den Forschern für das wichtigste gehalten wird, ist verantwortlich für das Enzym, welches die Photosynthese kontrolliert: bekanntlich ein lebenswichtiger Vorgang, bei dem das Sonnenlicht in Energie umgewandelt wird.
Die Taxonomen unter den Botanikern werden jetzt nicht nur ihre Ansichten zu revidieren haben, sondern auch ihre restlichen Bücher verbrennen müssen, denn nun ist objektiv erwiesen, daß die Flora tatsächlich aus genau 464 Familien besteht. Und nicht nur das: Die genetisch verifizierbaren verwandschaftlichen Beziehungen der Pflanzen decken unvorstellbare und bis heute streng geheimgehaltene Liaisons auf. In gehobeneren Kreisen spricht man in solchen Zusammenhängen hinter vorgehaltener Hand gern von skandalösen Liebschaften.
Da ist zum Beispiel die asiatische Lotusblume (Nelumbo nucifera), die seit Jahrtausenden in Indien, China und Tibet als heilig gilt. Wer wäre jemals darauf gekommen, daß diese große, rotblühende Heiligkeit aus dem asiatischen Raum einen äußerst robusten und stattlichen Baum (Platanus hybridrida) zum Cousin hat, der ausgerechnet in der Megalopole London weitverbreitet ist? Bis zum Clean Air Act vor über 40 Jahren waren diese Platanen das einzige Grünzeug, das in der notorisch vom Smog geschwängerten Stadt gedeihen konnte, weshalb man sie dort auch gezielt anpflanzte.
Den Orchideen, die bei jedem Familientreffen bisher stolz die Lilien präsentierten, bleibt nichts anderes übrig, als zerknirscht zu beichten, daß sie mit diesen in Wirklichkeit in keinerlei genetischem Verwandtschaftsverhältnis stehen ein klarer Fall von botanischer Hochstapelei, der nunmehr als endgültig aufgeklärt gilt.
Sogar die stolze und edle Rose wird nicht umhinkommen, ihre neue Verwandtschaft in aller Öffentlichkeit anzuerkennen. Das wird ihr vermutlich nicht allzu leicht fallen, denn zu ihren Vettern und Cousinen gehören neuerdings nicht nur der Kreuzdorn und der Feigenbaum sondern auch die gemeine Brennessel. Ja, auch die Königin unter den Blumen wurde also mittels DNA-Analyse der genealogischen Schönfärberei überführt.
Pars pro toto: So bleibt auch den Pflanzen die Preisgabe des genetischen Fingerabdrucks und mit ihm der adminitrative Überwachungswahnsinn künftig nicht erspart. Zumindest solange nicht, bis sich eine neue wissenschaftliche Mode durchsetzt und die heute eindeutig an Oberwasser leidende Genetik mit Schimpf und Schande aus den geheiligten Hallen der Akademien jagt, wie dies im Laufe der ohnehin noch nicht besonders langen Wissenschaftsgeschichte schon manch anderer Disziplin mit vorgehaltenem Absolutheitsanspruch ergangen ist.