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    Gesamtindex [ver. 03.04.03) vom [2005-11-23]  © 1996-2007 copyright by Verlag Ralph Tegtmeier Nachf. URL: http://confidenz-depesche.com Seitenende






    Editorial

    Wahlvieh ohne Disziplin



    Wenn die letzten landesweiten Wahlen in Frankreich, Großbritannien, den USA und der Bundesrepublik Deutschland eins gezeigt haben, so daß auf das Wahlvolk kein Verlaß mehr ist: Hier reihte sich ein Demoskopen-Waterloo ans andere, der Begriff “Fiasko” scheint da noch untertrieben. Aber auch im an sich doch um einiges überschaubareren, regionalen Bereich ist kein Wahlprophet mehr vor Überraschungen sicher. Vollends verblüffend wirkt es schließlich auf die professionellen Polit-Analytiker, wenn ein amerikanischer Präsident zwar einerseits vom Kongreß des Meineids und der Behinderung der Justiz für schuldig befunden und deswegen zumindest im ersten, wenn auch noch nicht endgültigen Schritt des Gesamtverfahrens seines Amts enthoben wird, dies aber andererseits seiner Popularitätskurve keinen Abbruch zu tun scheint, ja sie im Gegenteil sogar noch weiter in die Höhe treibt – und dies obwohl die Mehrheit der Bevölkerung der Überzeugung ist, daß die gegen ihn erhobenen Vorwürfe zutreffen und sich zumindest für eine strenge Maßregelung nebst Geldstrafe ausspricht.

    Schon zu Beginn der Zippergate-Affäre war völlig Untypisches zu beobachten: Die einzigen, die damals felsenfest von der eigenen Wirksamkeit überzeugt waren und an einen sofortigen Rücktritt des Präsidenten glaubten, waren die Medienschaffenden. Doch wollte ihre betriebsblinde Hysterie partout nicht auf die allgemeine Bevölkerung abfärben, so beleidigt und schmollend, ja geradezu frenetisch sie auch immer weiter auf die Propagandatube drücken mochten.

    Nun könnte man sich in Anbetracht weitaus drängenderer weltpolitischer Probleme darob ohne komplizierte Reflektion schlimmstenfalls der Gleichgültigkeit, bestenfalls der Schadenfreude hingeben und zur Tagesordnung übergehen, ohne diesen Vorgängen weitere Beachtung zu schenken. Doch würde dies dem hier universal zu beobachtenden Phänomen nicht hinreichend gerecht werden. Tatsache ist: Der “Souverän” ist ein massives Stück wenn schon nicht freier, so doch immerhin unberechenbarer geworden, und das verheißt nichts Gutes für jene, die ihn schon fest im Griff zu haben glaubten.

    Ob damit nur ein vorübergehender Modetrend ohne echte Langzeitwirkung vorliegt, oder ob hier bereits eine fundamentale Aufkündigung der Geschäftsgrundlage des Sozialvertrags durch den dominierten Partner zu verzeichnen ist, bleibt zwar noch abzuwarten. Mit Sicherheit aber handelt es sich um eine weitaus substantiellere Artikulation staatsbürgerlichen Unmuts, als es jene vereinzelten Bombenanschläge auf australische Steuerfahnder und die gelegentlich an indischen Steuereintreibern verübte Lynchjustiz für sich beanspruchen dürfen, die in den Medien bislang eher als Kuriositäten abgehandelt wurden.

    Immerhin scheint es legitim, auch die schier unerschütterliche, mittlerweile schon mehrere Jahre vorhaltende Konsumverweigerung der japanischen Verbraucher – allen staatlichen Aufrufen zur patriotischen Ausgabensteigerung behufs Wiederbelebung der maroden einheimischen Wirtschaft zum Trotz – dieser Rubrik der autoritätskritischen bis -feindlichen Renitenz zuzurechnen. Das gleiche gilt für den wahrhaft internationalen “Volkssport Steuerhinterziehung”, der seine Teilnehmer ebenfalls zu ungeahnten Höchstleistungen anspornt.

    Global betrachtet haben sowohl die politische Kaste als auch die derselben zuarbeitenden Agitatoren und Kommissare in den vorgeblich “freien” Medien noch nie in der Geschichte der Demoskopie schlechtere Akzeptanz- und Glaubwürdigkeitswerte für sich verbuchen können. Kein Mensch scheint ihnen noch etwas abzunehmen, gleich wie kaltschnäuzig sie mit vermeintlich ehrlichem Plüschblick in die Kameras dieser Welt zu glotzen trachten: Sie werden einfach weggezappt – das alte Wort “wer einmal lügt, dem glaubt man nicht” war noch nie so aktuell wie heute.

    Das genügt zwar bei weitem nicht, um deshalb gleich eine echte Revolution befürchten (oder eben auch erhoffen) zu können. Aber der ganze Prozeß geht doch immerhin deutlich über den einstmals so viel beschworenen Affekt der unspezifischen “Politik(er)verdrossenheit” hinaus.

    Mit der hilflosen Empörung entlarvter Scheinheiligkeit stellen die Demoskopen und ihre Auftraggeber fest, daß sich die von ihnen Befragten frecherdings ohne jede Vorwarnung eben jenes Recht herausnehmen, auf das die herrschenden Schichten bislang ein Monopol zu haben glaubten: Man darf hier getrost von einer “Demokratisierung der Augenwischerei” sprechen – eine vor allem für die administrativen Instanzen höchst bedenkliche Entwicklung, denn natürlich funktionieren Desinformationsstrategien immer nur solange die Täter- und Opferrollen eindeutig verteilt bleiben. Sobald die Gegenseite den Spieß umdreht und zum gleichen Mittel greift, kommt es mindestens zu einer Patt-Situation.

    Nun ist das gegenseitige Anflunkern zwar nichts prinzipiell Neues: Der sprichwörtliche “Kleine Mann” hat sich schon immer auf diese Weise dem von oben ausgeübten Druck zu entziehen versucht. Doch die Leichtfüßigkeit und Nonchalance, ja die schiere zynische Unverfrorenheit, mit der das Wahlvolk sich nunmehr den Erwartungen und Ermahnungen seiner Leittiere verweigert, hat bereits jetzt eine historisch einmalige Dimension angenommen.

    Somit drohen aber sowohl korporative als auch administrative Instanzen eines Herrschaftsinstruments verlustig zu gehen, auf das sie sich zunehmend stützen zu können glaubten. Dabei liegt eine gewisse Ironie in der Tatsache, daß ausgerechnet in der immer heißer werdenden Phase der massiven Installation von Bespitzelungstechnologien das klassische, erprobte und bislang als ausgesprochen zuverlässig geltende Hauptmittel der sozialen Kontrolle dauerhaft zu versagen droht.

    Man wird nicht allzu gespannt sein dürfen, was an seine Stelle treten wird: Der Trend zur Konsolidierung und weiteren Expansion des Überwachungsstaats bleibt ebenso ungebrochen wie die systematische Aufweichung und Abschaffung der Grund- und Bürgerrechte. Ja es ist damit zu rechnen, daß die Betonkopf-Fraktionen überall auf der Welt die Lektion verweigern werden, um statt dessen weiter zu machen wie bisher und die Daumenschrauben immer fester anzuziehen. Der Denunziation wird notgedrungen ein immer größerer Stellenwert zukommen, profitieren werden vor allem Nachrichten- und Informationsdienste aller Art. Die Bespitzelung wird zunehmend privatisiert, das immer noch modische Outsourcing auch auf diesen Bereich ausgedehnt.

    Daß die für das Vorantreiben dieser Entwicklung zuständigen Instanzen damit – bei allen vorübergehenden Verwerfungen, Unwuchten und Gegenläufigkeiten – auf lange Sicht erfolgreich bleiben dürften, darf als hoch wahrscheinlich gelten. Die Kräfteverhältnisse sind schon viel zu eindeutig/einseitig organisiert und verteilt, um von etwas anderem auszugehen.

    Denn bloßer Ekel und die affektgestützte Abkehr vom politisch-sozialen Geschehen seitens der Beherrschten mögen zwar noch manche Handvoll Sand ins Getriebe werfen, den Zug der Zeit dauerhaft aufhalten können sie jedoch nicht. So ist mit einer (übrigens nicht nur ordnungs- und rechtspolitischen) Zuspitzung des Bürgerkriegs im Sinne des schon seit langem schwelenden Konflikts zwischen dem Staat – respektive der ihn beherrschenden Interessengruppen – und seinen Bürgern zu rechnen.

    Es wünschen Ihnen ein gutes, erfolgreiches Neues Jahr 1999,

    Ralph Tegtmeier und die -Redaktion

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