(mp) Kennen Sie das beliebte Kinderspiel Telefonieren, das bei den ansonsten doch ziemlich langweiligen Kinderpartys immer entweder mit kopfschüttelndem Unverständnis, mit verbissenen Schuldzuweisungen oder mit brüllendem Gelächter endet? Dazu stellt sich die ganze Kinderschar in einer Reihe auf. Das vorderste Kind denkt sich ein besonders schwieriges und langes Wort aus und flüstert es seinem Nachbarn ins Ohr. Das zweite Kind gibt das Wort ebenfalls flüsternd weiter und das letzte Kind verkündet schließlich laut, was es vernommen hat. Klar, daß das Resultat kaum mehr auf seinen Ursprung zurüchzuführen ist. Meist ist es bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt, oder es hat sich etwas ganz Neues ergeben.
Vom Deutschlandfunk wurde kürzlich in einem Bericht in Forschung aktuell die Nachricht verbreitet, daß es grönländischen Forschern gelungen sei, mit einer Zugabe von Ammonium-Thiocyanat der Senfpflanze Serapa innerhalb einer Woche zu einem aus dem Boden gelösten Goldgehalt zu verhelfen, der das 5.000-fache der normalen Konzentration betrage. Ganze 57 Mikrogramm Gold enthalte ein Kilogramm Trockenmasse. Die Redaktion berief sich dabei auf die Zeitschrift Nature. Eine Woche später waren es im Spektrum Ticker 57 Mikrogramm Gold pro Gramm Asche, die aus der Senfpflanze Sarepta gewonnen werden konnten, wobei von einer tausendfachen Erhöhung der Konzentration die Rede war. Auch hier griff man auf Nature zurück zusätzlich aber auch auf die Quelle Daily InScight.
Die Gemeinsamkeit sticht ins Auge: 57 Mikrogramm Goldgewinnung aus einer Senfart. Damit hat es sich aber auch schon mit der Übereinstimmung. Mal angenommen beide Artikel beziehen sich tatsächlich trotz der bemerkenswerten Unterschiede auf dieselben Forscher und deren Ergebnisse, bleiben dem aufmerksamen Leser mehrere Möglichkeiten:
Er kann sich ironisch und überlegen lächelnd dem nächsten Thema zuwenden, weil er ja weiß, daß Verwechslungen und Irrtümer der menschlichen Norm entsprechen.
Er kann sich bemühen, die Gemeinsamkeiten zu erhöhen, Differenzen zu verniedlichen und die Lücken zu füllen. (1 Kilogramm Trockenmasse ergibt also ein Gramm Asche und der Name der Senfsorte und die Erhöhung der Goldkonzentration spielen sowieso keine wesentliche Rolle Hauptsache ist der Effekt.
Er kann durch eigene aufwendige Recherchearbeit versuchen, direkt an die Forscher und ihre Ergebnisse heranzukommen, um sicher zu gehen, die richtigen Forschungsergebnisse zur Hand zu haben, um sich der eigenen Goldgewinnung zu widmen.
Er kann sich die Artikel von beiden Quellen beschaffen und herausfinden, wer, wo, wann und warum von wem abgeschrieben und dabei geschlampt hat. Wobei er durchaus die Gelegenheit bekommt, sich über die Inkompetenz anderer zu ärgern oder dieser mit großmütigem Verständnis zu begegnen.
Wer glaubt, die beiden Gegebenheiten (Kinderspiel und Goldrausch) seien nicht miteinander vergleichbar, weil doch den gebildeten Lesern von Wissenschaftsberichten zumindest eine breitere Palette von diesbezüglichen Umgangsmöglichkeiten bleibe, arrangiert sich zumindest mit der menschlichen Fehlbarkeit als Norm, geht aber abgesehen davon, daß er sich mit einer solch abschätzigen Meinung über Kinder der Angriffe der Kinderpsychologen sicher sein kann am Problem vorbei.
Ob wir nun wirklich kein breiteres Reaktionsspektrum als die Kinder haben, soll hier nicht das Thema sein. Die Frage nach dem Grundübel wäre damit nicht beantwortet.
Eine der zahllosen und möglichen Erklärung für solche Verfälschungen und Irrtümer liefert der Evolutionsbiologe Barbook von der Cambridge University: Es gibt einen Mutationsprozeß, wenn ein Manuskript abgeschrieben wird, wie es ihn beim Kopierprozeß der DNA gibt.
Dabei braucht man weder die Psychologie, die Philosophie, die Evolutionsbiologie noch irgend eine andere Wissenschaft zur Erklärung zu bemühen. Der Grund aller Übel dieser Welt ist und bleibt nun einmal der Mangel. Der Mensch beschäftigt sich mit nichts anderem als mit der verzweifelten Suche nach Ersatz für das Fehlende. Und das nicht nur, wenn es um Gold geht.