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    Gesamtindex [ver. 03.04.03) vom [2005-11-23]  © 1996-2007 copyright by Verlag Ralph Tegtmeier Nachf. URL: http://confidenz-depesche.com Seitenende






    BigBrother

    Hightech zum Fürchten
    (Teil 1)


    (rt) Solange der Mensch sich und die Seinen nicht in unmittelbarer Gefahr sieht, neigt er dazu, aus dem scheinbar unbedrohten Istzustand unzulässige Folgerungen abzuleiten, etwa die, daß es immer so weitergehen müsse. Doch selbst dies wird selten reflektiert: Es überwiegt die selbstzufriedene Schlafmützigkeit – nicht ohne Grund verwenden Aufklärer aller Couleur immer wieder gern die Schlafmetapher vom “Aufwecken" der Ahnungslosen.

    Auf diesem Prinzip gründen auch alle Geheimhaltungstrategien, was natürlich gleichermaßen für die einschlägigen administrativen Aktivitäten gilt. Dabei kann es nicht weiter verwundern, wenn hier mit mehrfach gestaffelten Sicherheitskordons gearbeitet wird: Vorsorge tut not. So kommt es bei Geheimprojekten stets auch darauf an, daß sie im Falle einer Offenlegung (etwa durch Pannen im Verwaltungsablauf, durch gezielte Indiskretionen, durch Verrat oder – wenn auch seltener – durch beherztes Nachhaken des investigativen Journalismus) vollinhaltlich dementierbar bleiben. Falls der Enthüllungsprozeß irgendwann gänzlich aus dem Ruder laufen sollte, spricht man von einem “Skandal” – dann rollen eben ein paar Köpfe, werden exponierte Handlanger aus dem Verkehr gezogen, weggelobt und ähnliches: Jetzt gilt es, auf Zeit zu spielen. Und in der Tat ist auf das kurze Gedächtnis der Öffentlichkeit im allgemeinen und des individuellen Staatsbürgers im besonderen einigermaßen Verlaß. Dieser Prozeß ist bekannt und wurde dementsprechend schon häufig kommentiert.

    Es gibt allerdings noch eine andere, weniger offenkundige Variante der Verschleierung, die aufzudecken ungleich größere Mühe macht als die beschriebene. Wir wollen sie hier mit dem Kunstwort “Phantomisierung” bezeichnen. Darunter ist ein Prozeß zu verstehen, bei dem die Grenzen öffentlichen Vorstellungsvermögens mehr oder weniger systematisch so weit strapaziert werden, daß allen auf Aufklärung oder gar Entlarvung abstellenden Bemühungen von Seiten der Geheimnishüter ohne großen Aufwand der Stempel der Unglaubwürdigkeit aufgedrückt werden kann.

    Ein klassisches Beispiel dafür ist die unselige UFO-Debatte, sie sich schon seit einem halben Jahrhundert durch die Medien zieht. Insbesondere in den USA hat sich die Verwaltung mit ihrer penetranten Kommunistenphobie und ihrer überkandidelten Geheimnistuerei in dieser Hinsicht nicht eben mit Ruhm bekleckert. Ja es ließe sich durchaus argumentieren, daß der vielbeschworene Glaubwürdigkeitsverlust beim Wahlvolk, mit dem sich die politischen Kasten praktisch sämtlicher weltweiten Gesellschaftssysteme gegenwärtig konfrontiert sehen, im wesentlichen auf die geistlos-plumpe Handhabung konventioneller Herrschaftsinstrumente zurückzuführen ist, wo die UFO-Thematik hier selbstredend nur beispielhaft für viele andere Ungeschicklichkeiten stehen soll, die miteinander vielleicht nicht thematisch, immer aber technisch und struktural verwandt sind.

    Im Falle der UFO-Untersuchungen wurde dieses tapsige Vorgehen dokumentarisch nachvollziehbar, als mit Inkrafttreten des Freedom of Information Act ganze Aktenberge zu diesem Thema für die staunende Öffentlichkeit freigegeben wurden, die sich nunmehr gleich an der Quelle davon überzeugen konnte, wie sehr man sie jahrzehntelang in Sachen Nichtidentifierzierte Flugobjekte hinters Licht geführt hatte.

    Da waren Zeugen eingeschüchtert, Untersuchungsergebnisse amtlicherseits unterschlagen, wahrheitswidrig dementiert oder verfälscht worden, hatte man mit großangelegten Desinformationskampagnen dafür gesorgt, daß jede noch so ernsthafte und nüchterne Befassung mit der Thematik geradezu zwangsläufig in Mißkredit geriet.

    Damit gar nicht erst von unserem Kernthema ablenkende Mißverständnisse aufkommen: Es geht hier nicht um das Problem, ob es tatsächlich UFOs außerirdischen Ursprungs gibt oder jemals gegeben hat – diese Frage ist bei objektiver Betrachtung trotz Freigabe der Regierungsdokumente bis heute offen geblieben. Vielmehr sollte uns an diesem Beispiel die Tatsache interessieren, daß die zuständigen administrativen Stellen die Möglichkeit ihrer Existenz jedenfalls lange Zeit ernsthaft in Erwägung zogen, die Öffentlichkeit aber systematisch darüber täuschten und auch jede Menge Vorfälle, die zumindest nach damaligen Erkenntnisstand dafür zu sprechen schienen, schlichtweg vertuschten – ein gefundenes Fressen für alle paranoiden Gemüter, um die ganze Angelegenheit heillos zu mystifizieren – was dann auch prompt, und dies durchaus im Sinne der Verwaltung, geschah.

    Ergebnis: Jedwede UFO-Forschung, selbst die militärische, war schon nach kurzer Zeit nicht mehr salonfähig. Wir behaupten hier freilich, daß diese Entwicklung der Administration alles andere als unwillkommen war. Es wäre zwar eine Übertreibung zu behaupten, daß sie tatsächlich bis ins Detail gezielt hergestellt wurde, denn die Instrumentarien politischer Kontrolle waren damals nicht annähernd so hoch entwickelt und effizient wie heute, wo die Verwirklichung eines derart groß angelegten Unterfangens nach wie vor enorme Schwierigkeiten mit sich brächte. Doch scheint es durchaus plausibel davon auszugehen, daß immerhin systematisch in diese Richtung gearbeitet wurde.

    Zu den altbewährten Techniken der Desinformation gehörte schon immer die Desavouierung des Gegners. Indem man diesem die Glaubwürdigkeit streitig macht oder ihn sogar der Lächerlichkeit preisgibt, will man ihm Aktionsbasis und Legitimierung rauben. Auf der Durchführungsebene geschieht dies am besten, indem Dichtung und Wahrheit so fugenlos miteinander verbunden werden, daß es selbst dem Experten schwerfällt, das eine vom anderen zu unterscheiden. In diesem Sinne verfuhren die Nationalsozialisten, als sie einen Überfall polnischer Truppen auf den deutschen Sender Gleiwitz vortäuschten, um einen Vorwand für den Einmarsch in Polen zu haben – in Anbetracht ihrer vorhergehenden europäischen Politik ein durchsichtiges Manöver allerdings, das auf internationaler Ebene nicht mehr verfangen konnte. So oder so steht jedenfalls stets das Bemühen um Sprachregulierung zu eigenen Gunsten im Vordergrund, wie noch weiter auszuführen sein wird.

    Auf vergleichbare Weise wie einst Hitlerdeutschland inszenierten die USA einen Zwischenfall im Golf von Tonking – Auftakt zum blutigen Gemetzel des Vietnamkriegs, der von der regierungsamtlichen Propaganda jahrelang zum bloßen “Polizeieinsatz” heruntergespielt wurde. Gleichermaßen ist ein militärischer Rückzug zumindest in Zeiten der immer noch halbwegs funktionierenden Propaganda agitatorisch eine “planmäßige Frontbegradigung”, ein Einmarsch folgt meistens auf einen diesem angeblich vorausgegangenen “Hilferuf” der – natürlich stets unterdrückten – Bevölkerung”. Welcher Teil beispielsweise Kaschmirs auf der Landkarte als “befreit” und welcher als “besetzt” einzutragen ist, hängt im wesentlichen davon ab, ob man sich die indische oder die pakistanische Sicht der Dinge zueigen macht.

    Massaker an Zivilisten wurden (etwa im Zweiten Weltkrieg) mit schöner Regelmäßigkeit als “notwendige Maßnahmen der Partisanenbekämpfung” (natürlich zum Schutze der Zivilbevölkerung) gehandelt. Etwas moderner spricht man heute vom “Kampf gegen Terroristen”. Auch die “Niederschlagung konterrevolutionärer/revanchistischer Elemente” war bekanntlich eine Weile in begrifflicher Mode – gemeint war auch hier naturgemäß nur die schlichte Unterdrückung innenpolitischen Widerstands. Wo sich die eine Seite zu “Befreiungskämpfern” erklärt, spricht die Gegenpartei von “Rebellen”, “Freischärlern” oder mal wieder von “Terroristen”, und so weiter.

    Auch sonst herrscht an Vorführungen in Sachen Schönsprech kein Mangel: Ein Staatsstreich dient stets der “Rettung” des Vaterlandes, der Demokratie, der Freiheit oder ähnlich hehrer, wiewohl letztlich austauschbarer Ziele. Und das ehemalige “Kriegsministerium” ist auch schon lange zum Verteidigungsministerium geworden.

    Aus Soldaten werden erst “Staatsbürger in Uniform”, dann schließlich “Krisenreaktionskräfte” ihr Kampfeinsatz mutiert wie selbstverständlich zur “Friedenssicherung”, so wie man im offiziellen Sprachgebrauch der DDR jeden Spion zum “Kundschafter für den Frieden” nach sozialistischer Manier adelte.

    Was früher die “Judenfrage”, ist heute das “Ausländerproblem” und die “Asylantenschwemme” – o doch, auch wenn man ihnen zur Zeit noch keine gelben Sterne ans Revers heftet oder sie millionenfach auf Viehwagen in Todeslager abtransportiert!

    Bei einem so heterogenen Rohmaterial, wie es die Sprache nun einmal ist, können ungeschickte oder bösartige Entgleisungen naturgemäß nicht ausbleiben. Wenn da im Politikermund Formulierungen wie “Nullwachstum” oder gar “Minuswachstum” ausblühen oder dem Millionenheer der Arbeitslosen und Sozialhilfeempfänger der menschenverachtende Spruch vom “Freizeitpark Deutschland” um die Ohren gehauen wird, bleiben nachvollziehbarerweise auch Worthülsen wie “Neue Mitte” oder “Dritter Weg” nicht aus, um mit ihrem schalen Geklingel die inhaltliche Substanzlosigkeit des Un-Rhetorikers zu kaschieren.

    Das sollte freilich nicht darüber hinwegtäuschen, daß der schon seit eh und je von seiten der administrativen Instanzen vorgehaltene Versuch, die Sprache der Beherrschten möglichst wirksam in den Zugriff zu bekommen, mit unverminderter Härte fortgeführt wird.

    Verschärft wird die Situation noch dadurch, daß dieser Virus äußerst ansteckend ist. Selbst die (ohnehin nur zahlenschwachen) Kritiker administrativer Zu- und Übergriffe operieren mit ähnlichen Sprachverzerrungen und bedienen sich eines Vokabulars, das bei aller, manchmal sogar in einiger Schärfe vorgehaltenen, Kritik am Status quo doch mehr beschwichtigt und verschleiert als es Widerstände organisieren und Truggebilde entlarven würde. Dazu nur ein Beispiel: Wenn etwa von “sozialer Kontrolle” die Rede ist, verbirgt sich dahinter bei genauerer Betrachtung doch nur das schlichte Wort “Herrschaft des Menschen über den Menschen” mit all seinen häßlichen Begleiterscheinungen. Diese Entwicklung ist bis in die individuelle Umgangssprache des einzelnen hinein zu verfolgen.

    All dies gilt es zu berücksichtigen, will man zu einer fundierten Bewertung neuer technischer Produkte und Technologien gelangen, die entweder bereits von Anfang an als Instrumente administrativen Zugriffs konzipiert wurden oder sich in der Anwendungsfolge nahtlos auch ins Arsenal der amtlich-staatlichen Verfügungsgewalt einreihen. Außerdem gilt es, mit der gebotenen Nüchternheit an die Materie heranzugehen, denn mit wilden Spekulationen und Panik ist der Sache ebenso wenig gedient wie mit ihrer Bagatellisierung.

    Das schöngeredete Töten

    Der seit einigen Jahren gängige Begriff der “less-than-lethal (LTL) weapons” (auch als “non-lethal” beziehungweise “sub-lethal” bezeichnet), der sich im Deutschen immer noch am besten als “Niedrigintensitätswaffen” (auch: “sub-lethale Waffen”) übersetzt, spiegelt im innenpolitischen Sektor wider, was im militärischen Bereich schon länger gang und gäbe ist: Das Konzept vom “low intensity conflict”, worunter aggressiv mit Waffengewalt ausgetragene Konflikte verstanden werden, die nicht (oder noch nicht) die territoriale Gesamtheit eines klassischen Nationalstaats bedrohen oder auch nicht (respektive noch nicht) das Gewaltpotential eines klassischen Kriegs entwickelt haben. (Früher sprach man von “Kleinkriegen” und meinte damit im wesentlichen das selbe.)

    Doch so fließend, wie die Grenzen zwischen einem “richtigen” und einem “kleinen” Krieg im militärischen Sektor sind, so unscharf verlaufen sie auch auf dem Gebiet der zivilen, nichtmilitärischen Waffentechnologie.

    Genau das sollen sie allerdings auch, denn alle diese Begriffe stellen letztlich darauf ab, der Öffentlichkeit “Unschädlichkeit” und “kluge Zurückhaltung” seitens der befehlgebenden Instanzen zu suggerieren. In der täglichen Praxis sieht das dann so aus, daß beispielsweise gegen Demonstranten “Gummigeschosse” oder “Reizgas” eingesetzt werden – was sich zwar weniger schlimm anhört als der Gebrauch scharfer Munition, tatsächlich aber nicht selten die gleichen verstümmelnden bis tödlichen Auswirkungen hat.


    Im nächsten Teil:
    Detektion, Identifikation, Intervention: Das Dreimaleins der Herrschaft und sein technisches Arsenal

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